#1 RE: Kakerlaken trauern nicht von Ringelroth 09.03.2014 17:39

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Kakerlaken trauern nicht


Kapitel 1 - Der Terminator



Blatella germanica war der Lieblings-Fachausdruck von Günter Dremmer - gleich nach Blatta orientalis.
Diese Namen kamen ihm über die Lippen, wie unsereinem die Worte Erdbeereis oder Jägerschnitzel. Das soll nicht heißen, dass Dremmer beim Anblick von Kakerlaken – so der geläufige Name der kleinen Käfer - das Wasser im Munde zusammenlief. Aber wenn er feststellte, dass es sich diese unappetitlichen Tierchen in einer Küche gemütlich gemacht hatten, dann hörte er schon das Geld klimpern, das ihm deren Vertreibung einbrachte.

Günter Dremmer war selbständiger Schädlingsbekämpfer. Auch sonst war er ein Freund starker Worte. An seinem gelben Transit, der mit den notwendigen Arbeitsutensilien, Lockstoffen und Pestiziden beladen war, stand über seinem Namen und der Telefonnummer in feuerroten Großbuchstaben: TERMINATOR.

Es war eine Art Hassliebe, die Dremmer mit Silberfischen, Asseln, Fliegen und Schaben verband. Einerseits konnte er das Ungeziefer auf den Tod nicht ausstehen, andererseits hatte er es mit Hilfe der Insekten zu einer großzügig dimensionierten Behausung außerhalb der Stadt und einem relativ sorgenfreien Leben gebracht.

Sein Geschäft lief solange gut, bis einige seiner Mitmenschen erkannten, dass es in ihrer Stadt viel zu viele Schädlinge gab, aber viel zu wenig Experten, die sich mit deren Ausrottung auskannten. So wuchs im Laufe der Zeit die Zahl seiner Konkurrenten. Und im gleichen Ausmaße sank sein Einkommen.
*

Eines Abends saß Günter Dremmer im Arbeitszimmer seines Anwesens und dachte darüber nach, wie er Mittel und Wege finden könnte, um aus seinem Dilemma herauszukommen. Auf die Hilfe eines Partners musste er verzichten, denn er lebte alleine. Frauen hielten es nie lange bei ihm aus. Mag sein, dass es daran lag, dass er mit Wasser, Seife und Zahncreme eher, sagen wir mal sparsam umging. Mag sein, dass es am Rotweinnebel lag, der ihn ständig umgab.
Mit der Zeit hatte er es aufgegeben, nach Gründen zu suchen. Seiner Meinung nach, waren Frauen sowieso ein teurer Zeitvertreib und verursachten nur Ärger. Da war ihm seine Unabhängigkeit allemal lieber.

Vor ihm lag ein leeres Blatt Papier und ein Stift, damit er sich gleich Notizen machen konnte, falls ihm die Erleuchtung kam. Im Mundwinkel hielt er das Villiger-Zigarillo zwischen den gelben Zähnen und starrte im Schein der Schreibtischlampe in sein volles Weinglas. Seine struppigen roten Haare waren das Ebenbild seiner Gedanken. Sie standen kreuz und quer, zeigten in alle Richtungen und waren bar jeder Ordnung.

Als er am Morgen aufwachte, lag sein Kopf auf dem zerquetschten Zigarillo, die Weinflasche war leer und der Stift hatte auf das Papier ein seltsames Muster gekritzelt, das aussah, wie eine herausgestreckte Zunge. Das Kreuz tat ihm weh, und sein Nacken war hart wie ein Stück Holz. Seine Zunge schien sich über Nacht vom restlichen Körper getrennt zu haben und zu einem ausgestopften Pelztier mutiert zu sein. Während er den Pelz mit seinen Zähnen nach eventuell doch noch vorhandenen Lebenszeichen untersuchte, schleppte er sich unter die Dusche.

Genau in dem Moment, als er das Wasser aufdrehte, kam ihm die rettende Idee. Deshalb hielt er sich auch nicht lange mit der Körperreinigung auf, sondern rannte klatschnass und wie Gott (Gott?) ihn schuf zurück ins Arbeitszimmer zur Kundenkartei. Da waren sie! Alle Namen und Adressen derjenigen, die er einmal aus einer misslichen Lage gerettet hatte.
Es wird Zeit, dachte er, dass ihr wieder einen Grund bekommt, meine Telefonnummer zu wählen.

Die Blatella germanica, auch Hausschabe genannt, war genau das Richtige, entschied Dremmer. Diese kleinen Biester sollten ihm dazu verhelfen, seinen Kontostand wieder ins Lot zu bringen. Schon am nächsten Tag begann er, seine umsatzfördernde Idee in die Tat umzusetzen. Es war für ihn ein Leichtes, ein paar lebende Störenfriede bei einem seiner Einsätze unbemerkt einzusammeln. Auf dem Trödelmarkt besorgte er sich zwei Glasterrarien, die ihm als Aufzuchtsstation dienen sollten. Er bot den Krabblern bei sich zu Hause eine neue, artgerechte Unterkunft, in der sie sich wohlfühlten und fruchtbar waren.

Nennt man das nun ein Insektarium, oder eher ein Kakerlakium? ging es ihm durch den Kopf, als er sein Werk betrachtete. Wie auch immer. Es sollte vor allen Dingen der Fastenzeit seines abgemagerten Girokontos ein schnelles Ende bereiten.

Um die zwanzig Eier konnte so ein Kakerlakenweibchen in seiner Legeröhre mit sich herumtragen. Für jeden Kunden ein schwangeres Weibchen. Das müsste reichen. Jetzt blieb nur noch ein Problem. Wie kamen die Tierchen zum Kunden?
Man müsste einen Weg finden, die "Ware" in die Wohnungen einzuschleusen, ohne dass der Betreffende etwas davon bemerkt.
Er konnte sie ja schlecht mit der Post schicken. Oder etwa doch? Und da hatte er auch schon den nächsten Geistesblitz. Zwei Tage später klingelte bei seiner Kundin, Frau Kornblum, das Telefon.

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Hier geht es zu → Kakerlaken trauern nicht - Kapitel 2

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#2 RE: Kakerlaken trauern nicht von Martin E 11.03.2014 17:50

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bin schon gespannt wie's weiter geht.
Hab nur bei "Fastenzeit des abgemagerten Kontos" ein wenig gestutzt. Das finde ich gedoppelt.
Mir ist natürlich gleich die Kakerlake aus "Men in Black" in den Sinn gekommen:

"MEHR ZUCKER!"

#3 RE: Kakerlaken trauern nicht von Ringelroth 11.03.2014 18:51

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Hallo Martin E,
ich nenn die Fastenzeit des abgemagerten Kontos einfach eine Verstärkung, ändern kann ich es hier im Forum nicht, wie einige andere auch bereits gemerkt haben
Spätestens morgen will ich die Fortsetzung posten - bis dahin sabber - sabber...
Übrigens sind meine Kakerlaken nicht mit dem Brummer in Mib verwandt.

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