#1 Argus von Argus 14.03.2014 20:51

Des Söhnleins Begehren

„Von wegen, keine adäquate Arbeit. Du gehst heute noch zum Berufsberater.“
„Papa, ich möchte Dichter werden.“
„Das braucht keiner zu werden, Poesie gehört zum Leben. Dichter ist man.“
„Ja, Papa, und als Schriftsteller muss man schreiben.“
„Ja, und als Säufer muss man saufen. Von wegen, nichts als Hirngespinnste. Und Lyrik ist was für Mädchen oder Schwule.“
„Papa, ich beschäftige mich mit psychologischen, moralischen und soziologischen Problemen. Ist doch besonders wichtig in der heutigen dekadenten Zeit.“
„Du hast nichts gelernt. Deine psychologischen Kenntnisse pfeifen in unserer Wissenswelt eh längst die Kleinkinder aus ihren Pampers. Und der Säufer
bleibt ein Säufer, ob er nun trocken ist oder nicht.“
„So nicht, Papa.“
„Populärwissenschaftliche Interpretationen über unser Universum sind gefragt, das wäre spannend, hart dran an den Geheimnissen des Seins. Dazu müssest du erst mal studieren.“
„Ich bin jetzt in einem Internet-Schreibforum. Dort sind lauter Literaten drin.“
„Du dummer Junge!“
„Im Schreibforum lerne ich mich zu vervollkommnen.“
„Was willst du denn vervollkommnen, deine Unvollkommenheit. Geh’ in die Wissenschaft und nimm erst mal ein paar Säufergehirne auseinander.“
„Papa, dessen bedarf meine Poetenseele nicht. Ich kann mich einfühlen in die verborgensten Hirnwindungen der Menschen.“
„Du bist ja nicht ganz dicht.“
„Drum, Papa, lass mich Dichter werden!“


Okay, so wie in dem kl. Dialog ist es natürlich nicht gewesen. Für die meisten ist Schreiben ja nicht mal eine Nebenbeschäftigung, sondern
ein Hobby oder nur ein kurzfristiges Bedürfnis. Und ohne die Möglichkeit des Netzes würde wohl kaum jemand etwas davon veröffentlichen können.

Die Frage, warum schreibst du oder hast geschrieben, ist für mich uninteressant. Genauso, als würde man mich fragen, warum
bist du letzten Freitag in die Kneipe gegangen? Würde ich antworten, weil mir danach war, ergäbe sich schon die nächste Frage: Und wieso
war dir danach? Usw.

Ich hatte mich vor drei Jahren in meinem persönlichen Umfeld als Forenschreiber geoutet. Die prompte Reaktion: ein Internetschmierfink.
Glücklicherweise war aber gerade parallel dazu ein Text von mir aus dem Netz gezogen worden, von einem Schulbuchverlag. Und dieses
Buch zur Vorbereitung auf den Realschulabschluss zeigte ich meinen lästernden Gegenüber. Schlagartig zollte man mir Respekt und
Anerkennung, was mir dann aber schon wieder etwas peinlich war.

Argus

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