#1 Birge Laudi: Das Abendlied der Amsel von OnlineRoman 16.03.2014 08:18

avatar

Tiere - Tiergeschichten - Kurzgeschichte - Birge Laudi

Das Abendlied der Amsel


© Birge Laudi

Es war ein Tag im März und ihre Stimmung war trübe. Er sagte: „Schreib eine Geschichte; das hilft.“
Die Idee gefiel ihr und sie setzte sich hin und schrieb. Es sollte eine Geschichte über den Frühling werden. Sie trug den Titel: Das Abendlied der Amsel.

Im Morgendunst sang die Amsel auf dem Dachfirst. Ihr Gesang war fordernd. Ihm fehlt der Schmelz, den er in der Abenddämmerung hatte, wenn die Melodien die Herzen rührten, Sehnsucht und Erinnerung weckten. Morgens aber strotzten die Lieder von Kraft und Energie.
Die Katze schaute zur Amsel hinauf und ihr Schwanz zuckte im Jagdfieber. Doch sie gab sich gelangweilt: Pah, saure Trauben! Ich mag keine Amseln!
Wolken zogen auf. Es begann zu nieseln, doch unbeirrt sang die Amsel ihr Morgenlied. Die Katze rannte nach Hause und tobte dort ihren Frust aus, biss und kratzte und schlug die Krallen in den Teppich: Amseln sind blöd! Amseln schmecken nicht!

Als sie fertig geschrieben hatte, gab sie ihm den Text. Er verzog das Gesicht und sagte: „Das ist eine Beobachtung, keine Geschichte. Gib dir Mühe.“
Sie setzte sich wieder an den Schreibtisch und versuchte, sich Mühe zu geben.

Es war an einem Morgen im März. Die Katze schielte, Gier in den Augen, hinauf zum Dachfirst, wo die Amsel sang. Der Körper der Katze zitterte im Jagdfieber: Dich kriege ich schon noch, du Aas. Mir wird es nicht so gehen wie dem Fuchs mit den sauren Trauben!
Es begann zu regnen und der Gesang der Amsel versiegte. Die Katze rannte nach Hause und ließ dort ihrem Ärger freien Lauf. Sie war den Menschen mit ihrer schlechten Laune den ganzen Tag eine Last.
Als der Abend kam, hatte sich das Wetter beruhigt. Zum Tagesausklang saß die Amsel wieder auf dem Dachfirst und sang. Ihr Abendlied, sanft und schmelzend, rührte zu Tränen. Ihr war, als seien nicht 66 Jahre vergangen. Sie wurde wieder zu dem Kind, das aus der Kindheit nichts mitgenommen hatte als das Abendlied der Amsel. Die Bomben hatten ihr die Erinnerung genommen, die Siegermächte die Heimat, doch das Lied der Amsel war ihr geblieben.
Die Katze kam und setzte sich zu ihr. Sie war ganz Liebe und Friede und es war, als lausche auch sie dem Gesang.

Als sie das geschrieben hatte, gab sie es ihm zum Lesen und wieder war er nicht zufrieden.
„Was soll das sein? Eine sentimentale Kindheitserinnerung? Du überlässt die Hauptrolle in der Geschichte nicht der Amsel. Einmal ist es die Katze und einmal bist du es. Versuch es noch einmal, schreibe eine Geschichte nur über eine Amsel.“
Er hatte recht und sie war verzagt. Eine Geschichte über eine Amsel? Sie wollte es versuchen.
„Amseln sind blöd“, hatte er gesagt. „Sie singen einmal früh und einmal am Abend und das nur im Frühling. Den Rest des Jahres über machen sie nur Unfug. Sie keckern, sie scharren in den Beeten und sie zerrupfen Tulpen und Krokusse.“
„Das stimmt schon alles“, sagte sie. „Aber sie singen doch so schön.“
„Andere Vögel singen auch schön und picken nicht Erdbeeren und Weintrauben an. Die Amseln sind Schädlinge.“
Dagegen ließ sich nichts sagen, denn er hatte nicht die gleiche Erinnerung an den Gesang der Amsel wie sie.

Die Amsel auf dem Dachfirst war ein Männchen. Sein gelber Schnabel bewies es und sein ganzes Gehabe: Ein wenig zu laut und rüpelhaft und sofort zum Kampf bereit, tauchte ein anderes Männchen auf.
Das beste Brutgebiet hatte er erobert; bis auf die Katze. Dieser aber hatte er mit seinem Geschrei das Fürchten gelehrt, und schoss er im Tiefflug über sie hinweg, dann hatte er den Garten wieder für sich allein.
Noch weit mehr ließe sich über den Amselmann erzählen – das aber sei keine Geschichte, würde er sagen, und so mühte sie sich weiterhin.
Sie könnte den Amselmann sterben lassen. Dafür gab es viele Möglichkeiten, angefangen vom Ablauf der Lebensuhr bis hin zu einem Überraschungssieg durch die Katze oder gar dem Tod an der Windschutzscheibe eines Autos. Nein, die Amsel sollte nicht sterben, damit es eine Geschichte wurde. Sie wollte nichts, als den häufig wechselnden Kadenzen und Liedern der Amsel zu lauschen. Sang sie frühmorgens anders als am Abend? Waren es jeden Tag die gleichen Lieder? Sang der Amselmann bei Regen andere Melodien als im Sonnenschein? Sie wusste es nicht, setzte sich auf die Bank vor dem Haus, hing den Erinnerungen nach und lauschte den Gesängen des Amselmannes, der damit ein Weibchen anlocken wollte: Komm hierher, sang er. Im Efeu ist der beste Brutplatz!
Bei seinem Gesang verlor sie sich in der Vergangenheit. Sie stand wieder auf der Terrasse und die Amsel sang. Sie sang, als die Bombergeschwader am Himmel vorüber flogen und sie sang als sie wieder kamen. Und dann sang die Amsel nicht mehr. Die Bomben hatten das Haus getroffen und sie verlor ihre Erinnerung. Nur das Abendlied der Amsel war ihr geblieben.

Die Amsel sang das ganze Frühjahr über. Eine Amselfrau erlag dem Werben und sie legte Eier in das Nest im Efeu: Ein Happy End. Eine richtige Geschichte aber wollte aus dem Gesang der Amsel nicht werden.

*

Diese und zwanzig weitere Geschichten gibt es in dem eBook

Birge Laudi
Allerlei Getier
Geschichten über das Zusammenleben
von Mensch und Tier

Amazon Kindle Edition
ASIN B006UTJ5Y2

Einundzwanzig Geschichten über das Zusammenleben von Mensch und Tier. Mit Humor und einem Augenzwinkern erzählt die Autorin vom alltäglichen, gelegentlich skurrilen Miteinander und Gegeneinander von allerlei Getier und den Menschen. Geschichten für Tierfreunde und für alle, die es noch werden wollen.

Bitte diesen Link weitersagen:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/B006UTJ5Y2/nxb-21




*

Foto: Schwarzamsel, Männchen © Ronald Henss
Wer Lust hat, kann ja mal in → Ronalds Bilderbuch auf Facebook reinschauen

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz