#1 Kakerlaken trauern nicht - Kapitel 3 von Ringelroth 20.03.2014 17:42

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Kakerlaken trauern nicht



Kapitel 3 - Konditormeister Kronberg sinnt auf Rache

Sein Geschäft lief wieder hervorragend, und er konnte nach gut vier Monaten eine Zwischenbilanz ziehen. Zweiundvierzig verschickte "Geschenke" ergaben dreißig Hilferufe. Von den restlichen zwölf Altkunden hatte er nichts gehört. Das konnte mehrere Gründe haben. Entweder hatten diese Leute bei der Konkurrenz angerufen, oder noch gar nicht bemerkt, dass sie neue Untermieter hatten. Oder aber die Tierchen hatten den Transport nicht überlebt. Trotzdem konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Die Quote lag bei mehr als einundsiebzig Prozent.
Ein Erfolg, auf den er stolz war, und für den er sich mit einem einwöchigen Wanderurlaub im Schwarzwald belohnte. Er hatte seine "Haustiere" ausreichend mit Nahrung versorgt und machte sich alsbald auf die Reise.

Während Günter Dremmer einige Höhen und Täler des südwestdeutschen Mittelgebirges mit heiterem Herzen und schmerzenden Füßen durchschritt, hegte in seiner Heimatstadt ein gewisser Friedemann Kronberg, seines Zeichens Konditormeister und ebenfalls neuer "Altkunde" Dremmers, einen schlimmen Verdacht.
Er war der Letzte, den Dremmer vor seinem Urlaubsantritt von den ungebetenen Gästen erlösen musste. Und wie es der Zufall will, erfuhr der Konditor innerhalb von vier Tagen von drei seiner Kunden, darunter auch die liebe Frau Kornblum, dass alle schon zum zweiten mal den Kammerjäger rufen mussten. Bei diesen Gesprächen wurde natürlich auch das nette Präsent der Firma G. Dremmer erwähnt, welches allen Betroffenen jüngst zugestellt worden war.

Weder Frau Kornblum, noch die anderen beiden Beschenkten, stellten einen Zusammenhang zwischen Geschenk und neuerlicher Schabenplage her. Aber Friedemann Kronberg war sich sicher, dass der Terminator seine Finger im Spiel haben musste. Er konnte Dremmer schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen keine Sympathie entgegenbringen.

Zu seiner Frau sagte Kronberg damals: "Hast du die gelben Zähne gesehen? Und stinken tut er auch. Wenn der zwei Fühler auf der Stirn und zwei weitere krumme Beine am Arsch hätte, wäre er die größte Kakerlake der Welt!"

Friedemann Kronberg war ein Unikum. Gut hundertneunzig Zentimeter lang und schwer wie eine Teigknetmaschine. Wenn sie gefüllt war, versteht sich. Wenn er am Morgen mit seiner Arbeit in der Backstube fertig war, und sein Geselle Feierabend hatte, stellte er sich noch für ein bis zwei Stunden hinter die Ladentheke und half beim Verkauf. Aber nicht, weil er ein netter Chef war, der seine Verkäuferinnen entlasten wollte. Er plauderte nur gerne mit seiner Kundschaft und machte dabei seine derben Späße, die nicht nach jedermanns Geschmack waren. Das war Kronberg aber egal. Den Frauen vor und hinter der Theke war es oftmals peinlich.
Er stand zwischen Sauerteigbrot und den "Pralinen nach altem Hausrezept", stemmte seine Hände, so groß wie Kohlenschaufeln, auf die Theke und lachte selbst am lautesten über seine unverschämten Zoten. Seine Körpermasse begann dabei so stark zu vibrieren, dass man im nahegelegenen Seismologischen Institut in helle Aufregung geraten konnte.

Den Zorn einiger seiner Stammkunden, vornehmlich der weiblichen, hatte er erregt, als er vor zwei Jahren zur Karnevalszeit aus rosafarbenem Marzipan Frauenbrüste kreierte und in seinem Geschäft anpries.
In diesem Jahr ging er, unbeirrt von Kritik, einen Schritt weiter und legte Marzipan-Penisse in seine Auslagen. Der Verkauf verlief schleppend. Was weniger an der Qualität der naturgetreu geformten Exponate lag, sondern vielmehr am Schamgefühl seiner Kundinnen - und seiner Verkäuferinnen.

Kurz gesagt, die Größe seines Selbstwertgefühls konnte mühelos mit der Höhe des Eiffelturms konkurrieren, und er fürchtete nichts und niemanden. Außer vielleicht eine Buchprüfung des Finanzamtes. Kronberg musste auch im Verdachtsfalle Dremmer nicht lange überlegen, was zu tun war. Ihm war bekannt, dass der Kammerjäger erst am Sonntag aus dem Urlaub zurück kommen würde.
Also, beschloss er, dessen Wohnung am Samstagabend einer Inspektion zu unterziehen.

Die Wohnungstür Dremmers bot der "rasenden Knetmaschine" keinen nennenswerten Widerstand. Als er die, zwischen Küche und Bad liegende, Abstellkammer betrat, fand er seinen Verdacht bestätigt. In seiner ersten Rage, wollte er die beiden Glasbehälter mit den platten Käfern zertrümmern.
Doch dann hielt er inne, atmete tief durch und machte sich mit hochrotem Kopf und einem Blutdruck wie ein Dampfhammer auf den Heimweg.

Wieder zu Hause, dachte er bei einem Sechserpack Bier gründlich darüber nach, wie er dem Riesenkakerlak die ekligen Fühler verbiegen könnte. Als das letzte Bier in seinem Bauch war, hatte er seinen Racheplan im Kopf. Er würde ihn mit seinen eigenen Waffen schlagen - und zwar endgültig. Friedemann Kronberg würde persönlich und uneigennützig dafür sorgen, dass diese stinkende Gelbzahnschabe nie wieder unschuldigen Mitbürgern Schaden zufügen könnte.
Mit diesem heroischen Gedanken ging Friedemann Kronberg zu Bett.
*

Am Montagmorgen saß Günter Dremmer auf dem Toilettendeckel im Badezimmer seiner Wohnung und versuchte mit einer Stecknadel eine der großen Blasen an seinen Fersen aufzustechen. Die neuen Wanderschuhe waren zwar teuer und der Verkäufer im Sporthaus Stelzinger war so überzeugt von der Qualität der Treter, dass Dremmer gar nicht anders konnte, als sie zu kaufen. Doch er hätte sie vielleicht besser eine Nummer größer nehmen sollen.
Mit schmerzverzerrtem Gesicht saß er da und tupfte mit einem Stück Klopapier, die aus der Blase laufende Flüssigkeit ab. Da klingelte sein Telefon. Barfuß und mit Leidensmiene humpelte er an den Apparat.

"Schädlingsbekämpfung Dremmer. Was kann ich für Sie tun?"
Er stand auf einem Bein, stützte sich mit einer Hand auf den Schreibtisch und presste den angestochenen Fuß in die Kniekehle seines Standbeines.

"Morgen, Dremmer. Hier spricht Kronberg. Konditormeister Kronberg. Ich habe ein Riesenproblem, mein Guter, und Sie sind der Einzige, der mir dabei helfen kann. Sie wissen doch, dass ich draußen am Weiher eine kleine Blockhütte habe, wo ich das Wochenende verbringe, wenn ich zum Angeln fahre.“

"Ja, schon. Sie hatten mir mal davon erzählt. Aber was ...?"

"Ameisen! Verstehen Sie? Dort ist alles voller Ameisen! Riesige Waldameisen. Die halten meine Hütte besetzt und verseuchen mir die ganzen Vorräte. Dagegen müssen Sie was tun! Und zwar schnell! Haben Sie gehört?" Kronbergs Stimme dröhnte dermaßen, dass Dremmer den Hörer unwillkürlich ein Stück von seinem Ohr weg nahm.

"Ja, ja, Herr Kronberg. Aber zur Zeit bin ich ..."

"Sie sind der Beste, Dremmer", unterbrach ihn Kronberg.
"Deswegen ruf ich ja bei Ihnen an und nicht bei Ihrer Konkurrenz", schleimte er. "Könnten Sie es einrichten, gegen zehn Uhr bei der Blockhütte zu sein? Sie wissen ja, wo die ist. Ich muss die Mistviecher so schnell wie möglich los werden. Rapido! Verstehen Sie?“

"Oh, das trifft sich aber schlecht, Herr Kronberg.“ Dremmer setzte sich vorsichtig auf seinen Stuhl. "Ich hab mir im Urlaub faustgroße Blasen gelaufen und komme in keinen Schuh. Eigentlich wollte ich erst am Mittwoch ..."

Wieder unterbrach ihn Kronberg. "Ist doch kein Beinbruch, Dremmer. Ich bin um zehn bei Ihnen und hole Sie ab. Ziehen Sie offene Latschen an, dann geht das schon. Ihre Giftspritzen und was Sie sonst noch brauchen, laden wir in meinen Kombi. Also, bis um zehn.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, legte Kronberg auf.

"Scheiße!", sagte Dremmer und schaute gequält auf seine Ferse.


...

hier geht es zum Teil 4 von "Kakerlaken trauen nicht"

#2 RE: Kakerlaken trauern nicht von KarinR 21.03.2014 17:15

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Du schreibst gut. Klingt nach alten, immer wieder gern gelesenen Tönen.Eben nicht so verkrampft flappsig, ist ja "in", naja, Bester Gruß, Karin

#3 RE: Kakerlaken trauern nicht von Ringelroth 21.03.2014 17:20

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Hallo Karin,

danke für dein Lob. Du weißt, es ist das, wovon wir Schreiberlinge nieeeee genug bekommen können.

Gruß
Ringelroth

#4 RE: Kakerlaken trauern nicht von KarinR 21.03.2014 17:30

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Ja. Gern gesagt, bester Gruß, Karin

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