#1 Das Apfelmännlein von masch 25.03.2014 18:50

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Das Apfelmännlein

"Er kommt! Er kommt!", Sabine hüpft vor Aufregung auf einem Bein. Ihre dicken braunen Zöpfe wippen im Takt. Seit einer halben Stunde springt sie in immer kürzeren Abständen von ihrem Malplatz auf und läuft ans Fenster, um wenig später enttäuscht zurückzukehren. Ihr Bild ist noch nicht mal halb fertig und nun wird daraus wohl auch nichts mehr werden.
Die anderen Kinder hält jetzt auch nichts mehr auf ihren Plätzen. Sie laufen zu Sabine und drücken ihre Nasen an den Fensterscheiben platt. Farbverschmierte Kinderhände hinterlassen ihre Spuren auf dem Glas.
"Na, toll!", seufzt Fräulein kaum hörbar und betrachtet ratlos ihre eigenen schmutzigen Finger.

Draußen hat ein schwarzglänzender Mercedes gehalten. Zuerst steigt ein großer, schlanker Mann aus. Seine Bewegungen sind forsch und wirken jugendlich. Doch die grauen Strähnen in seinem schwarzen Haar und das kummervolle Gesicht passen nicht so recht dazu. Der Mann öffnet die hintere Wagentür und sagt etwas. Fräulein Lisa kann sehen, wie sich seine Lippen bewegen und sich gleichzeitig eine tiefe Falte über der Nasenwurzel bildet. Langsam wird im Wageninneren eine kleine Gestalt sichtbar. Unter einer Schirmmütze schauen blonde Locken hervor. Große, ängstliche Kinderaugen blicken zum Vater auf.

Kurze Zeit später öffnet sich die Tür und der Mann tritt ins Zimmer. Ein Räuspern: "Ja, also da sind wir." Er greift hinter sich und zieht den Jungen, der sich in den Falten des väterlichen Mantels versteckt, am Arm nach vorn.
Da steht er nun, den Blick starr zu Boden gerichtet. Fräulein Lisa sieht seine Unterlippe leicht zittern und sie könnte schwören, dass an den langen blonden Wimpern eine Träne glitzert. Sie macht einen schritt auf den Jungen zu, lächelt und hält ihm ihre verkleckste Hand hin: "Herzlich willkommen bei uns, Felix." Doch der starrt nur auf die ausgestreckte Hand und rührt sich nicht.
"Ich hole ihn so gegen Fünf wieder ab, in Ordnung?" Ohne eine Antwort abzuwarten, dreht sich der Vater um und geht. Es sieht ein bisschen nach Flucht aus.

Fräulein Lisa stellt verwundert fest, dass ihre ausgestreckte Hand wie ein verlassenes buntes Vögelchen in der Luft hängt und lässt sie sinken. Noch immer lächelnd dreht sie sich zu den anderen Kindern um und sagt: "Das ist Felix. Er ist taub."

Nun hält es Sabine nicht länger aus. Sie stürmt auf Felix zu, nimmt ihn bei der Hand und zerrt ihn zum Tisch. Dort drückt sie ihn auf einen Stuhl, schiebt ihm ein weißes Blatt Papier und ihren Tuschkasten hin. Dann stupst sie den reglosen Jungen an und befiehlt: "Mal!"
Aus Felix Augen tropfen dicke Tränen auf das Papier. Bestürzt schaut Sabine Fräulein Lisa an. Die löst sich aus ihrer Erstarrung und klatscht in die Hände. "Also gut. Räumt die Malsachen weg und wascht euch die Hände. Ich werde euch eine Geschichte erzählen."

Als hätten sie nur auf dieses Kommando gewartet, kommt nun Leben in die Kinder. Während sie schnatternd umherwuseln, setzt sich Fräulein Lisa neben Felix. Sie nimmt ihr säuberlich gefaltetes Taschentuch heraus und tupft Felix damit behutsam die Tränen ab. Da schaut er sie das erste Mal an. Sanfte dunkelbraune Augen mustern sie. Verwirrt lächelt Fräulein Lisa. Sie hebt ihre Hände ein wenig und lässt ihre Finger sprechen: "Keine Angst! Es wird alles gut." Felix' Augen weiten sich erstaunt. Ein winziges verstehendes Lächeln huscht für den Bruchteil einer Sekunde über sein Gesicht.

Die Kinder kehren nach und nach an den Tisch zurück und setzen sich. Gespannte Stille tritt ein. Fräulein Lisa holt tief Luft und beginnt zu erzählen:

[i]Es war einmal ein klitzekleines Männlein. Das wohnte in einem Apfel. Mitten im Kernhaus hatte es sich ein gemütliches Zimmer eingerichtet. Doch es war recht einsam dort. Also dachte sich das Apfelmännlein jeden Tag kleine Geschichten aus und erzählte sie den Apfelkernen. Aber die interessierten sich nicht dafür. Da wurde das Apfelmännlein sehr traurig. "Ach, wenn ich doch einen Spielkameraden hätte"; sprach es zu sich selbst. Plötzlich war ein Klopfen und <schaben zu hören, ein Knacken und Knirschen. Erschreckt schaute sich das Männlein um. Auf einmal erschien ein winziges Löchlein in der Apfelzimmerwand und die Geräusche wurden lauter. Aus dem loch lugten zwei kleine schwarze Äuglein hervor und bald schob sich ein Würmchen ganz heraus. "Guten Tag"; grüsste es höflich. "Bitte entschuldige die Störung, aber ich wusste nicht, dass dieser Apfel schon bewohnt ist." Das Apfelmännlein hatte sich von seinem Schreck erholt und antwortete hastig: "Guten Tag, guten Tag! Du störst überhaupt nicht. Bleib doch hier und höre dir meine Geschichte an."
"Oh, es tut mir sehr leid, aber ich kann dich nicht verstehen. Wir Würmer haben nämlich keine Ohren, weißt du? Aber wenn du willst, bleibe ich ein bisschen hier. Vielleicht finden wir doch einen Weg, uns miteinander zu unterhalten."
So kam es, dass die zwei Freunde wurden. Vielleicht findest du ja eines Tages den Apfel, in dem die beiden wohnen und kannst auch ihr Freund sein."[i]

Während Fräulein Lisa spricht, tanzen ihre Hände unablässig auf und ab, formen die Finger unerklärliche Zeichen. Doch Felix lässt keinen Blick davon. Er kann sie verstehen.

Punkt Fünf hält der Mercedes wieder vor dem Haus. Die Kinder spielen im Garten Fangen. Felix sitzt auf einer Bank und beißt gerade herzhaft in einen rotbäckigen Apfel. Prüfend schaut er zuerst den Apfel an, dann Sabine, die neben ihm sitzt. Plötzlich zucken beide die Schultern und lachen.

Fräulein Lisa winkt den verblüfften Mann im Auto fröhlich zu: "Sie suchen das Apfelmännlein", ruft sie und lächelt dabei sehr zufrieden.

#2 RE: Das Apfelmännlein von Chebrö 27.03.2014 20:01

Hallo Masch,

prima Geschichte, klasse sicher zum Vorlesen auch.

Pädagogisch-sozial perfekt und echt mal fehlerfrei getippt hier, danke.

Herzlicher Gruß,

der Chebrö

#3 RE: Das Apfelmännlein von masch 30.03.2014 21:57

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Vielen Dank für die Blümchen.
Ich hab mal an einem Lehrgang zum "Schreibenlernen" teilgenommen. Das war vor 10 Jahren. Dabei ist unter anderem das Apfelmännlein entstanden. Aus heutiger Sicht finde ich es eher stöckern und zu abgezirkelt geschrieben - so wie du sagst: PÄDAGOGISCH-SOZIAL KORREKT: Heute würde ich die Idee vielleicht anders umsetzen. Ich wollte halt mal testen ... Du bist der einzige oder die einzige, der/die reagiert hat. Danke. Und das mit der Fehlerfreiheit... ich bin bemüht um ein sauberes und orthografisch fehlerfreies Deutsch (Klappt leider nicht immer).

masch

#4 RE: Das Apfelmännlein von Mila 22.04.2014 00:39

Also ich mag diese Geschichte. Sehr sogar.
Ich denke das ist eine Geschichte für Kinder, mit der auch wirklich Kinder erreicht werden. Meiner Meinung nach ist es nicht leicht sich in Kinder so hinein zu versetzen, dass Geschichten sie auch erreichen.
LG Mila

#5 RE: Das Apfelmännlein von masch 22.04.2014 23:56

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Danke Mila, das geht runter wie Öl...
Manchmal denke ich, man muss nur ganz tief in sich hineinhorchen, um das Kind in sich selbst zu spüren. Da ist es in jedem Fall, aber nicht jeder kann oder will es noch erreichen. Es ist doch aber etwas Wunderbares, die Welt durch und mit den Augen eines Kindes zu betrachten. Ich beneide Kinder um diese Unbeschwertheit, wie selten spüren wir Erwachsenen mit unseren alltäglichen Sorgen und Pflichten diese.

masch

#6 RE: Das Apfelmännlein von Timm Thaler 23.04.2015 14:00

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Das ist eine sehr schöne Geschichte - gratuliere! Vielleicht wollt ihr mir eine Rückmeldung zu meiner Geschichte geben? Danke.... :-)



„Hoppla!“, sagte der kleine Erfinder und sah erstaunt auf die sternförmige grüne Pfütze, die langsam über den Boden kroch.
Seine neue Erfindung war ihm einen Augenblick zuvor aus der Hand geglitten: Spinat, der nach Schokolade schmeckt.

Eine Wolke voll Schokoladenduft zog durch das Labor und versetzte die sechsbeinige Katze auf dem silbernen Spültisch in helle Aufregung.
„Keine Angst, Petunia“ kicherte der kleine Erfinder und wischte sich zwei Spritzer der grünen Soße von seinem Hemd. „Sputnik macht das gleich wieder sauber.“ Kaum hatte er den Mund wieder geschlossen, ging die Klappe unter dem gläsernen Werkzeugschrank auf, und eine Goldkugel auf drei roten Rädern sauste auf die Spinatschokolade zu.
Mit einem lauten schmatzenden Geräusch verschwand der grüne See unter Sputnik, Sekunden später sah es aus als wäre nie etwas herunter gefallen.

Petunia fauchte leise und sprang mit einem eleganten Satz vom Spültisch auf die Schulter des kleinen Erfinders. “Versuch gelungen!“ schrie dieser und vollführte einen wilden Freudentanz. „Spinat, der nach Schokolade schmeckt! So etwas hat die Welt dort oben noch nicht gesehen! Das ist fast so gut wie meine Zahnbürste auf Beinen! Oder die Haarverlängerungsschere! Oder die Klospülung mit Musik!
Fräulein Petunia, ich gratuliere uns!“ Es folgte eine tiefe Verbeugung und die Katze rutschte mit allen sechs Beinen voraus auf den Fußboden.

Leider hatten die Menschen noch nichts von seinen Erfindungen bemerkt, das lag vor allem daran, dass der kleine Erfinder tief unter einem See lebte. Wenn man tief unter der Erde so weit ging wie der See tief war, dann, und nur dann konnte man ihn vielleicht treffen.
Doch dafür haben die Menschen ja keine Zeit.
Lachend hüpfte er nun auf seinen Drehstuhl und sauste wie eine Billardkugel von einer Wand zu anderen. Petunia schoss mit ihren sechs Beinen wie ein schwarzer Blitz voraus und freute sich, dass der Stuhl sie nicht einholte.

„Also, noch mal von vorne.“ Der kleine Erfinder hielt an und legte nachdenklich seine Stirn in Falten. „Ich mixe das Ganze zum zweiten Mal und Du überlegst wem wir damit eine Freude machen können, meine Schöne.“ Flugs schwang er sich aus seinem Gefährt und –zack,zack,zack- standen hundert verschiedene Fläschchen und Tuben auf dem Tisch. Er mixte und schüttelte, schöpfte und rührte, probierte und beobachtete, bis er unter seinen Wuschelhaaren schwitzte und die blaue Fliege unter seinem Kinn vor Anspannung zitterte. Drei Stunden später färbte sich das erste Reagenzglas grün.
„Prima. Klasse. Fertig.“ Mit wichtigem Gesichtsausdruck starrte er auf sein Werk.

Unterdessen räkelte sich Petunia auf dem Fußboden und gab Laute wie ein Baby von sich.
„Hhm, was willst Du mir sagen, liebe Freundin?“, fragte der kleine Erfinder verständnislos nach unten und versuchte sich ihr Verhalten zu erklären. Auf einmal schlug er sich mit der flachen Hand auf die Stirn. „Ah! Du meinst wir sollten unsere Erfindung in Babygläschen füllen? Was für eine Idee….“ Aufgeregt drückte er einen roten Knopf in der Wand und kurz darauf fuhr ein Regal mit fünfzig leeren Babygläschen fast lautlos vor seine Füße. „Hier einen Klecks und da einen Klecks...“ sang der kleine Erfinder fröhlich vor sich hin. Als alle Gläser gefüllt waren, klebte er noch einen großen Zettel darauf, stellte sie auf ein rot-weiß gepunktetes Tablett und schob es unter eine Lampe mit blauem Licht. Vorsichtig legte er einen Hebel im Tisch um und –huiiii-
waren die Gläser verschwunden.

Oben auf der Erde geschah kurz darauf etwas Seltsames.
Im Supermarkt am Ende der Hauptstraße standen auf einmal fünfzig neue Babygläschen mit der Aufschrift „Vorsicht Spinat!“ zwischen dem Kinderbrei. Doch das fiel niemand auf. Erst als einen Tag später alle Gläschen verkauft waren, bemerkten die Erwachsenen, dass die Kinder nur noch diese Sorte essen wollten. Niemand hat je erfahren, warum das so ist, denn niemand kam auf die Idee selbst zu probieren.
Aber alle Kinder wissen, dass hier der kleine Erfinder am Werk war.

#7 RE: Das Apfelmännlein von baroque 23.04.2015 16:27

versetzt in Spinatschockolade /der kleine Erfinder

baroque-mande

#8 RE: Das Apfelmännlein von OnlineRoman 25.04.2015 10:10

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Hallo Timm,
ich kann nur wiederholen, was Mande/Baroque bereits gesagt hat: Stelle deine Geschichte bitte als EIGENSTÄNDIGEN Beitrag ein.
Sie ist ja kein Kommentar zum Apfelmännlein und an dieser Stelle wird sie kaum wahrgenommen.

#9 RE: Das Apfelmännlein von Timm Thaler 03.05.2015 16:10

...ganz lieben Dank an Euch erst einmal.
Das macht mir doch ein wenig Mut... ;-)

Tatsächlich war ich mir nicht sicher, wie und wo ich die Geschichte einstellen soll/darf/kann...
So ist sie hier gelandet.

Ich werde mich also gleich an die Arbeit machen.

#10 RE: Das Apfelmännlein von Timm Thaler 03.05.2015 17:49

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DAS ist wirklich gut: Wortwahl (Adjektive!) und Sätze, die Bilder malen.
Da kann ich eine ganze Menge lernen...

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