#1 Wenigstens die erste von Emiti 30.09.2014 14:38

Ehrig nannte er sich kurz. Der volle Name ließ in Gedanken ganz leicht zu Ehrenmann abschweifen. Ein willkommener Lacher für Meister und Gesellen beim Blick auf ihn - spindeldürr, der Rücken gekrümmt und nie mehr als ein paar Pfennige in der Tasche. Nadel und Faden hielten bei der Sache; zu Reaktionen hinreißen konnte sonst nur fortschrittliches Gedankengut. Die Aufbruchstimmung nach der 1848-Revolution tat das ihre. Doch eigentlich hätte er dieser ganzen Freiheit gar nicht bedurft. Die kleinen Meister gingen dabei drauf, und in der Manufaktur war für einen wie ihn kein Platz. Glaubensbrüder, die um seine fast prophetische Art wussten, machten ihn aufmerksam auf ein handfestes Weibsbild - kleiner Grundbesitz, kleiner Handel, Haus, kleines Vermögen - alles, was ihm abging. Sie fand bald Gefallen an ihm, an seiner Art. Feinfühlig ging er um mit ihr; wie eine Dame kam sie sich vor.
Bald stellte sich das Kind ein - züchtig, eine echte Ehrig. Jetzt hätte ihm der komplette Name langsam angestanden. Doch wozu noch? Die Jahre hatten schon doppelt und dreifach an ihm gezehrt. Der Raum, den Geborgenheit und Pflege ließen, war der für Dankbarkeit. Der Herr Müller, derb und laut, der nach ihm Einzug hielt, brachte es gleich zu drei Töchtern - echte Stiefschwestern für die scheue Auguste, die so wenig von sich hermachte.

Ins Haus des Geheimrats Meyer passte sie so aber hinein. Die Frau des Hauses unterschied sich von den bisherigen höchstens durch noch mehr Putz und Arglist. Seine gezüchteten seltenen Rosen sollten da nie zur vollen Blüte kommen - das taten sie, in aller Frühe abgeschnitten, bei den Kunden vom Marktplatz. Dafür war sich die Frau Geheimrat nie zu schade.
Nun war bei ihm sicher auch nicht alles so schön wie bei diesen Rosen, doch für Auguste ging nichts darüber, über diese seine dadurch freigelegte verletzliche Seite. Anderweitig hatte er die seit langem abgelegt, galt als gefürchtet, wenn nicht gar furchtbar; alte verhärtete Lehren und Mythen halfen dabei.
Noch ganz frisch und unverformt war die Scheu der Auguste, regelrecht nachfühlbar, und bald war es nicht anders bei den Rosen - ganz nah offenbarten sie sich. Das würde ihm keiner mehr nehmen können. Die, die ihn lange und gut kannten, störten sich daran, an dieser Sensibilität. Mit dem Mann war nichts mehr anzufangen, der passte nicht mehr ins Geschäft. Ihm selbst schien es als seien viele Jahre hingegangen, er in des Rosenzüchters Ruhestand eingetreten. Es tat nicht weh, gänzlich hinüberzugehen, den Kopf in Augustes Schoß gebettet.
Doch ohne ein Vermächtnis! Nein! Dazu war er noch immer Geheimrat genug.
"Guste, du sollst mal einen guten Ehemann haben!", so klang es nach in ihr. Ihm war, kaum ausgesprochen, aufgegangen, warum er nicht hatte zeugen können. Selbst mit hineingewebt, hätte er sich doch bloß seiner selbst schämen können. Aus ihm ginge nichts Vollkommenes hervor. Bliebe aber sein Geist lebendig, immer anwesend, konnte wieder gezüchtet, ausgelesen werden.

Der junge Mann mit den blassblauen Augen und dem ordentlich gescheitelten Haar, der mehrmals etwas zur Anprobe gebracht, war nun mit dem halbfertigen Anzug zurückgeschickt worden. Auguste wurde hingeschickt, um die letzten Rechnungen zu begleichen. Aus ein paar tröstenden Worten war bald mehr geworden, und wie so oft musste schnell noch geheiratet werden. Junge Leute eben, leicht erregbar. Eheschließung - und aus war es damit. Sicher, an seiner Größe und dem Gewicht hatte sich nichts geändert - gutes Mittelmaß, und Mäßigung in allen Dingen behielte er wohl weiter bei; war schon immer gut damit gefahren.
Im Bett dann aber, waren da eine ganz andere Größe und Schwere, senkten sich auf ihn herab, erdrückend. Als hingen daran verschlossene Ewigkeiten, ließ sich nur ganz langsam, gedehnt in sie eindringen, regelrecht Stück für Stück. Die paar Stöße - ein ungeheures Wagnis.

Vier Söhne hatte das hervorgebracht. Vergeblich tastete er sie ab nach verbindenden Gemeinsamkeiten. Er war wohl der wandernde Geselle, der Fremde geblieben. Das sozialistische Gedankengut eines Dissidenten barg immerhin noch genügend Gesprächsstoff und konnte nicht früh genug in der Familie zum Thema gemacht werden. Vom doktrinären Charakter ging nicht wenig über auf jeden, aber sonst - da hatten die Herren Söhne doch eher ein anderes Format - zum Postinspektor unter anderem.
Und Auguste? Ja, seit sie sich sagte, dass der Geheimrat bestimmt auch ein guter Ehemann gewesen wäre, hatte sie Kopfschmerzen. Erich, der spätere Hygiene-Inspektor übrigens auch. Aber sonst hatte sie doch allen Grund, stolz zu sein. Paul, der erste, hätte es mit seiner Malerei vielleicht noch weit gebracht, wenn nicht dieser Krieg gewesen wäre. Die Trauer, ins dunkle Schultertuch gebunden, stand ihr gut. Der Schmerz, Sinn in die Scheu bringend, machte das Madämchen aus ihr, und dem war es an Martha, der halbwüchsigen mittrauernden Tochter gar nicht so recht gelegen. Dass sie im Grunde Augustes Einzigartigkeit im Wege stand, wäre dieser nicht mal im Schlaf eingefallen, doch so ein dumpfes Gefühl dieser Art wollte auch nicht weggehen. Zum Glück gab es noch den kleinen Bruder.

Die Pflichten der Eheleute waren praktisch abgeschlossen gewesen als er sich überraschend eingestellt hatte - so wie die ursprüngliche Leichtigkeit. Und die sah man ihm an, allein schon an den blassblauen Augen - durchscheinend und gleichzeitig strahlend. Das Haar ordentlich gescheitelt. Der spätere junge Mann sollte sehr gut aussehen, Schlag haben bei den Frauen. Der sorgsame Umgang damit, seine Art von Distinktion.
Ein jeder in der Familie wußte vom Geheimrat und machte sich seinen eigenen Reim darauf, seine Augen aber schienen in den Weiten noch mehr wahrzunehmen. Verwunderlich wäre es nicht gewesen, wenn er nach dem Vorbild Parzivals gewünscht hätte die eine Frage zu stellen, die da lautet: "Oheim, was fehlt Euch?"
"Die Schönheit!", wäre dem wohl entfahren.

Doch war da nicht auch die Schönheit seiner jungen Frau gewesen? Wie hatte er die so sträflich übersehen und vergessen können? Ging ihm vielleicht das wahre Gefühl dafür ab, sogar bei den Rosen? Waren die etwa nur Vorwand, hinter dem er als gnadenloser Schöpfer stand? Das Abschneiden und Veräußern eine übertragene Geste. Verzweifelt, aber ein schöner, glatter Schnitt.
Einem jungen Menschen vom Schlage Parzivals würde das gewiss nicht passieren, zumal ihn die freie Natur in Zelt und Faltboot ganz anders empfinden lassen musste. Das tat sie auch, aber ob Hertha beim Kämmen und Verknoten ihres wunderbaren Haares dem so ganz hingegeben, blieb vorerst offen. Denn wieder in der Stadt mit ihren Wohlhabenden und ihm, dem selten vollbeschäftigten und obendrein kommunistischen Gesellen, sah die Sache, nüchtern betrachtet, doch noch etwas anders aus. Als ein solcher würde er nicht der Ehemann einer Frau aus dieser ewig besseren Schicht. War seine Mutter nicht einst Dienstmädchen bei solchen Leuten gewesen? Unter diesen Umständen weiter in der Stadt bleiben oder in den bevorstehenden Krieg ziehen - der Unterschied war letztlich so groß nicht.

Die aus der Fremde mitgebrachte Frau stand dem Gesellen durchaus an. Doch nie im Leben hätte er gedacht, dass sie auf eine solche Ablehnung im Familienkreis stoßen könnte. Maximillian, der Mann der Auguste, wusste noch gut, wie er damals mit dem Fremdsein hatte ringen müssen, doch diese junge Frau brauchte wohl kaum Zuspruch. Einen sehr soliden Eindruck machte sie, das Kind übrigens auch. Und als der Sohn nicht einmal mehr zu nähen brauchte für die Leute, es als Neulehrer mit der Zeit den Brüdern nachmachen würde, war eigentlich alles in Ordnung.
Nicht nur das. Ein erster Schritt in Richtung Hertha - einer zurück und und einer voran, war ebenfalls getan. War es die alte Umgebung, die dabei half? Das traute Familienleben? Die Hände einer Frau beim Kochen und Waschen hätten auch ihre sein können. Sicher, sie lebte längst mit eigener Familie in der Fremde, doch dort konnte sie ja gar nicht erfahren, wie hier die Nachkriegsjahre ihr Werk taten - das Wesentliche hervortreten ließen mit allem, was besser zu machen war oder gut.
Das andere, das war gut gewesen - für beide. Dem gab es nichts hinzuzufügen. Vielleicht war es auch besser gewesen, aber jetzt hätte er doch lieber nicht die alten Empfindungen wieder hochkommen lassen. Sie veränderten die Frau in ihrem Wesen. Da traten plötzlich sehr unschöne Dinge hervor. Fremd war sie wohl gewesen, doch jetzt wurde die Welt ihr fremd. Das war etwas ganz anderes. Er sah es wohl. Da war ein Verblassen ihrer Persönlichkeit - als ob eine Milchglasscheibe sie davon trenne.
Wo sie die innige Beziehung zu dem Kind nur hergenommen habe, ließ sie manchmal verlauten. Da war doch gar nichts dran außer den schönen langen Haaren, die sie ihm weiterhin zu Zöpfen oder Kranz flocht.

Die Geburt der zweiten Tochter fiel zusammen mit dem Ende der Nachkriegszeit. Man hängte schon wieder von den Vorfahren die altbewährten Namen an, und einer wie Auguste passte.
Wie hatte sie bloß, noch im Krieg, aus einem amerikanischen Roman den Namen für die erste Tochter herausfischen können? Ja, sicher, sie war zu der Zeit eine unabhängige junge Frau gewesen - als Verkäuferin in dem netten, kleinen Kurzwarengeschäft. Eine deutsche Kleinstandt an der Oder war es nur gewesen. Hier, in einer Großstadt immerhin, war das alles undenkbar. Es hieß sich fügen, zumal Vorlieben für amerikanische Romane sich als sehr nachteilig erwiesen. Um dieses neue Leben herum würde man zusammenfügen müssen so gut es eben ging, und ohne Überwachung ging es wohl nicht. Wer das bei aller Kindlichkeit nicht mitkriegte, der hatte eben Pech gehabt. Sein Blick des Visionärs sah es überwiegen. Hier und wieder war da noch Mütterliches und ganz flüchtig die Geliebte, eine Geliebte.

Die hätte es nach all der Zeit in der Fremde wenig gestört, nicht die einzige zu sein. Wenn er aber unbedingt weiter den unbescholtenen, den guten Ehemann spielen wollte, dann musste sie wenigstens für alle Zeit die erste bleiben.
Dem hätte er nun widersprechen können oder müssen, wenn es nicht nur so eine Idee gewesen, von der allein sie wusste. Seine jüngere Tochter, eines Tages mit am Tisch im Gasthaus, hätte ihr wohl kaum widersprochen. Die zweite sein - damit ging doch jeglicher Anspruch verloren. Seine Frau sparte ja nicht mit Freundlichkeit. Ach, die! Wer bedachte die wohl mit soviel wohlwollenden Blicken wie das ältere Ehepaar an ihrer Seite es tat.
Als ob sie das eine oder andere gebraucht hätte! So wie sie da saß, redend und redend, musste es ja aussehen als wäre gar nichts bei ihr mit Blicken. Wer weiß, wo die hin waren! Den Druck, der blieb, mühten sich die gestikulierenden Hände vergeblich abzuschütteln.

Seine Familie gab ja eigentlich kein schlechtes Bild ab - eigenartig bloß diese Mutter-Vater-Kind-Vision. Wa da nicht noch eine ältere Tochter gewesen? Die gehörte wohl eher zu der ganzen Generation von Cousinen und Cousins; war in deren Reihe nicht die letzte, die erste sein wollte. Wie aussichtslos das war, stellten Papiere und Grußformeln immer wieder klar. Sollte sie etwa anfangen auszuradieren oder ein paar Blümchen malen unter die letzten Zeilen, den Namen der Schwester halb verdeckend, oder gar die Stelle in Gedanken ausschneiden? Was für ein Wahnsinn? Wie weit war sie denn abgesunken? Ihr taten ja schon die Augen weh vom vielen Denken daran. Vielleicht würde sie sterben, wenn das so weiterginge, und die Schwester, die, die würde ihr auch noch mit aller Macht helfen wollen. Heraus käme dabei etwas wie bei Auguste und ihrem Geheimrat.
Der Geheimrat! Der musste doch eigentlich wissen, wie eine solche Sache bewerkstelligt wurde. Der musste sich nun wirklich nicht immer um Rosen kümmern, sondern auch mal um sie, die letzte.
Ja, eben, hatte er sie wissen lassen - beim letzten, endgültigen Dokument wird es Sinn haben. Zu gegebener Zeit würden die Damen im Amtsgericht einen solchen Druck auf den Augen verspüren, dass es ihnen einfach nicht möglich, die Erben in der üblichen Reihnfolge auf dem Schein anzuordnen. Die Schleifen an den Kränzen würden dann schon nicht mehr danach fragen. Selbst konnte sie da die Hand im Spiel haben für die Ewigkeit. Die anderen, die würden es sehen ohne zu sehen.
So musste es kommen, da war sie sich sicher. Unwichtig alles, was je zuvor, jetzt, wo er mit einem Mal der liebe Geheimrat war.

#2 RE: Wenigstens die erste von koollook 10.10.2014 22:36

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Hallo Emiti,

ich finde deinen kühlen, berichtenden Stil sehr angenehm. Dabei entbehrt dein Text aber nicht einer gewissen Würze, einem lockeren Unterton, der für Authentizität sorgt.
Leider muss ich auch etwas Negatives anmerken. Für mich waren deine Ausführungen stellenweise sehr langatmig und zu ausgeschmückt. Es fehlen die kleinen Highlights, die den Leser bei der Stange halten.
Aber das ist nur meine persönliche Meinung.
Ich hoffe, du kannst etwas mit meinem Kommentar anfangen.

Schönen Gruß
koollook

#3 RE: Wenigstens die erste von Emiti 16.10.2014 14:04

Hallo koollook,
Es ist schon eine Leistung, so auf Anhieb mit einem Text wie diesem fertig zu werden. Ich weiß das sehr zu schätzen.
Neben dem, was ansprechen kann, muss wohl auch ausdrücklich auf Negatives verwiesen werden - ob nun Ausschmückung oder fehlende Highlights. Die Prots selbst lassen sich dem, in zwei Gruppen unterteilt, irgendwie zuordnen.
Bei den einen bewusstes Handeln, offen für Erbauliches, Schmuckes - Lichtgestalten sozusagen.
Könnten die jetzt einen Blick werfen auf das zwanghafte Gebaren derer, die es nie zu einem Highlight bringen werden, wäre da wohl nichts weiter als Unbehagen ob solcher Schattengestalten.
Es sind höchstens unbeachtete Aspekte, die sich bei der Gestaltung eines Textes zwangsläufig ergeben, die hier für einen gewissen Ausgleich sorgen.

Gruß Emiti

#4 RE: Wenigstens die erste von Kared 16.10.2014 16:45

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Ich gestehe, ich hab' schon einmal vor ein paar Tagen gelesen, war sehr beeindruckt von diesem wirklich ganz besonderen Stil (klingt alles leicht verstaubt und trotzdem?! so stark, das hat was...), kam aber mit den Beziehungen der Personen nicht sofort klar. Das hat mich kribbelig, irgendwie nervös gemacht, da hab' ich's glatt erst mal ruhen lassen, so frei nach Scarlett "Verschieben wir es auf morgen". Jetzt liegt die Story ergo wieder vor meiner Nase, ich blicke schon mehr durch, aber, liebe Emiti, erteile mir bloß nicht den Auftrag, auf die Schnelle mal eine ordentliche Inhaltsangabe zu machen. Wäre meisterhaft, wenn ich das könnte, aber ich übe.

Beste Grüsse,

Karin

#5 RE: Wenigstens die erste von Kared 16.10.2014 17:21

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Klitzekleiner Nachtrag: Formulierungen wie ...machten ihn aufmerksam auf ein handfestes Weibsbild gefallen mir mächtig.

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