#1 Mahlzeit von Gnosjoe 21.12.2014 18:59

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Nur ein Beitrag unter Science Fiction? Im 'alten' Forum wimmelte es doch nur so davon. Will deshalb hier mal eine zweite Story einstellen...

Mahlzeit

War das eine Aufregung. Dabei tat sich nichts. Trotzdem liefen seit einer Woche die Bilder über die Fernseher.

Ein Raumschiff war gelandet. Mitten in Tokio, im Ueno Park. Zweihundert Meter hoch, wie ein Ei, stand es dort auf 16 Stelzen. Es war außerirdisch, daran gab es keinen Zweifel. Es stand da und rührte sich nicht.

Die Medien brachten unentwegt Berichte über die Versuche, Kontakt aufzunehmen. Fenster waren an der Oberfläche nicht sichtbar, auch keine Eingänge. Es war mit einer glänzenden Metallhaut überzogen, ohne jede Unterbrechung. Trotzdem mussten die Insassen Geräte zum Erkennen der Umgebung haben. Wie hätten sie sonst landen können?

Eliten von Wissenschaftlern und Technikern trafen in Tokio ein. Das Mitsui Garden Hotel Ueno wurde für normale Gäste geräumt. Hier wanderten die Fachleute ein, ein ständiger Krisenstab tagte - obwohl von einer Krise nicht die Rede sein konnte. Das Ei stand da und rührte sich nicht. Strahlung ging nicht von ihm aus, auch keine Aggressionen. Absichten der Raumfahrer waren nicht erkennbar.

Hier hatte man den Beweis für intelligentes, außerirdisches Leben, endlich. Aber dieses Leben war eigenwillig. Als ob sie sich tot stellen würden. Es erfolgte keinerlei Reaktion auf Lautsprecherdurchsagen, auf Abgabe von Lichtimpulsen, Infrarot- und Ultraviolettlicht eingeschossen, Rundfunk- und Fernsehwellen in allen erdenklichen Frequenzen. Mathematiker und Kommunikationswissenschaftler klügelten Systeme aus, auf die intelligente Wesen reagieren könnten, selbst wenn man erst gemeinsame Grundlagen für die Verständigung schaffen müsste. Laserund Röntgenstrahlen kamen zum Einsatz. Selbst ein Versuch mit dem Flaggen-Alphabet wurde gestartet. Alles blieb erfolglos.

Um den ganzen Park wurden Sperren aufgebaut, die rund um die Uhr von Militär kontrolliert wurden. Der Eintritt war nunmehr für die Öffentlichkeit verboten. Ferngesteuerte Fahrzeuge und Roboter wurden vorsichtig zum Raumschiff geschickt. Sie kamen ungehindert an den Koloss heran und konnten sich unbehelligt wieder entfernen. Die Fachleute wurden mutiger und schickten eine Abordnung von
vier Technikern zum Raumschiff. Auch denen geschah nichts. Sie hatten diverse Apparaturen dabei, die feststellen sollten, ob die Oberfläche elektrisch geladen sei und wie warm sie wäre. Und möglichst sollten sie herausfinden, um welches Metall es sich handelte.

Kameras verfolgten jeden Schritt der Männer. Die Zuschauer vor den Fernsehern hielten den Atem an. Auch diesmal geschah einfach nichts. Die Leute machten ihre Messungen. Viel erfuhren sie nicht. Das Metall war nicht magnetisch, Spannung gab es keine, die Temperatur war 28°C, genau wie die Umgebung im Park. Zuletzt streckte ein Techniker die Hand aus. Er wollte das fremde Fahrzeug berühren. Er war über Funk mit der Einsatzleitung verbunden.

Der Mann sagte er: „Ich kann das Metall nicht berühren. Ich komme nicht ganz ran. Hier ist so etwas wie ein unsichtbarer Schutzschild. Der Abstand beträgt ca. 2 mm.“

Ein anderer Techniker versuchte, ein flaches Mikrophon aufzukleben. Damit hätte man Vibrationen aus dem Inneren des Schiffes aufnehmen können. Aber auch mit diesem konnte er sich dem Metall nur bis auf 2 mm nähern. Dann witschte er weg wie auf Schmierseife.

Hubschrauber trauten sich zunehmend näher an das Fahrzeug heran - von diesem und seinen Bewohnern ignoriert. In den nächsten Tagen wurden im Abstand von etwa 100 m mehrere Pavillons für Wissenschaftler aufgebaut. Sie unternahmen unablässig weiter die Versuche der Kontaktaufnahme und der Erkundung der Zusammensetzung des fremden Gerätes. Mit Aggressionen rechnete niemand
mehr. Die Untätigkeit der Gäste gab Stoff für unzählige Spekulationen. Vielleicht verliefen der Lebensvorgänge einfach so langsam, dass sie die Zeit benötigten, bis sie sich offenbarten und ihre Absichten kundtaten.

Sicherheitshalber baute die Armee einen Schutzring innerhalb des Ueno Parks auf. Nicht allzu deutlich erkennbar vom Raumschiff aus. Aber eine gewisse Sicherheit hielt der Krisenstab für nötig. Er stationierte Einheiten mit Maschinengewehren, mit Haubitzen und Panzern, auf das Raumschiff gerichtet - für alle Fälle.

Dann kam der Tag, der das Warten beendete. Es tat sich etwas. Die Teleobjektive der Kamerateams aus aller Welt richteten sich auf das Schiff. Dort versank ein Teil der Oberfläche nach innen und schob sich als Tür zur Seite. Eine ovale Rundung, ein Loch wurde sichtbar, ca. 6m hoch und 4m breit. Aus der rollte eine schiefe Ebene heraus, eine riesige Rampe.

Und jetzt erschienen Kraken. Ja, riesige Kraken in Raumanzügen, fast fünf Meter hoch. Wanderten auf ihren acht Beinen die Rampe herunter. Auf der ganzen Welt wurde dieser Laufsteg verfolgt. Und die Welt hielt den Atem an.

Die Kraken wanderten zielgerichtet auf die Pavillons zu. Einige Wissenschaftler rannten hinaus. Andere harrten mutig aus. Das war ihr Verderben.

Die Kraken knackten die dünnen Wände und schnappten sich die verbliebenen Leute. Hielten sie umklammert mit ihren Tentakeln. Sie konnten auf zwei Beinen gehen, in den anderen hielten sie ihre Gefangenen und einen Teil des wissenschaftlichen Geräts.

Lautsprecher riefen den Fremden in vielen Sprachen zu, sie sollten die Leute frei lassen - mit wenig Hoffnung auf Erhörung. Die Kraken bewegten sich unbeeindruckt weiter. Verfolgten die Geflüchteten.

Deren Flucht nutzte ihnen nichts. Unsichtbare Mauern versperrten ihnen den weiteren Weg. Sie tasteten sich an Wänden entlang, die sie nicht sehen konnten und landeten alle in den Fangarmen dieser Kraken.

Ein Teil von denen, sechs Arme voller Gefangener und irdischer Geräte, marschierten zurück zum Raumschiff und wanderten die Rampe hinauf. Aber es kamen neue Vertreter dieser fremden Wesen. Ihr Auftrag wurde bald erkennbar: Noch mehr Menschen holen.

Die Wissenschaftler hatten sie alle, jetzt ging es ans Militär. Als das klar wurde, ließ General Kawabashi Kazuya eine Warnung abgeben. Wieder in den wichtigsten Sprachen. Es war zu erwarten, dass die Kranken sich dadurch nicht aufhalten lassen würden. Der General warnte zum letzten Mal. Ohne Erfolg. Dann erließ er den Schießbefehl.

Projektile prasselten auf die Kraken ein, prallten aber an den Raumanzügen ab, ebenso Geschosse aus den Haubitzen. Die Bewegungsrichtung der Fremden blieb unverändert. Wenn diese Wesen schon nicht zerbarsten, dann hätte der Druck sie doch, rein physikalisch gesehen, zurückwerfen müssen.

Kurz bevor sie die Soldaten erreichten, gab Kawabashi den Befehl zur Flucht. Die aber gelang genau so wenig wie bei den Wissenschaftlern. Die Krieger prallten auf eine unsichtbare Wand. Die Kraken griffen sie ab. Auch Gewehre und Kanonen nahmen sie mit.

Sie wanderte zurück, über die Rampe ins Raumschiff. Der letzte drehte sich um mitsamt seinen Gefangenen. Dann sagte er in akzentfreiem Japanisch: „Wir verbitten uns jeden weiteren Versuch einer Aggression. Sonst wird eine Bestrafung erfolgen.

Nach dieser klaren Ansage verschwand er im Schiff. Die Luke verschloss sich und konnte in der Kontur der Oberfläche nicht mehr ausgemacht werden.

Die Welt war schockiert. Die Wesen waren technisch hoch überlegen. Sie kannten die menschliche Sprache. Es war unwahrscheinlich, dass sie nur Japanisch gelernt hätten. Aber auf eine Erklärung ihres Kommens legten sie keinen Wert.

Es war längst nicht mehr eine Angelegenheit Japans. Noch wusste man nicht, was die Kraken vorhatten. Vielleicht wollten sie erste Kontakte mit den Menschen aufnehmen, indem sie erst einmal die befragten, die in der Nähe waren. Vielleicht wollten sie sie aber auch sezieren und anatomische Studien an ihnen treiben.

Politiker, Wissenschaftler und Militärs berieten sich ohne Unterlass. Fieberhafte Aktivitäten liefen rund um den Globus ab. Analysen und Gerüchte tauchten auf. Die Bevölkerung war kaum von den Bildschirmen wegzubekommen, obwohl das Raumschiff wieder tagelang verschlossen blieb. Das öffentliche Leben und die Arbeitswelt bekamen einen Knacks.

Nach einigen Tagen öffnete sich wieder die Luke. Aus sicherer Entfernung filmten die Fernsehteams - mit extrem starken Objektiven.

Diesmal rollte eine Reihe von Fahrzeugen die Rampe herunter. Sie fuhren zum Ueno-Zoo. Die Wärter flohen, als bekannt wurde, dass die Fremden kamen. Und diese räumten den Zoo leer. Nicht ein Tier ließen sie zurück. Elefanten, Nilpferde und Giraffen passten locker in die Fahrzeuge - groß wie LKWs. Aber auch alles andere nahmen sie mit, selbst die Insektensammlung. Dann traten sie den Rückzug an.

Aber sie ließen auch jemanden zurück. Hoshiwara Saburo, Oberflächenphysiker. Nachdem die Fahrzeuge außer Sichtweite waren, kroch er aus dem Gebüsch, in das er sich versteckt hatte. Er rannte aus dem Park heraus auf eine Kette von Polizisten und Soldaten zu, die sich in respektablem Abstand aufgebaut hatten. Schnell brachten die ihn zum Krisenstab.

Die Welt erfuhr erst am nächsten Tag, was er berichtete. Es war nicht erfreulich. Hoshiwara gehörte zu den ersten, die von den Kraken gefangen wurden. Er schilderte, was mit ihnen geschah. Zunächst kamen sie in Käfige, eng wie eine Sardinenbüchse. Einige wurden dann in kleinere Gehäuse gestellt - in einer Riesenküche. Dort wurden sie zubereitet. Ja - getötet, ausgenommen und gekocht. Oder gebraten, paniert und natur, gegrillt oder geräuchert. Manche wurden lebend in kochendes Wasser oder siedendes Öl geworfen. Man wollte wohl ausprobieren, wie die Menschen am besten schmeckten.

Hoshiwara hatte sich tot gestellt. Anscheinend war es ihm gelungen, den Krakenkoch zu überzeugen. Er warf ihn jedenfalls in die Abfalltonne. Er hatte unendliches Glück. Er konnte daraus fliehen und im Schiff umherschleichen. Entdeckte per Zufall die Fahrzeuge. Und noch ein günstiger Umstand kam ihm zugute: Diese Fahrzeuge kamen bald zum Einsatz. Er konnte sich im Fahrgestell verbergen.

Nun wusste die Menschheit, woran sie war. Die Kraken suchten schmackhaftes Futter. Die Zootiere hatten nichts anderes zu erwarten. Eine Massenflucht begann aus Tokio, eine Massenflucht aus Japan. Die Besonneneren wussten aber, dass jegliche Entfernung sie nicht retten konnte.

Hoshiwara Saburo gab alles an, was ihm im Schiff aufgefallen war. Die Kraken behielten auch dort ihre Raumanzüge an. Sie hatten darin eine dünne Schicht Wasser um sich herum. Sie lebten, wie ihre irdischen Verwandten offenbar im Wasser. Und aus Gewichtsgründen war es unsinnig, das ganze Raumschiff mit Wasser zu füllen. Auf der Suche nach einer Fluchtmöglichkeit kam Hoshiwara an einer Luke vorbei. Dadurch blickte er in ein großes Aquarium. Das war anscheinend eine Art Wohnzimmer für die Kraken. Hier konnten sie sich ohne Schutzanzüge bewegen.

Im Krisenstab verständigte man sich schnell auf Atombomben. Diese Bestien mussten weg. Sie durften ihren Heimatplaneten gar nicht erst wieder erreichen. Wahrscheinlich hatte sie ihn schon informiert. Die sollten aber zu spüren bekommen, dass mit Erdenbürgern nicht zu spaßen war.

Der Versuch ging gründlich schief. Tokio war evakuiert. Der Tag des Abwurfs kam. Eine Armada an Bombern stieg auf. Hundert Atombomben sollten fallen.

Sie fielen auch.

Und explodierten nicht. Ihr freier Fall wurde gedrosselt. Sie schwebten langsam zur Erde hernieder wie Bettfedern und lagen friedlich neben dem Raumschiff. Kein nuklearer Pilz erhob sich.

Statt dessen erschien auf den Laptops des Krisenstabs ein Schriftzug: „Wir hatten euch gewarnt!“ Kurz darauf fand sich ein Krater an Stelle des Mitsui Garden Hotels.

Neue Raumschiffe trafen ein, überall auf der Welt. Die Menschen schienen gut zu munden. Man fing sie ein wie Jagdwild. Man knackte ihre Häuser und Bunker. Die Kraken zogen sämtliche Waffen aus den Arsenalen der Militärs. Anscheinend hatte sie Bedenken wegen eines kollektiven Selbstmords ihrer Nutztiere. Sie waren bestens informiert, wo die Mordwerkzeuge lagerten.

Ein neues Zeitalter brach für die Menschheit an. Das Zeitalter als Krakennahrung. Die Menschen mussten sich fangen lassen. Sie wurden aufgespürt, wo sie sich auch zu verstecken suchten. Überall, im Wasser, in Schluchten, in Höhlen - überall.

Die Kraken fingen hauptsächlich Leute zwischen 30 und 40 Jahren. Jüngere und Kinder ließen sie meist in Ruhe. Hin und wieder schnappten sie sich aber auch ein Neugeborenes und machten Spankind daraus.

Ältere setzten sie wieder aus, die waren wohl zu zäh.

Die Kraken rotteten die Menschen nicht aus. Sie wollten lange etwas von ihnen haben. Aber sie machten sich heimisch auf der Erde. Bauten Siedlungen in den Meeren und in Seen. Und es kamen immer mehr von ihnen. Nicht nur das Essen, auch das Klima schien ihnen zu gefallen.

Die Menschen machten es den neuen Herren in einer Hinsicht nicht leicht. Viele verfielen in Melancholie. Sie gingen keinem Beruf mehr nach. Die Bauern bauten nicht mehr an - wofür auch. Die Fortpflanzungsbereitschaft ließ nach. Die Menschheit drohte auszusterben.

Aber die Kraken legten Eiweiß-Pakete in Städte und Dörfer. Und wenn der Hunger gar zu groß war, dann griff so mancher doch zu. Man aß das Futter, es schmeckte nicht mal schlecht. Im Gegenteil, es schmeckte richtig gut. Und enthielt einen Suchtstoff. Schon nach der ersten Mahlzeit wollte man es immer wieder essen. Selbst wenn man wusste, dass unverwertbare Reste der gekochten Artgenossen mit verarbeitet waren.

Und es enthielt Psychopharmaka. Alles war auf einmal egal. Junger Tod in der Krakenküche schreckte nicht mehr. Und man bekam als Mann wieder Lust auf ein Mädchen. Und dem ging es nicht anders.

Man paarte und vermehrte sich.

Der Mensch war interstellares Futtermittel.

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Diese Geschichte findet sich auch in dem Kindle-Buch Da läuft was aus.

#2 RE: Mahlzeit von Der Schwarze Graf 21.12.2014 19:50

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Gefällt mir supergut, also deine Sory- nicht die Vorstellung, als Nahrung zu dienen. Wenn ich höre, daß wir auch versuchen, mit eventuellen Aliens da draussen in Kontakt zu kommen, könnte genau das eintreten.

Also wie gesagt: Top Geschichte mit Gänsehaut gratis,
Dunkelgruß, Robby

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