#1 Die Sonne von Marie 18.03.2015 19:09

Die Sonne
„Das Wetter nervt.“, sagt das Kind. Die Mutter seufzt.
„Immer scheint die blöde Sonne. Und nie darf ich raus.“, mault das Kind.
„Das ist eben so.“, sagt die Mutter geduldig.
„Können wir nicht wegziehen?“, fragt das Kind zum x-ten Mal. „Irgendwohin, wo keine blöde Sonne scheint?“
„Nein.“, sagt die Mutter.
„Du nervst auch.“, sagt das Kind.
„Sei nicht frech.“, herrscht die Mutter das Kind an.
„Wenns doch wahr ist.“, murmelt das Kind und schiebt den schweren Vorhang ein wenig zur Seite.
„Lass das!“, ruft die Mutter entsetzt. „Geh auf dein Zimmer.“
Das Kind geht auf sein Zimmer, schlägt die Tür krachend hinter sich zu und hockt sich schmollend auf das Bett. Draußen scheint die Sonne und das Haus ist komplett verdunkelt. Blöde Mutter, denkt das Kind. Sie ist schuld, dass ich nicht in die Sonne kann. Hat mir so eine dumme Hautkrankheit vererbt.
Und überhaupt. Wo ist der Papa? Sie sagt es mir nicht. Sicher hat sie ihn verjagt. Den Benni hat sie auch verjagt. Nur weil er mich überredet hat, nach draußen zu gehen. Ich hab mich nur ein bisschen verbrannt, hat gar nicht so arg wehgetan. Trotzdem erlaubt sie dem Benni nicht mehr, mich zu besuchen. Obwohl ich ihr fest versprochen habe, dass wir im Haus bleiben. Blöde Mutter. Sie nervt. Jeden Tag ein kleines Bisschen mehr.
Das Kind springt vom Bett und denkt nach. Hinter dem Haus ist ein kleiner Hof. Lichthof, nennt die Mutter das. Die anderen Häuser in der Nachbarschaft haben so etwas auch. Die Leute haben ihre Waschmaschinen und allen möglichen Haushaltskram dort stehen, weil es in dieser Region nie regnet. In unserem Lichthof ist nichts, gar nichts, denkt das Kind. Und die Tür zu dem Hof ist immer abgeschlossen. Aber ich weiß, wo der Schlüssel ist…
Das Kind verlässt sein Zimmer und schleicht auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Das Schlafzimmer der Mutter ist unten. Das Kind huscht hinein. Es hat beizeiten gelernt, sich lautlos durchs Haus zu bewegen, weil die Mutter dauernd Kopfweh hat. Aus der untersten Kommodenschublade stibizt es den Schlüssel und schleicht zu der Tür, die hinaus in den Lichthof führt.
„Mama!“, ruft es laut. „Mama!“ Dann stößt es die Tür weit auf.
„Verdammt!“, schreit die Mutter, die sofort angerannt kommt. „Bist du verrückt geworden?“ Panisch stürzt sie an dem Kind vorbei, um die Tür wieder zuzuziehen. Doch im selben Moment bekommt sie einen kräftigen Stoß in den Rücken und stolpert in den Lichthof. Blitzschnell zieht das Kind, an dessen Händchen sich ein paar Brandblasen gebildet haben, die Tür ins Schloss und versperrt sie.
Die Mutter schreit. Das Kind steht da. Die Mutter fleht. Sie winselt. Das Kind wartet. Seelenruhig steht es da und wartet, bis der scharfe Brandgeruch in seine Nase dringt. Jetzt lächelt das Kind. Die Schreie haben aufgehört.
So!, denkt das Kind. Jetzt ruf ich Benni an. Er soll kommen und mit mir spielen. Vielleicht schneidet er sich wieder in den Finger, so wie letztes Mal… Hmmm… Sein Blut hat so süß gerochen…

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