#1 Wider Willen von bikus45 13.07.2015 17:43

Wider Willen


Manchmal ist Mike wütend auf sie. Richtig wütend. Er könnte Tische und Stühle zerschmettern, gegen die Wand schmeißen, brüllen, zetern wie ein altes Weib. Sein Schutz ist der Humor, schwarzer Humor. Oder Ironie. Im schlimmsten Fall Sarkasmus. Warum er wütend ist, weiß er nicht genau.
Warum ist sie die Frau seines besten Freundes? Warum ist sie so schön? Warum so liebevoll? Warum so gut? Und warum hatte er sich in sie verliebt? Ein verheiratete Frau mit Kindern.
Seit der Forscherreise in Sibirien vermisste er sie. Zunächst gingen ihm beide ab. Arthur und sie, Charlotta. Wie schmerzlich, merkte er in einer schlaflosen, wolkenverhangenen Nacht, als er wegen eines seltsamen Geräusches aufschreckte und sein Blick an die Decke der Jurte stieß. Jeder Laut erschallte doppelt so laut wie tagsüber. Er hörte sich in der Dunkelheit schlucken. Er hörte das Blut durch den Körper rauschen. Er hörte das Herz schlagen. Er hätte weinen wollen, aber das hatte er nicht mehr getan, seit ihn seine Mutter das letzte Mal verprügelt hatte. Als er fünfzehn war. Kurz bevor er weggelaufen war, um zwei Jahre lang auf der Straße zu leben.
Immer wenn er sie sah, und war es nur kurz, musste er sich zurückhalten, sie nicht zu berühren und zu küssen, so sehr, dass es ihm beinahe das Herz aus dem Leib riss. Dann redete und redete er.
Charlotta sprach von offener Beziehung. Sie sagte, die Liebe sei nicht einzufangen, sei frei. Auch wenn sie ihren Mann liebe, könne sie auch andere Männer lieben.
Er hatte ein Mädchen geliebt. Sie hatte ihn verlassen.
Damals, als sie ein Paar gewesen waren, war er kurz davor gewesen, mit einer anderen zu schlafen. Doch dann hatte er einen Rückzieher gemacht. Er hatte Angst bekommen.
Charlotta sah das anders. Sie diskutierten darüber, immer und immer wieder. Umso mehr sie versuchte, ihn vom Konzept der offenen Beziehung zu überzeugen, umso mehr wuchs sein Widerstand.
Aber so lange er sie nicht liebte, war es auszuhalten. Jetzt, seit er die Zärtlichkeit zu ihr entdeckt hatte, spürte er, wie er innerlich zerbarst. Einen Tag ohne sie konnte er ertragen. Spätestens danach war er nicht mehr zu halten. Er erfand Gründe. Stets gab es etwas bei Arthur und Charlotta zu tun oder zu wollen. Oft waren es nur zehn Minuten.
Einmal hatte er es gewagt. Und sie beim Abschied sanft am Rücken gestreichelt. Arthur war gerade nicht da gewesen.

Eines Abends fand Mike sie allein. Er hatte wegen eines Problems mit dem Laptop zu Arthur gewollt. Aber er war mit einem Freund unterwegs. Mike entschuldigte sich, nicht angerufen zu haben. Sie sagte: „Macht nichts. Kenn ich schon von dir“ und grinste.
Die Kinder waren bereits im Bett. Sie guckte einen Film, eine Schnulze. Er kuschelte sich neben sie auf das Sofa und machte Witze über das Filmchen. Charlotta stimmte mit ein. Sie lachten, lachten viel, lachten laut, lachten dreckig. Sie begannen einander zu stubsen, hin und her zu schaukeln, bis sie beinahe vom Sofa fielen. Er fing sie auf.
„Meine Güte, freue ich mich, dich zu sehen“, flüsterte er.
Sie hielten inne. Er hielt sie am Fuß fest. Kurz und liebevoll, strich kurz mit dem Daumen über die Ferse.
„Lass uns den Film gucken“, sagte sie.
Die Hauptakteure waren gerade dabei, sich zu kriegen.
Sie lagen einander in den Armen. Und küssten sich. Natürlich.
Charlotta stand auf. „Magst du Tee?“, fragte sie.
Eigentlich wollte er keinen, er sehnte sich nach ihrem Körper, nach ihrer Seele. Dennoch sagte er: „Ja, mach mal.“
Sie kam mit Kräutertees wieder. Es roch nach Heimat, Zitronenmelisse.
Doch sie ließen ihn kalt werden.
Der Fernseher lief weiter, um Normalität vorzutäuschen. Sie fanden sich in einer Umarmung wieder, ihr Kopf auf seiner Schulter, so etwas Verstohlenes, Verborgenes. Zwischen Himmel und Hölle.
Irgendeine Werbung düdelte ins Wohnzimmer. Laut, durcheinander, schrill.
Und dann küssten sie sich, zunächst zögernd, dann immer intensiver und heftiger. Sie unterbrach. „Ich kann das nicht!“
Er verstand nicht, fragte aber nicht. Sie hatte doch gesagt, sie wolle eine offene Beziehung.
Nun waren die Rollen vertauscht.
Dennoch küsste sie ihn einfach weiter.
Er wusste, wenn sie weitermachen würden, konnten sie nicht mehr aufhören.
Trotz ihres leisen Widerstands geschah es. Sie öffnete ihm die Hose, zog den Rock hoch, schob das Höschen zur Seite und nahm ihn in sich auf. Er sang innerlich.
Sie zogen sich nicht ganz aus und er vermisste ihren Körper nackt. Aber eins der Kinder konnte ja aufwachen und runterkommen. Und daher beeilten sie sich. Er füllte sie aus, und umso mehr er sie ausfüllte, umso verzweifelter wurde er. Oh, wie sehr er sie brauchte. Wieder barst etwas in ihm.
Wasserfall. Überkam ihn, überkam sie. Wellen. Hart und unbarmherzig schlugen sie gegen die Felswand.
Dann war es vorbei. Atemloslassend blieben sie reglos stehen. Er drängte sich an sie, hielt sie fest. Aber sie entglitt ihm nicht, wie er befürchtet hatte.
„Ich liebe dich“, flüsterte er.
Sie schwieg.
„Hast du gehört?“
Sie schwieg immer noch.
„Ich liebe dich“, wiederholte er.
„Geh jetzt“, bat sie ihn. „Das war das erste und letzte Mal.“

Langsam zog er sich an. Er hätte es wissen müssen. Aber – hatte sie nicht von „offener Beziehung“ gesprochen? Darüber zu diskutieren war jetzt nicht der Zeitpunkt. Sie saß auf dem Sofa, war in sich gekrümmt, wiegte sich wie eine Kind.
Zum Abschied berührte er sie zärtlich an der Schulter. „Hej, bis... bald..“, sagte er.
Kurz blickte sie auf.
Er wandte ihr den Rücken zu.
Bevor er die Haustür öffnete, wandte er sich nach ihr um. Sie war aufgesprungen, zu ihm gerannt, sah ihn an. Mit grauem Blick.
Dann schlang sie ihm die Arme um den Hals. „Danke.“
„Wofür?“
Sie blieb ihm die Antwort schuldig.
Aber er war froh.
Draußen hatte es zu nieseln begonnen, es war kühl. Aber er ließ sich die Haare nassnieseln, hielt das Gesicht in die Nässe. Das tat gut, klärte.
Er würde wieder kommen.

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