#1 Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly! von Tessy 04.09.2015 19:48

Hallo liebe SchreiberInnen und LeserInnen

Nun kommt wie versprochen die nächste Episode unserer Lilly als hoffentlich vergnügliche Wochenendlektüre.

Nun schicken wir Lilly einmal aufs Parkett in Heelsenhavn.

Viel Spaß bei Lesen.

Eure Tessy

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Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly!

© Tessy

Ich hatte bisher immer gedacht, dass die 'Nordlichter' außer 'Tach, jo, nö' nichts sagen und nur stur zum Horizont gucken und insgesamt etwas spröde und eher unfreundliche Zeitgenossen sind. Weit gefehlt, Lilly! Ganz weit gefehlt. Hier ist eben wirklich alles anders.

Die ganze Nacht über gingen mir die Worte von Vroni nicht aus dem Kopf. Ich möchte sie anrufen und in Ruhe mit ihr sprechen. Dazu möchte ich gerne alleine aus dem Haus gehen. Ich habe da schon eine Idee. Ich könnte ja zum Einkaufen fahren. Das ist reine Frauensache.

"Bärli, heute möcht' i für uns wos zum Essen bereiten. I möcht Di' verwöhnen und Di' zeigen, wie toll i wos leck'res kochen kann für uns", schließlich möchte ich ja auch einmal mit etwas auftrumpfen können und Dich beeindrucken. Ja, ja, ich weiß, was ihr sagt - das ist wieder das typische Klischee der Frauenrolle: Kann nix ausser KKK - Küche, Kinder, Kirche. Und nun mache es auch einmal wie meine Tochter Kati : Zeigefinger abrupt anheben und vor die Lippen halten und laut 'Schsch' machen. Zumindest wirkt es bei mir immer.

Fisch will ich einkaufen, wir sind hier ja am Meer. Du sagst, ich soll dann Dein Auto nehmen, am Ende der Straße links abbiegen, bis es nicht mehr weiter geht und dann bis runter zum Hafen. Da ist auch ein Parkplatz und sind auch alle Geschäfte. Das Auto ist ein klobiger schwarzer Wagen. „Passt schon“, denke ich. Klobiges Auto, klobige Frau.

Ich parke am Hafen. Ein paar Fischkutter, eine Segelyacht, ein paar Kriegsschiffe weiter hinten, zwei kleine und ein größerer Dampfer. Am Wasser ist ein großer gepflasterter Marktplatz mit Geschäften und Restaurants und danach kommen irgendwelche Lagerhäuser. Ganz weit hinter den Lagerhäusern sehe ich noch den Schornstein eines größeren Schiffs. Über das Wasser führt eine Brücke und auf der anderen Seite ist eine Uferpromenade mit Anlegern, Geschäften und großen Gebäuden einer riesigen Villa und am Ende des Weges eine Bar – Saunaclub Cherie mit einem Herzchen am Eingang. Naja – die Seeleute müssen ja auch ihr Vergnügen haben.

Aber nun muss ich unbedingt bei Vroni anrufen. Das ist jetzt die Zeit, wo die Zimmer im Gasthof fertig gemacht wurden und noch keine Gäste im Restaurant sind. Da kann sie ein wenig plaudern. Nachdem sie gestern gesagt hat, ich solle in mich gehen und einmal meine Fehler in der Partnerschaft finden und auch einmal den Tatsachen ins Auge sehen, suche ich nach Antworten und brauche dazu ihren Rat.

"Resi, nochmal - es heißt Ying und Yang - nicht 'oder'. Lerne zu balancieren. Ich tanz' schon mei' ganzes Leben auf am Seil. Des brave Servier-Madl im Gasthof und des kloane, lebensfrohe, lesbische Frauchen mit viel Sehnsucht. Und des musst' D' nun a lernen, wie's Di selbst und alles drum herum in Balance hältst. A phantsievolle Schlampen und a respektierte Dame des Hauses, a Verführerin und a 'Mutter-Vernünftig', a fordernder Vamp und a liebendes Eheweib und - a Mann und a Frau - beides geht. A Domina muss a devot sein, a Lady nach aussen und a lässiges Weibl nach innen. Des muss alles im Gleichgewicht sein und da musst vielleicht mal an Spagat machen! Und verwechsel nit wieder Sex und Liebe! Und denk dran - es heißt die Macht der Liebe und das Liebesspiel und nit umgekehrt! Und denn schau auch noch mal in den Spiegel und schau mal tief in Dein' Augen und in Dein Herz und erkenn' mal, welcher Dämon do auch noch immer wohnt! So, Resi und nun steh' mal auf und krieg' Dei' Leben in Ordnung!"

"Wos meinst D' damit, mit'm Dämon?" frage ich Vroni und sie zögert mit der Antwort.

"Damals, als mer zwoa im Heu war'n, da hast a kleinen Dämon in Di' g'weckt. I war's nit, die angfangen hat. Des warst damals Du. Schließ mal Dein Frieden mit Di selbst und dem Dämon und fang an, Di selbst zu lieben. Denn kannst a Dein Mann lieben, so, wie er's verdient. Richtig von Herzen. Und denn kiegst' D' auch alles in Balance."

Ich lasse mir Vronis Worte noch eine Weile durch den Kopf gehen und versuche für mich einen Weg zu finden damit umzugehen. Das ist alles sehr verwirrend für mich - vor allem das, mit dem Dämon. Ich denke, da muss ich noch einige Male mit ihr drüber sprechen, denn bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass sie mich 'verführt' hat.

Aber ich will das jetzt ersteinmal verdrängen und etwas einkaufen und verschiebe das Thema auf einen späteren Zeitpunkt.

Die Sonne bricht durch den Dunst am Himmel und es weht ein leichter Wind. Ich halte mein Gesicht in die Sonnenstrahlen und genieße den Luftzug. Wer richtig verliebt ist, der weiß, dass Sonnenstrahlen auf der Haut kitzeln. Und das ist ein tolles Gefühl. Das durchströmt mich so angenehm und ich öffne meine Haarspange, damit meine Haare den Wind spüren können, während ich mich etwas auf dem Marktplatz umschaue.
Kennt ihr das auch, wenn man so ein Lied nicht wieder aus dem Kopf bekommt? Das Lied von gestern in Doros Restaurant schwirrt durch meinen Kopf und ich summe leise die Melodie 'Sway' vor mich hin - 'Dance with me, make me sway'.

Aha, Metzger heißt hier Schlachter und mit Nachnamen Stahmer. Ich betrete das Geschäft. Da sind schon eine Menge Frauen vor mir in der Schlange und ich lausche geduldig, wie die Neuigkeiten zwischen den Damen ausgetauscht werden. Die Frau hinter dem Tresen ist Frau Stahmer und heißt Anne. Das habe ich inzwischen mitbekommen. Und ein Tresen heißt hier Tonband – oder so ähnlich. Ich öffne noch einer älteren Dame die Tür, als ein Windstoß meine langen Haare durcheinanderwirbelt. „Huch, do bläst's aber a tüchtigen Wind. Oh je, i seh' aus, wie a Waldhex, oder?“

„Sie kommen wohl nicht von hier, oder? Machen Sie hier Urlaub? Waren sie nicht gestern mit Herrn Johannsen spazieren gegangen? Das waren Sie doch, oder nich? Und sie sind doch eben auch mit'm Auto von Herrn Johannsen gekommen? Kennen sie den denn? Sind sie auf Besuch bei ihm? Und wo kommen Sie denn her? Aus Bayern? Ach, aus einem Bergdorf? Wie schööön! Und wie heissen Sie? Lilly? Ach, von Liliane. Das is ja auch'n schöner Name, nich Tina? In welchem Hotel wohnen Sie denn? Ach, bei ihm? Na, sooooo was! Kennen Sie ihn denn schon lange? Woher kennen Sie ihn denn? Aus'n Urlaub? Oder vom Tanzen? Oder etwa 'ne Anzeige? Ach, das is 'n Geheimnis. Ja, das is' tscha auch richtig so, wir Frauen brauchen auch so unsere Geheimnisse, nich Lisa?“ Die umstehenden Frauen stimmen zu und lachen. „So muss das auch sein. Wir Frauensleute müssen da zusammenhalten, nich? Ich merk das schon, Sie sind 'ne gaaanz nette. Meinst Du nich auch, Lisa?“

Eigentlich bin ich gar nicht zu Worte gekommen. Nur 'ja', 'nein' und mal ein kurzes Stichwort.

„Dor, kiek mol, da is sie wieder – unsere Rotlicht-Russin. Nee aber auch, wie sie immer aussieht! Wie so'ne Bordsteinschwalbe“, sagt Frau Stahmer. Draussen geht eine junge blonde Frau mit einer mädchenhaften Statur vorbei. Reichlich eng und über der Spur sexy gekleidet. Hätte ich ihr Alter und ihre Figur, dann würde mir das auch gefallen. So eine glänzende Leggings hätte ich auch gerne. Das sieht recht reizvoll aus. Aber ob man mit so hohen Pumps über das Pflaster laufen kann? Doch, frau kann! Irgendwie imponiert sie mir.

„Die arbeitet doch im Saunaclub Cherié, oder“, meint eine der Frauen aber Frau Stahmer erzählt, dass das nicht sein kann, weil sie abends meist zuhause ist und bei ihr Licht brennt. Sie kann das ja von Schlafzimmerfenster aus sehen, wenn sie sich auf den Hocker stellt und nach links rausbeugt.

„Sie hat doch vor ein paar Monaten die Wohnung von der alten Frau Puvogel gekauft, oben im 1. Stock im Büxelkrok. Und alles bar bezahlt mit'm ganzen Koffer voll Geld. Na, das sacht ja dann wohl alles, oder?“, ereifert sich eine andere Frau.

„Och, ich weiß nich“, sagt Frau Stahmer darauf, „Sie tut doch niemandem was und ich kann nichts Schlechtes über sie sagen. Sie ist immer sehr höflich, bescheiden und schüchtern, wenn sie hier im Laden ist."

"Sie tut ja immer so auf jung, aber Horst Puvogel hat gesagt, dass sie schon über 50 is", meint eine andere Dame.

"Aber Mutter Siemers hat auch gesagt, dass sie ganz nett is und manchmal auch für sie mit einkauft und ihr auch die Sachen sogar hochträgt. Sie kann ja auch ganz gut deutsch sprechen", berichtet Frau Stahmer.

"Ich hab gehört, die hat auch 'ne Pistole! Ich glaub' die ist richtig gefährlich. Vielleicht ja so 'n Gangsterliebchen oder Mafia oder so? Manchmal soll sie ja auch so komisch angezogen sein und wegfahren", philosophiert eine andere Dame.

"So, nu aber mal Schluß hier! Nebenan bei Yasemin kauft sie ja auch immer und die sagt auch, dass sie ganz nett ist. Und sehr höflich ist sie. Wenn ich ihr dann ihr Paket 'rübergebe, dann bedankt sie sich und macht immer so einen kleinen Knicks. Jedesmal! So ganz kurz so angedeutet. Süß, nich? Ich glaub' ja, sie is ne' richtig liebe", erzählt Frau Stahmer, "Da – oha! Guck mal, guck mal“, ruft sie plötzlich.

Eine ältere Frau war wohl auf dem Pflaster mit dem Fuß umgeknickt und hielt sich krampfhaft an ihrem Gehwagen fest. Die Rotlicht-Russin lief sofort zu ihr und kümmerte sich um sie. „Och guck ma'. Oma Stöbersand. Was muss die nun aber auch noch immer über das olle Hoppelpflaster tüffeln! Guck ma', nun hebt sie ihr die Sachen auf und packt ihr das alles wieder schön in'n Korb. Und nu' stützt sie sie und geht mit ihr zur Bank am Brunnen. Guck ma', sie tastet auch noch Omas Fuß und den Knöchel ab. Vielleicht is sie ja auch 'ne Krankenschwester? Ach, da kommt ja auch schon Omas Tochter. Da, da! Du hast Du gesehen? Sie hat eben zur Begrüßung wieder einen kleinen Knicks gemacht! Und guck' mal, nun nehmen sie beide Oma Stöbersand in die Mitte. Na, dann is ja auch alles wieder gut. Vielleicht is' sie ja auch ne' ganz nette. Man weiss das ja nich so, oder? Und'n guten Kern steckt ja in jedem drin, nich?“ Die Frauen nicken, „Joo, das stimmt.“

Ok, es ist alles wie in Achenweiler. Wenn irgendwer laut hustet, weiß es das ganze Dorf und hier ist es nicht anders. Und jeder steht hier unter Beobachtung und es wird geratscht, was das Zeug hält. Und neugierig, sind die Leute hier. Wie mein Postbote und die Reni, die alte Hexe zusammen. Und was einer weiß, das wissen in einer Stunde alle! Na, das kann ja noch heiter werden.

In mir köchelt es ein wenig hoch und ich merke, dass ich etwas gereizt auf die Frauen im Laden reagiere. Aber irgendwie ist es hier anders. In Achenweiler hätte man wohl schon das Holz für die öffentliche Hexenverbrennung der Rotlicht-Russin aufgeschichtet. Aber hier hat sie eine gute Chance.

Ich muss an Vronis Worte von vorhin denken - alles in Balance zu halten und alles zu seiner Zeit und manchmal auch einen Spagat zu machen - auch wenns am Anfang weh tut. Aber das kann ich ja noch ganz gut, weil ich so gelenkig bin. Also reiße ich mich zusammen, damit in mir nicht wie früher die alte Grantlerin hochkommt. Ich will viel mehr die Lilly und viel weniger die zynische Resi sein. Naja, und schließlich wollen die Frauen hier doch auch wissen, wer die neue Kuh ist, die nun auf der Weide steht. Und ich will ja auch ein schönes Plätzchen auf der Wiese bekommen. Und da muss man eben auch mal seine Schokoladenseite zeigen. Und es fällt mir irgendwie auch überhaupt nicht schwer, charmant und freundlich zu sein. Hier ist es eben doch ein wenig anders, als in Achenweiler.

„Mögen Sie Herrn Johannsen leiden? Er is ja man auch'n schmucken Kerl, nich? Er ischa auch 'n ganz netter. Und der hat das auch mal verdient, dass er mal 'ne richtig nette abkriegt, oder? Und wir ham sie ja gestern auch schon zusammen gesehen. Och nee aber auch – 'n richtig schönes Paar, wie sie da so Hand in Hand – und denn auch ab und zu n' lütten Süssen auf'n Mund. Richtig schön! Und er is ja auch 'ne gute Partie, nich Biene?“, womit dann auch die umstehenden Damen weiter in das Verhör eingeschaltet sind.

„Der Sohn von Möllers hat ja auch 'ne Ausländerin geheiratet. Aus Dänemark. Und die hat sich hier auch sooo gut eingelebt. Und die Frau von jungen Scholz kommt sogar aus Berlin und das ist auch'ne ganz nette eine. Passen Sie mal auf, Sie werden sich hier auch schon wohlfühlen, Frau Lilly. Was machen Sie denn beruflich? Ach, Köchin! Das wird ja immer gesucht. Gerade hier inne Saison.“

„Ach wat, se mutt doch nicht arbeiten. Dat wär wohl dat erste Mol, dat een Frau Johannsen in Diensten is und arbeitet“, wirft Lisa, eine ältere Frau ein. Und alle sind sich einig, dass Bärli genug Geld verdient und seine Frau nicht zur Arbeit schicken muss. Schließlich haben ja alle auch im Leben hart gearbeitet und Frau Heinz hat es daher mit den Knien und Frau Oldermann hat auch schon seit zwei Jahren eine neue Hüfte. Die Damen stehen alle um mich herum oder sitzen auf einer kleinen Bank im Geschäft. Fehlt eigentlich nur noch Kaffee und Kuchen, denke ich bei mir.

„Klara, willst Du mal'n Hocker haben? Klara ist ja auch schon über 80 und kann ja nicht mehr so lange steh'n. Krischan, gib' Klara mal den Hocker von hinten. Haben Sie auch Kinder? Zwei Töchter? Ach, die sind schon groß! Was, Oma sind Sie auch schon? Nö, das sieht man Ihnen aber nicht an. Hätt's Du das gedacht, Lisa? Herr Johannsen hat ja auch 'ne Tochter. Sie hat mit ihrem Mann das groooße Restaurant anne Promenade in Heelsenhöft. Kennen Sie schon seine Mutter? Die is ja 'ne ganz vornehme, ganz ete-pi-tete (was immer das auch ist) und Personal hat sie ja auch noch immer - das Ehepaar Tatiewsky und natürlich unsere Marlies, die is ihre Sekretärin und Hauswirtschafterin. Aber is auch ne gaaanz nette eine. Aber seine erste Frau – nee aber auch. Das war vielleicht eine. Kein Wunder, dass er immer nach See war.“

„Jo, i weiß, er is a paar Jahre mit'm Schiff mitgefahrn. Und hilft ja noch a alten Dame mit ihre Boote“, sage ich stolz. „Boote?“, fragt Frau Stahmer nach. „Jo, i weiß nit genau – vielleicht, dess die nit wegtreiben tun?“

Ich ernte brüllendes Gelächter. Habe ich was Falsches gesagt? Frau Stahmer fasst sich als erste wieder: „Dat is wedder typisch Matten Johannsen. Immer den Ball flach halten. Immer tiefstapeln. Mit'm Schiff mitgefahrn! Nee, aber auch!“, lacht sie.

„Du, guck mal, Frau Lilly, da oben, was auf den Lagerhäusern steht, kannst Du das lesen?“, fragt sie, „da steht J.M.C. Johannsen. Das steht für John Maarten Christian. Und da drüben, das große Haus mit den hohen Säulen an der Hafenpromenade: Da steht das auch. Da wohnt die alte Dame, der er immer hilft. Und da vorn, das Schiff. Lies mal, wie das heißt: Wilhelmine Johannsen! Das ist sein eigenes Schiff, wo er als Kapitän drauf gefahren ist. Und die alte Dame ist seine Mutter und die hat 'ne Reederei mit drei Schiffen. Die Johannsens waren schon immer Kaufleute und Seefahrer. Früher hatten die gaaanz viele Schiffe und sind um die ganze Welt gefahren. Afrika und China und Indien und Amerika! Der ganze Hafen war voll mit Schiffen! Die ganzen Lagerhäuser waren auch voll mit Kisten und Fässern und Säcken mit Tee und Kaffee und wat weet ick noch alns. Kohle, Holz, alles Mögliche."

Plötzlich waren sie wieder da. Meine Befürchtungen, dem Allem nicht gerecht zu werden. Diese riesige Villa, Kaufleute, Reederei - alles Themen und Menschen, mit denen ich bisher noch nie in Berühung kam. Bisher habe ich nur reiche Leute im Fernsehen gesehen und das waren alles irgendwie protzige Prolls, die entweder laufend irgendwelche sogenannten IT Girls haben, die durch Abwesenheit von Intelligenz glänzen und die ausser dem Besuch teurer Restaurants keinen Beitrag für die Gesellschaft geleistet haben. Oder wie die Familie, die immer mit den Helis fliegt und wo die Frau immer so einen Scharrn daher redet. Peinlich! Und so ähnlich bin ich dann wohlmöglich auch. Eine dumme Gans neben den goldenen Wasserhähnen, die nur einen dämlichen Eindruck macht. Aber in Bärlis Haus sind ja auch nur ganz normale Wasserhähne, beruhige ich mich.

Und nicht nur, dass ich Bedenken habe, Bärli und seine Familie zu enttäuschen, nein, auch diese Frauen hier erwarten von mir, dass ich eben so bin, wie eine Frau Johannsen sein muss. Und ich weiss doch noch gar nicht, wie sowas eigentlich geht! Soll ich sie etwa fragen. Ach, das geht nun wirklich nicht. Mir spukt durch den Kopf, dass ich lieber wieder nach Hause fahren sollte, weil ich doch alles versauen werden und dann wieder enttäuscht davon gejagt werde. Aber nun atme ich innerlich tief durch und scheuche die zynische Resi aus meinem Kopf und besinne mich wieder auf die Lilly in mir und lächle einfach die Damen um mich herum ganz lieb an.

"Aber heute machen die Johannsens ja nur noch in Getreide und Futtermittel und die Lagerhäuser sind viel leerer als früher. Aber sie sind gaaanz alteingesessen. Wohl schon seit der Hansezeit oder, Lisa?“

„Maartens Mutter kommt ja aus Ostpreußen. Die kam ja mit dem alten Johannsen mit seinem alten Segelschoner. Der hat ja zu Kriegsende noch mit seinen Zwangsarbeitern, den beiden Dänen und Jean-Luc, dem Franzosen zusammen viele Flüchtlinge vom Osten hier 'rübergeholt. Die waren alle drüben in der großen Villa. Wohl mehr als 100 Leute. Und sie damals als junges Mädchen immer fleißig mittenmang dabei und mitgeholfen“, weiss Lisa zu berichten, „Sie kam ja auch vom Lande und ist auf einem Gutshof aufgewachsen. Ihr Vater war da Fahrer bei einem Baron! Und nach der Schule hat sie bei Johannsens dann Kauffrau gelernt und dann is der junge Johannsen aus der Gefangenschaft gekommen und dann hat das wohl zwischen den beiden mal ordentlich geknistert und als sie ausgelernt hatte, war Hochzeit. Naja, und dann kam Maarten zur Welt. Ja, so war das, Frau Lilly.“

"Din Modder wer doch ook dorbi - ach, ich meine - Deine Mutter war doch auch bei den Flüchtlingen dabei, Anne", wendet sich Lisa an Frau Stahmer, "Und Jean-Luc is ja schon 1947 wiedergekommen und hat denn ja auch gleich seine Stine geheiratet. Die war doch damals schon 1943 'ne ganz junge Kriegerwitwe geworden. Und die Tochter davon, die Lisette, die is heute die Mutter von den drei Peemöller Mädchen. Ja, ja... so is dat allns", erzählt Lisa von den alten Zeiten.

„Aber die Johannsens sind nie hochnäsig. Immer bescheiden, immer freundlich. So, wie Du, Lilly. Und immer bedanken sie sich, wenn sie einkaufen. Nie ein böses Wort. Immer sind sie emsig und fleißig und erfüllen immer ihre Aufgaben. Und helfen immer, wenn mal was is", befindet Frau Stahmer.

Vielleicht muss ich da auch noch etwas lernen. Mein Bärli und seine Familie haben richtig viel Geld und sind trotzdem so bescheiden, als wären sie kleine Leute und sie sind immer darauf bedacht, etwas zu tun, was dienlich ist. Ich erinnere mich daran, was Bärlie neulich geschrieben hatte. Wenn Du viel hast, dann musst Du auch viel geben. Selbst wenn es nur eine Gefälligkeit; Aufmerksamkeit oder ein kleines Geschenk ist, oder ein offenes Ohr, ein Ratschlag, eine Hand die man reicht zur Freundschaft und zur Hilfe, ein paar freundliche Worte, etwas Zeit, etwas Verständnis und ein Lächeln und ein wenig Deines Herzens und Du bekommst tausendfach etwas zurück.

Und er hatte noch etwas gesagt: Größe erwächst daraus, wie man den Menschen dient und ein Stück von sich selbst gibt. Damit dient man sich selbst und wächst charakterlich an seinen Taten und bekommt viele Facetten, bis man wie ein Diamant glänzen kann. Ja, und ich will auch glänzen. Ich will nicht mehr die graue Grantler-Resi in mir spüren sondern die Lilly soll in mir erstrahlen. Und ich will es schaffen, mit all meinen Facetten umzugehen und sie in Balance zu halten.

"Aber ich merk' das schon, unsere Lilly passt da so richtig gut rein bei den Johannsens, nich Lisa?", stellt Frau Stahmer fest und Lisa nickt: "Jo, dat passt. Aber seine erste Frau, die war ja nur so'n olles Biest. Die passte ja nu gar nicht zur Familie", weiss Lisa zu berichten, "die hat sich hier auch nie wohlgefühlt. Dat wer ne hochnäsige, verwöhnte, arrogante Zicke. De hat doch mit jedem Streit gehabt. Und dann waren alle froh, dat sie mit so 'nem reichen Griechen nach Zypern durchgebrannt ist! Oder weint ihr irgendjemand noch 'ne Träne nach?"

Die Runde schüttelt zustimmend, „nee, oh nee, bestimmt nich“, den Kopf. „Aber nu hat er ja Dich, Lilly, und Du büst ja auch 'ne richtig nette eine, oder nicht?“ Die umstehenden Damen nicken zustimmend mit den Köpfen und sagen, „Jo, dat is sie“. „Und so schöne Augen hat Sie. Das hat Maarten aber auch wirklich mal verdient, nich?“, sind sich alle einig, „Jo, dat het hej.“

„Jo, denn schau i mal, wos Sie denn so haben hier im Tonband“, sage ich. „Wo hab ich'n Tonband?“, fragt Frau Stahmer nach und bemerkt meine Unsicherheit. „Anne, se meint die Tonbank – Deern dat kümmt von tonen – auf hochdeutsch 'zeigen' auf einer Bank, einem Tisch!“, klärt mich Lisa auf. Alle müssen lachen und ich entschuldige mich, dass ich eben die Wörter noch nicht so genau kenne. „Ach, dat kümmt ganz von alleen. Dat hebt se noch all leernt.“

„Ja, dann nimm man mal die Jagdwurst hier, die is heute gaaanz frisch und hausgemacht - die macht mein Krischan immer selbst. Und dazu zwei Knacker? Die macht er auch immer selbst!“

Nach einer Dreiviertelstunde weiß jede Frau im Laden wer ich bin, was ich mache, wer mein Liebster ist, was er verdient und, dass ich mit ihm schlafe. Dafür habe ich die wichtigsten Krankheiten der Damen und auch noch so manche interessante Familiendetails meines Liebsten erfahren. Und obwohl ich kaum zu Worte gekommen war, bin in automatisch in den Kreis der 'netten einen' aufgenommen. Vielleicht ist das das Geheimnis - einfach einmal Lächeln und nichts sagen. Auf jeden Fall bekommt es mir besser, als meine polterige zynische Art, die ich sonst so an mir habe.

Ich gehe zum Auto, lege das Päckchen ab und halte mein Gesicht nochmal in die Sonne und lass mich wieder von ihren Strahlen kitzeln. Und das alles ohne Sonnenmilch! Wenn das Kati wüsste! Ein frischer Wind streichelt meine Haare durcheinander und ich setze meinen Einkauf fort.

Nun betrete ich das Fischgeschäft von Herrn Harms. Hieß nicht gestern der Fischer auch Harms, der die leckeren Fische in Doros Restaurant gebracht hatte?

Auch hier steht wieder eine kleine Ansammlung von Frauen und ein ähnliches Ritual beginnt, wie bei der Schlachterei Stahmer.

Wenn ich es nicht besser wüsste, dann würde ich glauben, gerade eine wundervolle Unterhaltungssendung aus dem Ohnsorg Theater zu erleben. Oder wie der andere im Fernsehen, der immer im Bademantel im Hähnchengrill steht. Frau Harms ist eine wahre Unterhaltungskünstlerin. Ihr ergebenes Publikum sind ihre Kundinnen, die sie mit Kommentaren, Scherzen, flotten Sprüchen und Grimassen zu den Themen des täglichen Einerlei unterhält. Ich muss richtig ein wenig lachen, weil es so schön ist. Aha, sie heißt Tina.

„Was kann ich für Sie tun, junge Frau? Wa-as, Forelle? Die müssen Sie doch gaaanz frisch kaufen. Bei Hellmann, der hat 'ne Fischzucht, da gibt es die schönsten. Wie wäre es mit 'ner schööönen Seezunge? So, Sie wollen ein schönes Fischgericht kochen für Ihren Liebsten? Für Herrn Johannsen, nich? Das ist doch sein Auto, oder? Sie sind doch seine neue, oder nich? Die Lilly, oder? Ja, dann nimm doch mal 'nen schönen Dorsch, Frau Lilly. Mach mal eben die Tür auf, Birte, damit ich Kuddl mal was fragen kann! Kud-dl!!! Kuddl, hast Du mal'n schönen Dorsch für Frau Johannsen? Ne, nich der Tischler, der Kapitä-än.“

Kuddl hat direkt vor dem Laden eine kleine Fischbude am Kai, wo er Räucherfische an Touristen verkauft und gerade ist er dabei, frische Fische zu sortieren.

„Is de ole Knieptang als wedder dor? De kricht bi mi keen Fisch nicht mehr.“

„Ne, nich die. Die andere, die neu-e. Die net-te!“

„Wat für 'ne neue?“, brummelt Kuddl – „Hab' ich Dir doch gestern gesacht, dass er 'ne neue hat und Du ma' mit aus'n Fenster gucken sollst. Aber Du hast ja nur Autorennen in Kopp.“

„Mannsbilder sind tscha jümmers sooo langsam – bis die mal was mitkriegen. Nu mal los Kuddl, zeig' mal hoch. Ja, dei is good. Mein Mann gibt Ihnen gleich einen schönen Dorsch. Dorsch kennen Sie nicht? Das is'n Kabeljau. Und dann nehmen Sie mal noch ein paar Sprotten (das sind so kleine goldgelb glänzende Räucherfische) mit, die isst ihr Mann ja immer so gerne auf Brötchen.“

"Jaaa, wir kennen ihn ja alle gut. Schon damals war er ja 'n schmucken Jung. Als wir noch immer alle in der Disko waren – hier gleich umme Ecke in der Anaconda Bar! Waren sie auch immer inne Disko? Wir hatten ja auch all die Platten. Die hab' ich sogar heute noch! Beatles, die Tremeloes, die Hollies und Dave Dee, Dozy, Bicky Mick und Tich – kennen Sie die auch noch?“, fragt Frau Harms und beginnt das Lied 'Bend It' zu singen und dabei in den Hüften hin- und herzuwiegen.

„Dor inne Anaconda hebt se Di' doch 'schnappt mit Hasch, nich Tina? “, fragt Lisa nach, die Frau von vorhin.

„Jaa, jaa, jaa. Ich hab das zu spät mitgekriecht und wir hatten gerade ein 'Hasch-Tütchen' geraucht. Aber Maarten is noch schnell genug wechgekommen. Aber dann is er nach 'ner Stunde auch bei der Polizei aufgetaucht und hat alles zugegeben. 30 Stunden Sozialdienst hat man uns damals dafür aufgebrummt. Da ham wir dann in der Jugendherberge zusammen abgewaschen und gefegt und so. Ja, Frau Lilly, so war das mit Deinem Mann damals. Immer ehrlich und verlässlich! Hat nie gekniffen.“

„Ach, Ihr seid nicht verheiratet? Nö, muss man ja auch heut gar nicht mehr so unbedingt. Wenn ich noch denk, wie das so früher war. Und gerade, wenn man noch so jung und verliebt is! Aber, was nich' is' kann ja noch werden, oder?“

„So, denn macht das „Sösteinsöventig“. „Was ist das?“, frage ich und die umstehenden Frauen lachen.

„16 Euro und 70 Cent. Ach, das mit dem Plattdeutsch lernst Du auch noch, Deern. Das kommt alles mit der Liebe mit. Und bis morgen dann, tschü-üs!“

So wurde ich vom ahnungslosen bayerischen Prallweib Lilly zur Millionärsgattin Frau Johannsen und von der Großmutter zum jungverliebten Mädchen mit Heiratsplänen befördert. Eine stattliche Karriere innerhalb von knapp 90 Minuten. Oder was meint Ihr? Das soll eine alte Frau wie ich erst einmal so schnell im Kopf mitmachen.

Bärli, und da kommen ja auch interessante Sachen zutage, die Du mir so noch nicht erzählt hast. Na warte! Und jetzt weiß ich auch plötzlich, was das da für Pflanzen hinten im Gewächshaus sind. Du kleiner Schlingel, Du!

Ich gehe dann noch zum Bäcker, Brötchen kaufen. „Knüppel oder Rundstück? Ein Graubrot? Ach, ein Feinbrot meinen Sie. Sie sind doch die Lilly, die Frau von Herrn Johannsen, nich? Dann nehmen Sie mal den hier mit, den 'Schwarzen Friesen', den mag er gerne und den nimmt er sonst auch immer. Und noch'n Rundstück für die Sprotten. Die packt er immer so gerne da in die Mitte rein.“

Nicht schlecht dachte ich bei mir. Die Leute wissen nicht nur wer ich bin, die wissen sogar schon, was ich eingekauft habe und was ich einkaufen will oder einkaufen sollte. Der Austausch von Neuigkeiten funktioniert in Heelsenhavner wirklich hervorragend!

Ein Gemüsegeschäft. Mit Halbmond und Sternchen auf dem Schild. Die Ware sieht gut aus. Hier kann ich mal ganz inkognito einkaufen. Ich trete ein, eine Frau mit einem hochgewickelten Kopftuch steht am Thresen. Ihre zwei Töchter kichern und sie bedeutet ihnen ruhig zu sein. Okay, Kraut heißt Kohl, Blaukraut ist Rotkohl, Kohlsprossen ist Rosenkohl und Braunkohl ist Grünkohl und eigentlich gar kein Kohl. Die Ware duftet frisch und die Kräuter sind sehr aromatisch. Als ich dann mit einer großen Tüte mit Obst, Gemüse und Kräutern den Laden verlasse, sagt die Dame höflich: „Auf Wiedersehen und vielen Dank, Frau Lilly und einen schönen Gruß an Ihren Mann.“

Also weiß es hier inzwischen wohl jeder in den Geschäften. Ich bin die dicke Lilly aus Bayern, die Geliebte von Herrn Johannsen, dem Kapitän, mit dem ich es treibe.

Als ich die Heckklappe des Autos öffne, kommt ein junger Matrose hinter mir vorbei. Er springt mir zur Hilfe und fragt, ob er mir die Sachen ins Auto legen darf. Als ich mich bedanke, tippt er salutierend mit den Fingerspitzen an seine Mütze und sagt: „Gern, geschehen, Frau Kallein.“ Nein, Sie müssen mich verwechseln, aber trotzdem vielen Dank. Zwei andere Matrosen gehen vorbei, verwechseln mich auch mit Frau Kallein. Sollte ich hier eine Doppelgängerin im Ort haben? Ich dachte immer, sowas wie mich gibt es nicht nochmal.

Zuhause erzähle ich Dir von meinen Abenteurn beim Einkaufen. Ich erzähle Dir, dass mich die Matrosen verwechselt haben. Du schmunzelst: „Soso… Frau Kallein, aha – also, 'Frau Kallein' heißt in Wirklichkeit 'Frau KaLeu' und das ist die korrekte Anrede für die Frau eines 'KapitänLeutnant zur See'.", erklärst Du mir. Alles Tradition sagst Du. „KaLeu war mein Dienstgrad, als ich hier noch stationiert war und zur See fuhr. Heute bin ich KorvettenKapitän a.D. und das heißt außer Dienst. Aber das mit dem 'KaLeu' hat sich hier irgendwie in den Köpfen gehalten. Heute kümmere ich mich aber nur noch freiberuflich um Radar und Navigationssysteme und berate Reedereien beim Einsatz solcher Apparate.“

Dann erzähle ich von den Frauen in den Geschäften und von meiner Karriere, die ich dort hingelegt habe: Von der dicken Lilly aus Bayern über Deine 'Neue' und Deine Geliebte bis hin zu einer heiratswilligen jungen Frau. Und, dass ich nun eindeutig auch 'von den Netten eine' bin und sich alle in Heelsenhavn einig darüber sind, dass Du mich schließlich auch wirklich verdient hast. Da ist es ja wohl auch nur gerecht, dass ich auch zu Deiner Frau KaLeu aufgestiegen bin, wo auch fesche Matrosen strammstehen und grüßen.

Ich erzähle Dir auch von meinem schrecklichen Erlebnis, damals, als ich den Wildgruber in Tellsee geheiratet habe. Die ersten zwei Sätze im Kaufmannsladen damals gingen mir nie aus dem Kopf: „Das ist doch Die vom jungen Wildgruber. Du kannst machen, was Du willst, Du wirst hier nie eine von uns, da kannst Du gleich wieder zurück in Dein Dorf gehen.“

Und hier nehmen mich die Leute so freundlich auf. Es macht ihnen auch nichts, dass wir nicht verheiratet sind. Und es macht auch nichts, dass ich vom so weit weg komme. Das ist schon eine andere Welt. Und sogar die Frau mit dem Kopftuch kannte mich schon.

Du sagst, dass die Frau im Gemüseladen Yasemin Güselcem ist und ihr Mann Erkan heißt und sie 'ganz eine Hanim' ist und ihr Kopftuch nennt man ein 'Hidschab'. Das ist eine traditionelle Kopfbedeckung für Frauen moslemischen Glaubens. Und Hanim bedeutet die würdevolle Frau des Hauses.

Die Väter von Yasemin und Erkan hatten damals auf der Werft gearbeitet, als dort noch neue Schiffe gebaut wurden. Yasemin hat dann beim Ehepaar Wohlers Einzelhandelskauffrau gelernt und hat das Geschäft übernommen, als die beiden in Rente gingen. Frau Güselcem unterhält auch noch einen kleinen Im- und Export Handel mit allerlei exotischen Waren aus dem nahen Osten, die sie auch in ihrem Geschäft anbietet. Die lagern bei den Johannsens in einem der Speicher. Vielleicht übernimmt sie auch noch das Kolonialwarengeschäft, wenn die Spiekermanns in Rente gehen. Sie ist fleißig und klug und eine tüchtige Geschäftsfrau und ihre Schwester Aynur hilft ihr bestimmt dabei. Erkan hat Radio- und Fernseh Elektroniker gelernt und betreibt auch noch nebenbei eine kleine Werkstatt im Hinterhof.

Bärli, hier ist alles anders. Und alles schön. Bärli, ich will auch gerne 'ganz eine Hanim' sein.

Ich setze mich mit meinem Dorsch in die Küche und sinniere noch ein wenig über mein Gespräch mit Vroni. Und ich will meine Fehler nicht wiederholen. Vroni hat Recht, ich muss das Balancieren lernen. So wie heute schon in den Geschäften. Aber ich will auch meine Leidenschaft leben. Es brodelt alles wieder in mir hoch! Ja, ich spüre, dass ich wieder Spaß daran habe, wenn ich die Blicke auf mich ziehen kann und mir ausmale, welche unartigen Gedanken dem Betrachter durch den Kopf gehen. Und mir natürlich auch!

Aber, es ist diesmal anders! Ich habe einen Traummann an meiner Seite, der das an mir schätzt und mich sogar dabei ermutigt, meine sehnsuchtsvollen Phantasien auszuleben. Ich sage mir selbst, Therese, Du musst diesmal sehr klug sein! Es erfordert auch viel Stärke von Dir, mit einem starken Partner zusammenzuleben, der selbst so stark ist, das er schwach sein kann. Bärli hat viele Facetten und ich will ich auch viele Facetten bekommen, mit denen ich umgehen kann. Mach Dir das diesmal nicht kaputt, Therese!

Ich schaffe den Spagat und die Balance zwischen lieb und verrucht, zwischen artig und schlimm, zwischen Hanim und Schlampe, zwischen Lady und Vamp und zwischen Resi und mir.

Ganz sicher! Hoffe ich zumindest.

#2 RE: Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly! von onivido 06.09.2015 14:25

Was fuer ein paradiesisches Dorf. Da muessen die Bayern ja vor Neid erblassen und sich vor Scham verstecken. Wenigstens letzteres scheint der Fall zu sein. Bei meinem letzten Besuch in Muenchen musste ich feststellen, dass die jungen Leute nicht nur nicht Dialekt sprechen, sondern auch bei ihrem Hochdeutsch kein sueddeutscher Tonfall zu erkennen ist. Wenn urbayrische Fussballer interviewt werden, saeuseln sie dahin als seien sie aus der Gegend von Hannover. Es kotzt mich an. Schnell bin ich nach Oesterreich, wo die Nachrichten noch so gesprochen werden,wie es mein Ohr vertraegt. Zurueck zu Lilly. Ich bin wirklich gespannt was der Dame jetzt noch passieren soll. Nur ein Mord kann das Paradies wieder menschlicher machen.
Beste Gruesse///Onivido

#3 RE: Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly! von Tessy 07.09.2015 10:58

Hi Onivido
vielen Dank für Deinen Kommentar. Die Sache mit dem Paradies geht mir nicht aus dem Kopf. Haben wir inzwischen alle eine Erwartungshaltung entwickelt, nach der ein Paradies per se untergründig schlecht und verrottet ist und nur durch einen Mord menschlicher wird? Projezieren wir damit de untergründige Erwartungshaltung, dass wir ohnehin betrogen oder belogen werden - von wem auch immer und gibt und das die Kraft dazu, zu ertragen, dass man ein Paradies wie unsere Erde zerstört? Ich glaube, da könnten wir beide ganz viel miteinander philosophieren, gerade wenn ich an Deinen Beitrag zu Spiegel Online denke.

Mir geht es eigentlich vordergründig darum, das Paradiese nach bestimmten Regeln und Traditionen funktionieren. Das wird unsere Lilly auch noch kernen. Aber das erlaubt es dann auch, dass schrille Paradiesvögel dort existieren können. Wir haben ja bisher gelernt, dass Achenweiler die Hölle ist. Ist es das wirklich? Oder ist es doch ein Paradies, was nur nach anderen Regeln funktioniert? Brennt in uns die rachlüstige Sehsucht, ein Achenweiler dem Erdboden gleich zu machen? Lassen wir uns zu diesen Gedanken verleiten, weil Lilly dort nicht nach den Regeln gelebt hat? Oder Achenweiler nicht nach Lilly's Regeln funktioniert?

Ist es nicht zu klischeehaft, den Plot aufzugreifen, in dem die Frau an die Stätte ihres jugendlichen Schaffens zurückkehrt, um das dortige Paradies zu entlarven, damit man ihr endlich Recht gibt - woraufhin dann das Paradies hinfortgefegt wird und danach nur noch ein paar degenrierte verstahlte Deppen durch die Gegend tapsen? Wenn wir dieses Klischee nicht bedienen - sind wir dann wieder klischeehaft, weil uns der Götterzorn der griechischen Tragödien und der alt-testamentarischen Kapitel der Bibel daran fehlt? Hat der Engel nicht gesagt: Fürchtet Euch nicht (mehr* - *so im hebräischen Original). Aber wir Menschen wollen uns lieber weiter fürchten, oder?

Ich werde Dich jetzt etwas spoilern. Wir werden in einigen der folgenden Episoden noch mit dem Grauen konfrontiert werden und das Grauen wird darum bitten, den Konventionen und Regeln zu gehorchen zu dürfen, damit es nicht ausbrechen kann. All das, was wir als Konventionen betrachten, wird hinter den verschlossenenen Türen vergessen und es wird eine neue Tür in eine andere Welt geöffnet, von der Lilly immer wusste, dass es sie gibt aber nie daran gedacht hat, sie zu betreten. Und auch Achenweiler wird uns zeigen, dass die Schlampen-Brut dort wie der Paradiesvogel leben kann, weil in Achenweiler eben die Konventionen und Regeln bestehen.

Stay tuned. Und denke immer daran - ich liebe Kisch und Happy-Ends.

Gruß,
Tessy

#4 RE: Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly! von onivido 07.09.2015 17:55

Hi, hello Tessy,
Da habe ich wieder was angestellt. Wenn ich sage menschlicher, meine ich damit, dass das Dorf von seiner himmlischen Seligkeit ein bischen mehr ins irdische gezogen werden soll . Durch einen Mord? Nicht unbedingt . Dieses Wort steht stellvertretend fuer eine grosse Ueberraschung in Bezug auf diese ideale Wohngemeinschaft. Anscheinend habe ich Kommunikationsschwierigkeiten. Nie wollte ich sagen, dass dieses Paradies schlecht sei, nur zu gut um wahr zu sein.
Dass wir betrogen und belogen werden von unseren Politikern und der Presse , ist leider ein Fakt. Deshalb muss man mit allen Mitteln versuchen der Wahrheit ein bischen naeher zu kommen. Wir sollen keine Kraft vergeuden, um zu ertragen, dass man ein Paradies wie unsere Erde zerstört, sondern sie nutzen das zu verhindern.
In Bezug auf die Sache mit dem Spiegel online bin ich mir nicht sicher, was es darueber zu sagen gaebe. Spiegel online steht stellvertretend fuer die ganze Mainstream Presse. Dieser Beitrag hat eigentlich nichts im Forum verloren und ich moechte mich dafuer entschuldigen. Es ging mir darum den Vortrag eines oesterreichischen Bauingenieurs und Sprengmeisters im Spiegel public zu machen und ihn damit gegen den Willen seiner Lenker zu nuetzen. Das einzige was es hier zu diskutieren gaebe ist der Inhalt des Vortrags und die daraus resultierenden Schluesse.
Ich bin wirklich sehr gespannt, was die gute Lilly jetzt noch zu meistern hat. Gibt es eigentlich einen feedback der Tochter Kati. Was hat sie zu der neuen Situation ihrer Mutter zu sagen?
Bis zum nachsten Mal///Onivido

#5 RE: Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly! von Tessy 07.09.2015 19:13

Hallo Onivido
Alles ist gut! Ich hatte das auch so aufgefasst und wollte nur die Dramatik der Aussage philosophisch etwas weiter ausleuchten.

Gut, dass Du mich an Kati erinnerst. Die hätte ich beinahe vergessen!

Gruß,
Tessy

#6 RE: Los, Lilly, flieg! – 5 – Ihr Auftritt, Frau Lilly! von onivido 08.09.2015 14:35

Hallo Tessy,
ja und da war doch noch eine andere Tochter. Vielleicht interessiert sie jetzt das Befinden ihrer Mutter, wenn sie erfaehrt, dass diese jetzt in ein Anwesen umgezogen ist. Nur damit du sie nicht vergisst.
Auch ich habe vor einiger Zeit eine lange Geschichte geschrieben, sie aber nie ins Forum gestellt, da ich die Abneigung der Forumsteilnehmer gegenueber laengeren Texten kenne. Aber jetzt bist du da. Vielleicht erbarmst du dich ihrer und liest sie. Sie erzaehlt von meinen Breitengraden und ist gewiss schon deshalb nicht jedermans Sache. Ausserdem laesst sie ziemlich viel Blut fliessen, ohne spannend zu sein. Also ich habe dich darauf vorbereitet und schicke die ersten Seiten, bevor du nein sagen kannst. “Auge um Auge und Zahn” heisst sie.
Viele Gruesse///Onivido

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