#1 Los, Lilly, flieg! - 8b - Abschied von Achenweiler - 'Klar Schiff' gemacht von Tessy 24.09.2015 16:37

Los, Lilly, flieg! - 8b - Abschied von Achenweiler - 'Klar Schiff' gemacht

© Tessy

Heute Abend ist es so weit. Bärli, Du kommst hierher und holst mich ab. Ich habe schon alles gepackt. Koffer und Kartons und all die Kästen mit den Sachen, die mir lieb sind und auch mit all den Sachen, die ich für immer aus meinem Leben entfernen will - wie meine alte Kleidung und auch meine alten Schallplatten und mein Schallplattenspieler. Die gehen alle in den Müll. Du nennst es immer 'klar Schiff' machen - und Du hast gesagt, das bedeutet so viel wie aufräumen, saubermachen und Dinge regeln und in Ordnung bringen. So - wie man reinen Tisch macht.

Nur das neue festliche Dirndl mit Bluse und langen Kniestrümpfen habe ich für morgen draußen gelassen. Dazu die hohen Pumps. Damit will ich mit Dir durchs Dorf flanieren und es danach dann während der Rückfahrt tragen.

Ich höre Dein Auto. Du kommst. Ich freue mich. Du fährst auf die Einfahrt. Stellst den Motor ab. Und steigst aus. Bärli, Du hat es so gemacht, wie versprochen. Du hast Deine Uniform mitgebracht und Deine Mütze auf dem Kopf, damit Du sie nicht zerknitterst.

Ich stehe auf der Eingangsstufe und erwarte Dich schon sehnsuchtsvoll. Wir fallen uns in die Arme. Halten uns ganz fest. Endlich bist Du hier. Es wird schon bald dunkel und morgen am Sonntag wollen wir zurück fahren, zurück zu Dir - nein zu unserem Zuhause in Heelsenhavn.

Du willst noch schnell in den Nachbarort Tellsee fahren, um zu tanken, weil ja am Sonntag die Tankstelle vielleicht nicht offen hat und fährst daher nach einer Weile wieder los.

Da klingelt mein Telefon. Reni die Hexe ist dran, meine liebe alte 'Freundin‘ und Nachbarin.

„Sog mal Resi, Bist D' no do? Sie ham Di nit mitgenommen?“

„Warum soll man mi mitnehmen?“

„Na, da Polizist eben. Der war doch wegen dem illegalen Weib do, die auf der Flucht is. Die Du versteckst. Weil sie g'sucht wird wegen da nackerten Fotos im Internet.“

„Welches Weib und welche Fotos meint Du?“

„Na, die Lilly Johannsen. Des hat der Postbote g'sagt. De Fotos von Di' und dieser Frau Johannsen. Wo's es nackert seid. Des hat doch der Hofmoser g'sehen. Na, do bin i ja froh, dass die Polizei wieder weg is.“

„Reni? Du bist a alte Hex. Aber i kann Di' sagen, morgen werde i abg'holt. Und dann werd i wohl so bald nit mehr wiederkommen.“

„Oh je, so schlimm is es also doch! Na, des war ja bei Di' a nid anders z' erwartn, du oalte Schlampen. Wo's Du doch schon immer so eine warst, de es mit allen getrieben hat. Auch mit anderen Weibersleut“

„Reni!“

„Jo?“

„Damit Du es genau weisst, die Lilly Johannsen, die bin i selbst. Des is mein neuer Name. I hob geheiratet.“

Zwar war das nur auf einem Schiff und es war nicht wirklich gültig, aber das muss ich ihr ja nicht auf die Nase binden und es war mir jetzt auch egal. „Und des is koan Polizist. Des is a Kapitän und der is mein Ehemann!“

„Aha, und warum weiss i nix davon? Du hast wohl nur an Preiß abbekommen, häh? Hahaha! Für mehr hat's wohl nit gereicht, oder? Naja, a richtiger Kerl fasst sowas wie Di' ja a nit mal mit da Kneifzange an.“

„Reni, I geh morgen Vormittag nochmal durchs Dorf. Und denn kannst mal seh'n, was des für a schneidger is. Und Reni, pass liaber auf, wo Dein Hansi sein Augen und sein Finger hat, wenn i dann bei Euch am Haus vorbeigehe. Und noch wos, meine korrekte Anrede heisst dann 'Frau Korvettenkapitän‘! Des Du es nur weisst.“

Das war das Ende einer 'wundervollen‘ Freundschaft. Schlimmstenfalls stecken sie heute Nacht mein Haus an, dachte ich. Aber dann sterbe ich wenigstens Hand in Hand mit Dir. Naja, wenigstens ist das jetzt geklärt und ich bin froh, dass ich auch einmal mit Reni 'klar Schiff' gemacht habe.

Am Morgen wollen wir beide durchs Dorf flanieren. Bärli, durch das Schaulaufen musst Du nun diesmal auch durch. Ich will ja zeigen, was für einen feschen Mann ich habe. Bärli, das bin ich mir schuldig für all die Schmach und das Mobbing hier. Könnt ihr das verstehen?

Und dann will ich mit Dir ins Wirtshaus einkehren. Bärli, ich hab da für meinen Seelenfrieden noch was zu erledigen, bevor wir abreisen.

Ich ziehe jetzt mein ganz festliches Trachtenkleid an. Das ist nicht ganz lang, sondern endet zwei Handbreiten unter dem Knie. Eigentlich etwas zu kurz, aber ich will es so. Zuerst die neue Bluse. Meine Güte – wie sieht das toll aus! Was habe ich für ein wundervolles großes Dekolleté. Leni, Du bist wunderbar! Na, wartet, Ihr bösen Buam im Wirtshaus!

Dazu meine weißen Kniestrümpfe. Mit einer kleinen schwarze Schleife. Richtig züchtig. Dann ein rotes Strumpfbad an meinem Oberschenkel. Eigentlich muss es bei alten Frauen schwarz sein, bei Jungfrauen blau und rot symbolisiert, dass sie bereit und fruchtbar ist. Das ist zwar nach meiner Unterleibs OP nicht ganz passend aber ich will provozieren und nach außen hin sieht man es ja auch nicht so. Noch nicht.

Dann das Kleid. Mit all den silbernen Talern und Knöpfen. Keine Leder- oder Leinenbändchen am Kleid wie bei den armen Bauern oder Handwerkern sondern Silberkettchen. Alles standesgemäß und alles muss richtig an seinen Platz. Auch die Zöpfe. Bärli, hilf mir mal, sie festzustecken. Sie müssen um den Kopf gelegt werden wie ein Kranz und dann mit der richtigen Spange festgesteckt werden. Und dann noch ein ganz kleines artiges Mini-Häubchen für den Hinterkopf. Eigentlich müsste es als Frau ein Hütchen sein, aber ich will etwas jünger und alt-traditioneller wirken - eben wie eine junge Frau, die gerade unter die Haube gekommen ist. Ja, ich weiß, dass ist etwas kitschig und althergebracht, aber ich will jedem zeigen, dass ich jetzt vergeben bin und damit unantastbar. Nun noch die Pumps. Ich guck in den Spiegel und bin mit mir zufrieden.

Ach ja, weil ich nicht lesen konnte, was in Heelsenhavn auf den Getreidespeichern steht, habe ich mir eine neue Brille und Kontaktlinsen machen lassen. Die habe ich heute morgen schon eingesetzt. Man soll mich zum Abschluß noch einmal ohne meine Glasbausteine sehen.

So, und fertig. Lass uns gehen. Ach nein - die neue kleine Kette fehlt noch - die mit dem kleinen runden weissen Quarzstein von Frau Olungo. Ich habe ihn in Heelsenhavn von Juwelier Diekmann in einen schmalen silbernen Kranz einfassen lassen und trage ihn nun als kleines Amulett an einer Halskette. Das soll mich immer an den Tag unserer 'Schiffstrauung' erinnern.

Eigentlich darf ich nur links von Dir gehen, weil wir ja noch nicht richtig verheiratet sind. Aber ich will rechts von Dir gehen, da wo die Frau bei ihrem Mann hingehört und damit jeder meine Schleife auf der rechten Seite richtig sehen kann und erkennt, dass ich ich einen Mann an meiner Seite habe. Nicht mehr schutzlos und schwach, sondern stolz und eine ehrbare Frau. Bärli, das ist wie das mit den Abzeichen auf Deiner Uniform. Das ist auch ganz traditionell und formell.

Du lachst und sagst, dass Du es verstehst. Für Dich zählt sowieso die Schiffstrauung auf der MS Nordwind und deshalb gehöre ich sowieso auf die rechte Seite - Standesamt hin oder her. Und hier im Ort weiß es ja ohnehin niemand, dass wir uns nur auf einem Kreuzfahrtschiff das Ja-Wort gegeben haben.

Also gehen wir beide los.

Es ist herrliches Wetter. Die Sonne scheint. Wir gehen Hand in Hand den Weg entlang. Deine Uniform glitzert mit all dem 'Lametta', wie Du es nennst. Mein 'Atombusen' spannt die Bluse, mein dicker Hintern wiegt hin und her und meine Absätze klappern laut und provozierend auf dem Gehweg.

Vorbei bei Reni und Hansi. Die hängen bestimmt mit der Nase direkt hinter der Gardine. "Na, Hansi, da schaust', wos? So a volle Blusen hast D' noch nie g'sehn. Bei da Reni bestimmt nit! Und pass auf, wos Dein' Handen host. Sonst kommt die Reni Di' auf de Schliche", denke ich so dabei.

Dann gehen wir den Weg weiter ins Dorf.

Vorbei beim Gollenmoser, beim Stanzl, beim Leinwinder, beim Hintermoser, beim Leitner und beim Steiner. Die Weiber schauen zum Fenster heraus. "Ja, schaut nur und passt auf Eure Kerle auf, damit s' nit auf falsche G'danken kommen und noch a Witterung aufnehmen!" So gehen meine Gedanken.

Die Kirchenglocken läuten nach der Messe. Uns begegnen viele Leute aus dem Dorf. Sie begaffen Dich wie ein exotisches Tier und mich und meinen Busen wie ein dämonisches Zauberwerk und machen einen Bogen um uns. Ich muss innerlich lachen - sicher sind wir ansteckend. Ich weiß, dass sie sich nach uns umdrehen und über uns reden. Und dem einen oder anderen, wird bei meinem Anblick sicherlich warm ums Herz. Du bist ganz ruhig und grüßt die Leute höflich mit einem Kopfnicken und mit dem Finger an Deiner Mütze. Bärli, die haben heute vielleicht was zu reden. Sei sicher!

Ich bin erstaunt - viele Leute grüßen und freundlich, ziehen sogar manchmal ihren Hut. Das habe ich ja noch nie erlebt! Aber beim Vorbeigehen flüstern manche Frauen Schimpfworte, wie Hexe, Schlampe, verflucht sollst sein, Hure und andere Nettigkeiten. Du kannst das nicht so genau verstehen und das ist auch gut so. Hier ist eben auch alles anders. Aber eben nicht alles gut.

Bei der Dorfkirche halte ich ein. Ich war seit meiner Jugend nicht mehr in der Kirche. Ja, zur Kommunion der Mädchen und zu unserer Hochzeit in Tellsee. Aber, mit dem Herzen war ich bis heute nicht mehr dabei. Bärli, da in die leere Kirche möchte ich jetzt ganz kurz hineingehen. Bis nach vorne durch. Da, wo die Statue mit der Maria und das Jesus Kreuz stehen. Da knie ich mich hin und bete. Ich entschuldige mich, dass ich seit der Jugend nicht mehr hier war und bedanke mich, dass sich in meinem Leben so viel zum Guten gewendet hat, obwohl ich so ein unschamhaftes Mädchen war. Ich stecke auch 5 Euro in den Opferstock. Die schulde ich dem Herrgott noch. Er weiss schon wofür.

Ich erflehe dann noch den Segen für unser zukünftiges Leben und bitte um Beistand und Hilfe, meinen Frieden mit mir selbst und dem Dorf zu machen. Auch, wenn ich dabei unschamhaft sein muss. Und wenn ich so eine Schlimme bin und keine Chance auf ein neues Leben haben soll, dann soll mich vor der Tür der Blitz treffen und ich direkt in die Hölle fahren. Vor der Tür scheint die Sonne und keine Spur von Blitzen. Ich glaube, der Herrgott hat mich verstanden und wir haben nun auch miteinander 'klar Schiff'.

Ich hake mich bei Dir ein und wir gehen weiter. Ich will nicht, dass etwas zwischen uns steht. Nichts soll jemals zwischen uns sein und es soll keine Geheimnisse geben. Zwar habe ich Dir schon erzählt, dass ich als junges Madl ein 'wilder Feger' war, aber Vroni hat mir gestern doch meine dunkle Seite aufgezeigt und auch damit will ich Dir gegenüber 'klar Schiff' machen. Ich fasse allen Mut zusammen und sage zu Dir: "Bärli, i muss Di wos sagen. I will, dess D' des weisst, bevor mer zurückfahren. I war früher nit immer nua a liebes Madl. I war auch a bisserl unanständig, unschamhaft und unmoralisch. Aber nur a bisserl. I hob a wos mit a Madl ghobt, mir der Vroni - aber nur oan einz'ges mol. Und i war nit immer nett zu die Buam. Und i bin auch mit vuiln Buam verliebt g'wesen. So, nun ist's raus", sage ich erleichtert und ängstlich zugleich und blicke fragend in deine Augen. Du lächelst mich heuchlerisch an: "Was, Du gehst nicht als Jungfrau in unsere Ehe?"

Ich will etwas sagen aber Du legst Deinen Finger auf meinen Mund: "Lilly, das ist Vergangenheit. Schau nach vorne und lass das alles hinter Dir. Ich habe die Lilly geheiratet, die ich kennengelernt habe. Und ein kleiner Teil von der Lilly ist eben auch die junge wilde Resi mit ihren Abenteuern die auch die Buam im Dorf entjungfert hat und mit anderen Madl kuschelt. Das ist eben der aufregend verruchte Teil von meiner Lilly, den ich an Dir sehr schätze. Denke immer dran, das Hinfallen ist erlaubt, nur das Liegenbleiben ist eine Schande."

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