#1 Los, Lilly, flieg! - 22 - Adoption von Tessy 19.11.2015 10:28

Hallo, Ihr lieben Mitschreibselnden

Wenn Ihr glaubt, dass das schon alles war, was unserer Lilly in dieser Nacht passiert - dann habt Ihr Euch selbstverständlich getäuscht. Aber Ihr habt es ja auch nicht wirklich anders erwartet, oder?

Na, dann lasst uns noch einmal in Swetlanas krauses Seelenleben blicken und sehen, was sich entwickelt.

Viel Spaß beim Lesen,
Tessy

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Los, Lilly, flieg! - 22 - Adoption

© Tessy

Nachdem uns 'Die Firma' und 'Die Familie' nun allein gelassen hat sitzen wir noch noch eine Weile zusammen. Die Ereignisse der letzten Stunden waren ja nun wirklich aufregend gewesen. Ich denke noch so bei mir, was ich wohl Kati erzählen soll: 'Hey Kati, Deine Mutter lebt hier mit fröhlichen Spionen in einem Agentennest!' Oder etwa: 'Hey Kati, Deine Mutter ist jetzt Aushilfsspionin!'. Ich mag mir die Reaktion garnicht ausmalen - 'Mama, Du kommst sofort nach Hause!' ist wahrscheinlich noch die netteste Variante.

"Wie geht es Euch beiden", willst Du wissen. Ich habe ja noch so meine Bedenken und bin hin- und hergerissen. Aber ich will nun auch nicht die Unke spielen. Eigentlich habe ich mir doch neulich noch gewünscht, dass mein Bärli mein Freundin Swetlana mag und wir vielleicht öfter einmal beieinander sitzen. Aber nun bin ich etwas eifersüchtig und ängstlich, weil ich um meine traute Zweisamkeit mit meinem Bärli fürchte. Die beiden kennen sich schon so lange und haben zu viele Leichen im Keller und nachher stehe ich da, wie das Dummchen vom Dienst.

Irgendwie spürst Du meine Bedenken und Du nimmst Meine Hand, verschränkst unsere Finger und streichelst sie mit der anderen Hand, so als wolltest Du sagen, dass alles in Ordnung ist und ich mir keine Gedanken machen soll. Aber ganz so schnell verfliegen meine Sorgen noch nicht.

Swetlana guckt uns zwei an und sagt zu mir: "Lilly, weisst Du, dass ich Dir dankbar bin? Ich bin ein Kind der Zeit und des Geistes des Kalten Krieges. Und als die Sowjetunion und der Warschauer Pakt zusammenbrach, zerbrach auch meine Welt und ich verlor den Boden unter den Füßen. Was ich auch unternahm, es half mir nicht, meinem Leben Halt zu geben. Und dann habe ich Dich getroffen, Lilly, und ich hatte das Gefühl, da ist eine, der ich vertrauen kann und die mir wieder Halt geben kann - und das nicht nur, weil Du Olga etwas ähnlich siehst. Und als dann auch noch Maarten auftauchte, da war mir, als wenn meine Elfen zu mir sagen, dass ich nun eine neue Chance haben, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen und mit den Füßen wieder auf den Boden zu stehen."

Naja, ich glaube auch, dass es bei uns beiden neulich wirklich heftig gefunkt hat. Aber die Sache mit den Elfen macht mich nun doch etwas stutzig? Das meint sie doch nicht im Ernst, oder?

Sie zögert etwas und erzählt dann: "Ich habe ein Buch gelesen, was mich zutiefst getroffen hat. Es ging um einen Mann, der eine Familie hatte und einen kleinen Hof bewirtschaftete. Dann wurde er zu den Waffen gerufen. Immer wieder hat er davon geträumt von seinem Hof und seiner Familie, hat gewünscht, aufs Feld hinaus zu gehen, den Pflug anzuspannen und sein Land zu bewirtschaften.
Aber seine Kriegerlebnisse haben ihn verändert und nur der Geist des Krieges hat seine verstümmelte Seele mit den vielen Narben aufrechtgehalten. Aber als dann der Frieden kam, ging dieser Halt verloren und seine Seele brach zusammen. Nichts gab ihm mehr Halt und er fand keinen Weg zurück ins Leben und zu seiner Familie. Er war verloren zwischen den Welten und als heimatlose Seele getrieben zwischen den Winden. Hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser und liess sich dann mit Verbrechern ein. Und immer hofft man beim Lesen, dass er den Weg zurück findet. Aber während er sich mehr und mehr versündigte, wurde die Bestie in ihm immer größer, bis er sie selbst nicht mehr beherrschte und sie alles um ihn herum zerstörte - auch ihn selbst bis er in der Gosse landete und am Ende den Freitod wählte, mit seinen Orden und Auszeichnungen in der Hand. Solche Geschichten gibt es sicherlich zu hunderten, nur diesmal habe ich mich darin selbst erkannt. Aber so will ich nicht enden."

Ich blicke sie an und sehe, dass es sie wirklich trifft.

"Er hatte immerhin eine Familie und einen Hof, zu dem er zurück konnte. Ich nicht. Ich kann nur zurück in ein leeres Kinderzimmer, an das ich kaum noch Erinnerungen habe. Kalt, dunkel, ohne Tischchen, ohne Stühlchen, ohne Bettchen, ohne etwas zum Spielen, nur die blasse Erinnerung an einen weissen Plüschbären namens 'Utschi'. Keine Mutter, kein Vater. So kauert das kleine Mädchen nur in einem dünnen Hemdchen in der Ecke auf dem Boden und blickt zur verschlossenen Tür. Und es wagt nicht, diese zu öffnen, denn diese Welt da draussen kennt es nicht und es ist ihm fremd. Und niemand ist da, der ihm die Hand reicht damit es aufsteht, ihm die Furcht nimmt, ihm verzeiht und mit ihm zur Tür geht, sie öffnet und es in diese neue Welt geleitet."

"Doch, ich", sage ich vorlaut, "Ich gehe mit Dir, meine Süße. Ich begleite Dich." Ich kann sie doch jetzt nicht im Stich lassen, oder? Sie ist meine Freundin - auch wenn in mir in den letzten Stunden hundert Bedenken hochgeköchelt sind. Ich werde zu ihr stehen.

Sie kuschelt sich an mich und blickt mich mit ihren großen Augen flehend an: "Aber Du darfst mich nicht loslassen und mich nie, nie, nie wieder alleine lassen. Versprichst Du mir das? Geh nie wieder ohne mich fort. Ich will auch wieder ganz lieb und gehorsam sein."

Um Himmels Willen! Ich bin schockiert. Sie zeigt wieder ein völlig anderes Verhalten. Welche bösen Geister jagen dieses kleine Hascherl? Welche Narben sind auf dieser kleinen verlorenen Seele? Welche Verstümmelungen hat man ihrer Psyche angetan? Ich muss richtig um Fassung ringen.

Das sind nicht die Worte eines Todesengels und auch nicht die Augen einer Killerbiene. Das sind die Augen und Worte eines kleinen Mädchens, das sich fürchtet! Und mir dämmert, dass ich hier gerade ein kleines, fast 55-jähriges Kind im Arm halte, das ich gerade eben adoptiert habe und das mich eben zu ihrer neuen Mutter ernannt hat. Möge mir der Herrgott im Himmel die Kraft dazu geben, meiner liebsten Swetlana zu helfen, ihren Weg zu finden.

Tausend Dinge schießen durch meinen Kopf. Ich denke an mich, wie ich als alte Resi in meiner kleinen Hütte in Achenweiler zynisch mit der ganzen Welt und mit mir selbst gehadert habe. Denke daran, welch Glück mir wiederfahren ist mit meinem lieben Mann, mit dem ich ein gutbürgerliches Leben habe. Ist es der Preis, den ich nun dafür zu zahlen habe? Ist es meine Aufgabe, die der Herrgott mir stellt? An der ich gemessen werde oder wachsen soll? Oh je, was wird Kati sagen, wenn sie erfährt, dass ich nun noch eine Tochter habe? Ach, ich erzähle das erstmal besser gar nicht.

Swetlana umschlingt meinen Hals und küsst meinen Mund. Ganz zart und zaghaft, fragend erobert mich ihre Zunge und sie schließt ihre Augen, um diesen Moment der Sinnlichkeit zu genießen. "Und nun hast Du mich doch wieder lieb? Ich bin auch ganz brav", flüstert sie und ich nicke, "Ich weiss, meine Süße!"

Sie hat mich auch zu ihrer Geliebten erklärt. Ein völlig ambivalentes Bild! Wer hat schon seine Adoptiv-Mutter als Geliebte? Ich höre jetzt auf darüber nachzudenken. Ich kann ohnehin keinen klaren Gedanken fassen. Und was wirst Du, mein lieber Bärli dazu sagen?

Swetlana nimmt meine Gedanken vorweg: "Ob Maarten mich wohl auch lieb hat? Ich war doch auch immer artig. Er hat so viele Dinge gesagt, die ich mir alle gemerkt habe. Die haben mir so oft Halt gegeben, in meinen dunklen Stunden. Ich habe Maarten auch lieb."

Ich blicke Dich an, Bärli. Auch Du bist von ihrem Verhalten irritiert. Aber Du nickst: "Doch, Swetlana, ich habe Dich auch lieb", und Du gibst ihr auch einen kleinen Kuss, den sie sofort liebevoll erwiedert.

Nicht nur, dass ich von jetzt auf gleich eine Tochter gewonnen habe, nein auch eine Geliebte, mit der ich wohl auch meinen geliebten Mann teilen werde. Ist das verrückt? Ja, ist es, und wie. Hätte mir das jemand vor 12 Monaten in meiner Hütte in Achenweiler gesagt, ich hätte ihn ausgelacht. Und hätte ich damals gewusst, was auf mich zukommt, dann wäre ich vielleicht nicht eines Samstag morgens in den Zug nach Heelsenhavn gestiegen. Aber heute sehe ich das anders und ich möchte mein abenteurliches Leben hier nicht mehr missen.

Swetlana blieb über Nacht. Wir hatten uns auf dem Sofa aneinandergekuschelt und sie ist dann in meinem Arm eingeschlafen - mit unserem kleinen Hund Sputnik im Arm - den sie wie ein Kuscheltier hält. Ihm gefiel es und sie murmelte im Schlaf so etwas wie 'Utschi'. Ich glaube die kleine Seele hat in dieser Nacht 50 Jahre Schlaf nachgeholt, mit einem zufriedenen, glücklichen Lächeln auf den Lippen. Wie ein kleines Murmeltier. Wir nehmen uns alle drei an die Hände und verschränken unsere Finger miteinander. Sie hält uns ganz fest, so als wenn sie uns nie wieder verlieren will.

An diesem Abend hat Swetlana sich uns gegenüber ein kleines Stückchen geöffnet und wir haben mehr als nur eine ganz liebe und treue Freundin gewonnen. Ich denke, es tat ihr gut über all die Dinge zu sprechen. Sie blüht über die folgenden Monate immer mehr auf, aber es wird sehr lange dauern, bis ich sie wirklich verstehe.

Ich erinnere gerade an die Worte von Frau Olungo: "Der weisse unschuldige Stein zum blutigen roten Stein, weil der rote Stein lernen muss, unschuldig zu werden und beide Steine finden zusammen ihr Gleichgewicht in der neuen Welt und öffnen der Seele die Augen - Verstand und Gefühle - Blut und Liebe - Kampf und Frieden - Tränen und Glück - Suchen und Erkennen."

#2 RE: Los, Lilly, flieg! - 22 - Adoption von onivido 19.11.2015 16:39

Hi Tessy,
Schon ein starkes Stueck wie der Baerli zuschauen muss, wie seine Frau von einer anderen vernascht wird. Aber er revanchiert sich ja dann auch gleich. Vielleicht ist das bei Spionen sowieso egal. Die muessen ihre Gefuehle ja meistens vergewaltigen. Wie das nur so weitergehen kann , mit den Dreien? Ich sehe dunkel –rosarot. Wenn das die Kati erfaehrt! Und die andere Tochter, deren Namen ich vergessen habe, der gefaellt das neue Leben ihrer Mutter bestimmt besser. Als Frau Korvettenkapitaen kann sie jetzt durchaus vorzeigbar sein und sicherlich braucht sie auch die Unterstuetzung der Tochtern nicht.
Ich lasse mich ueberraschen.
Viele Gruesse///Onivido

#3 RE: Los, Lilly, flieg! - 22 - Adoption von Tessy 19.11.2015 17:20

Hi Onivido
Naja - noch sind wir ja nicht ganz in Sodom und Gomorrah angekommen. Dazu muss ich bei unserer Lilly erstmal alle Sicherungen richtig durchbrennen lassen.

Und was Kati angeht - die bekommt auch noch ihr Fett weg. Ein Absturz und ein ganz traditioneller Aufstieg bar jeder Konvention.

Und was die Steffi (die andere Tochter) anbelangt - mit der wird sich Lilly im Nachgang einer Schlägerei im Wirtshaus in Achenweiler in ca. 10 bis 12 Episoden heftig streiten und wird zu ihr sagen: "Steffi, i hab Di ganz doll lieb aber wos hob' i da nit mit'kriegt? Wann bist denn Du zu so a verstockte, intolerante, konservative Zicken g'worden? Toleranz, ja bitte aber dann woanders und mocht's mir ja nit den schee Teppichboden schmutzig? Und a alte Frau soll bitt'schön brav zuhaus auf'm Sessel sitzen und a schee Eindruck machen, damit's auf Foto nett ausschaut? Und a Sexleben derf's a nit ham, weils den Ausblick stört, wenn ma Zellulitis-Arscherl z'sehen is?.....- - - ....und Sex hab' i auch. Hast sonst noch Fragen?"

Denke immer an die allerersten 3 Absätze in Episode 1. Das ist noch ein langer Weg für alle Beteiligten.

Gruß,
Tessy

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