#1 Von den Gläubigen von Emiti 01.12.2015 14:09

Unbekannte waren bei uns in der vertrauten Vorstadtsiedlung kaum anzutreffen, Fremde noch weniger. Doch dann saß da am frühen Nachmittag, als die Schule aus, einer in der Küche. Ein Oberfremder. Schwarz gekleidet, den Hut in den Händen drehend. Ein Gesicht, das man nicht wie bei anderen nur flüchtig wahrzunehmen brauchte. Auch das meiner Mutter ließ einen den Kopf schütteln. Was war denn passiert? Warum rang sie so hilflos die Hände im Schoß ihrer Kittelschürze?
Ja, also, der Mann, oder besser der Herr, kam von der Kirche, der evangelischen, mit einer Geldforderung. Die reichte zurück bis ins letzte Kriegsjahr - das ihrer Flucht. Ob die Taufe des Kindes zu der Zeit noch von der sonst regelmäßig entrichteten Kirchensteuer gedeckt war - eher fraglich. Ja, und doch wohl eher nebensächlich, oder. Bei einem Ehemann, der das, wäre er nicht im Felde gewesen, zu verhindern gewusst hätte. Und seitdem waren die Jahre eben einfach vergangen, das Kind kein Kind mehr. Sie hatte ja weiter nichts verlangt oder erhalten. Wie war es da möglich, dass man ihr eine solche Summe nannte. Das Geld würde sie ja nie und nimmer aufbringen können.
"Das, liebe Frau, ist ihre Sache", hat der Mann vielleicht eingeworfen. Was wann zu sagen war, wird ihm kein Kopfzerbrechen bereitet haben, und was die Leute von sich gaben erst recht nicht. War es doch stets dasselbe Gejammere, allenfalls je nach Stand. Ohne diese Halbwüchsige da, die plötzlich anfing Fragen zu stellen, in einem Ton, der, zugegeben, nicht unverschämter als die Forderung, wäre das auch nicht auf die Empfehlung, dann eben auszutreten, hinausgelaufen. Ohne mit der Wimper zu zucken griff die das auf. Ein paar Tage später war es beurkundet beim Gericht.
Am Religionsunterricht hatte so eine wahrscheinlich auch schon nicht teilgenommen, stattdessen im Flur an die Wand gelehnt stehend. Und es nicht als Problem betrachtet. Oder vielleicht doch, wären da nicht die bitterkalten Wintermorgen gewesen, an denen sich lieber ganz unauffällig in die letzte Reihe gesetzt werden sollte. An solchen drang Wundersames bis dorthin, blieb auch nach dem Austritt.
An den selbst nie mehr gedacht, aber auch nicht weiter gedacht.
Was, wenn die beiden Personen an dem Tag überhaupt nichts entschieden hätten, es bei der fieberhaften Überlegung wie vom knappesten Haushaltsgeld doch noch etwas abzuknapsen sei, belassend. Die hätte mehr als alle Worte wieder in Verbindung gebracht mit der ganzen Einrichtung, verschütteten Erinnerungen. Zur guten Portion Aberglauben wäre wieder die Vorstellung vom achtbaren Glauben hinzugekommen. Wie zufrieden würden Obrigkeit und Vertreter mit ihr sein, sie mit sich. Und so ganz ohne eine gewisse Übereinstimmung, etwas Insgeheimes, war ihr das alles ja auch nie vorgekommen. Wer das zunichte machte bei Menschen, die sich hätten einigen können, der würde es schon noch bereuen. Nicht verwunderlich, dass das Verhängnis an einem späteren Bußtag seinen Lauf nahm. Der, der würde wohl nichts erspart bleiben.

#2 RE: Von den Gläubigen von Kared 01.12.2015 15:40

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Stark gewählte Sprache, nicht unanstrengend, aber sehr lohnenswert echt. Geht so weiter und wie?

Bester lieber Gruß,

Karin

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