#1 Los, Lilly, flieg! - 33 - Sternenstaub über Heelsenhavn von Tessy 01.04.2016 18:11

Hallo liebe Schreibelesefreundx

Natürlich gibt es einen Nachhall auf den Auftritt unserer Swetlana.

Viel Spaß beim Lesen
Tessy

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Los, Lilly, flieg! - 33 - Sternenstaub über Heelsenhavn

© Tessy

Auf dem Marktplatz war inzwischen wieder Ruhe eingekehrt und der kleine Funkenregen des erwachten Sternchens namens Swetlana hat sich langsam gelegt. Irgendwie erinnert sie mich gerade ein wenig an die kleine Fee 'Glöckchen' aus dem Zeichentrickfilm mit Peter Pan mit der Haarfarbe, die großen Augen und der mädchenhaften Figur.

Swetlana hat sich im Geschäft von Yasemin Güselcem inzwischen ein Tuch ausgesucht und weiss natürlich auch, wie man es fachfraulich umlegt. Da wird es hinter dem Kopf befestigt, eine Seite über den Kopf gelegt, erst ein Ende nach vorne gelegt und dann das andere vorne um den Hals geschwungen und dann das Ende auf den Rücken fallen lassen oder auf der anderen Seite des Kopfes nach vorne. Dabei guckt man, dass das Tuch hinten auch weit über die Schultern fällt und seitlich und am Hals locker anliegt und dann schiebt sie es ein wenig nach hinten, dass vorne noch eine Handbreite Haare zu sehen sind. Sie sieht aus wie die geschnitzte Holzfigur der schmächtigen, traurig zum Kreuz aufblickenden Maria Magdalena in unserer Kirche in Achenweiler. Aber die hatte nur ein graues Kopftuch.

Yasemin Güselcem kennt auch noch zwei andere Arten, das Hijab zu legen und zeigt es Swetlana. Yasemin trägt ihrer Kunden zuliebe auch ein Hijab, weil diese teilweise sehr traditionell und gläubig sind und sonst nicht mehr bei ihr kaufen würden. Die alteingesessenen Leute in Heelsenhavn sind da toleranter, meint Yasemin, schließlich kennt man sie ja auch von Kindesbeinen an und niemand scherte sich je drum, ob sie im Laden ein Kopftuch trägt oder nicht. Dann verrät sie uns unter dem Mantel der Verschwiegenheit, dass sie und ihr Mann Erkan das auch nicht so genau nehmen. Yasemin trinkt am Wochende auch einmal ein Glas Wein und Erkan abends gerne einmal ein Bier. Und ein Nackensteak und eine Bratwurst schmecken beim Grillen auch gut. Aber pssst.. nicht weitersagen!

Nun gehen wir noch schnell ins Geschäft vom Metzger Stahmer. Brav stellt sich Swetlana hinten an der Schlange an. Aber alle Damen machen Platz und wollen, dass sie vorgeht und drücken ihre Bewunderung über ihren Einsatz aus. Swetlana wiegelt ab, sie hat ja nur die Kinder beschützt. Wer Swetlana kennt, der weiss, dass sie gar nicht im Mittelpunkt stehen mag. Das ist aus ihrer Sicht Eitelkeit und Selbstsucht und ihre Augen wandern auch wieder unsicher von links nach rechts und am Liebsten würde sie weglaufen.

Aber nun fragt Frau Stahmer Swetlana aus: "Das haben sie aber toll gemacht. Wo haben sie denn das gelernt? Ach, bei Ihnen zuhause? Ach in Russland! Das haben sie aber fix drauf. Das muss man Ihnen lassen. Machen Sie das beruflich? Ach, nur privat. Früher auch im Verein. Guck' mal einer an!"

"Sind sie denn auch Mohammedanerin, ich meine wegen dem Kopftuch? Ach, das ist nur so, weil es so praktisch ist. Ja, das ist ja auch sehr hübsch und steht Ihnen auch so gut. Können sie das denn auch bei Ihrer Arbeit tragen?"

Geschickt hat Frau Stahmer das Thema auf Swetlanas 'wunden Punkt' gebracht. Glücklicherweise hat Swetlana von mir einige Kommunikationsweisheiten übernommen und so kann sie ihren Job als ambulante Domina ganz gut umschreiben.

"Ach, sie sind Therapeutin. Ach, dann gehen sie zu Leuten hin und machen dann Therapie. So wie Krankengymnastik? Ach, eher wie eine Erzieherin. So wie die Frau im Fernsehen, die immer kommt, wenn die Leute Probleme mit ihren Kindern haben? Ach, eher für Erwachsene. Tja, da haben ja auch einige Mannslüüd nötig, dass sie ihm mal den Hosenboden stramm zieht, nicht, Lisa?"

"All in een Sack stecken, tobinden und immer mit'm Knüppel dropphaun", brummelt Lisa, eine ältere Frau, die schon schwer hören kann und im Laden auf einem Stuhl an der Seite sitzt, "dat trifft jümmers n' Richtigen".

Frau Stahmer macht weiter: "Hier, da können sie bei meinem Krischan gleich anfangen. Was heisst hier 'Oh nee' - ach, Krischan, guck mal an - die ist Dir zu gefährlich? Hast wohl Angst vor, was? Frau Swetlana, der Krischan muss auch mal erzogen werden und mal wieder lernen, wie man sich zu seiner Frau richtig nett benimmt. Mal 'n büschen Aufmerksamkeit und so."

Swetlana analysiert blitzschnell und manipuliert: "Ach Frau Stahmer, auch wenn wir uns manchmal über unsere Männer ärgern. Lieb haben wir sie doch trotzdem. Und vielleicht können wir Frauen ja auch ein wenig nachhelfen. Ich bin sicher, dass ihr Mann gleich mit dem Kopf schüttelt, wenn ich ihn frage, ob er weiss, was sie denn eigentlich von ihm erwarten, richtig?"

Krischan schüttelt den Kopf.

"Sehen Sie. Vielleicht müssen wir unseren Männern das einmal sagen, und zeigen was wir wollen. Wir wollen emanzipiert sein und unseren 'Mann' an seiner Seite stehen. Und das sind wir dann auch für ihn. Ein Kamerad. Aber ein Kamerad bekommt keinen Kuss. Weil er ein Kamerad ist und kein Liebespartner. Und wie soll ihr Krischan diesen Spagat hinkriegen, wenn sie ihm dabei nicht helfen? Es ist immer das Weibchen, das anzeigt, dass das Männchen es besuchen soll. Und die schmücken sich doch dann auch mal hier und mal da...und darunter", dabei deutet Swetlana Begriffe an wie Lippenstift, Haare, Lidstrich, Parfüm, Unterwäsche und Schühchen an. Die Damen verstehen.

Nun schwenkt sie geschickt auf Krischan, damit er für Frau Stahmer vom 'bösen Buben' positiv zum heldenhaften Symphatieträger wird.

"Und noch was. Wussten Sie eigentlich, dass Ihr Krischan ein ganz großer Held ist? Erstmal hat er das tollste Mädchen der Welt erobert. Wen? Na, Sie natürlich, Frau Stahmer. Was heisst hier 'ich bin nix Dolles'? Glauben Sie ernsthaft, dass Ihr Krischan sich mit einer abgibt, die 'nix Dolles' ist? Na, also. Unterschätzen Sie Krischan mal nicht.

Und dann war er heute wieder ein Held. Haben Sie gesehen, was er vorhin gemacht hat? Nein, er hat nicht 'rumgestanden und zugeguckt. Haben sie gesehen, wo er stand? Er hat der kleinen Frau den Rücken frei gehalten und gesagt, 'hier kommt keiner durch'. Und er wäre mir ohne wenn und aber zur Seite gesprungen. Nein, Ihr Krischan ist kein Bangbüx. Er hätte sogar in Kauf genommen verletzt zu werden, um Sie und alle im Ort zu beschützen. Und dafür hat Ihr Krischan meine Hochachtung."

Das ist sicherlich ziemlich dick aufgetragen, aber es trifft die Stimmungslage der Leute und nach der Ansprache gibt es im Laden erstmal Beifall für Krischan.

"Ach, das haben Sie so schön erklärt. Nich wahr, Lisa? Nee, nich all in een Sack. De halen wi dor nu all wedder rut un dann knuddeln wi jüm all. Ach Krischan, komm mal her, Du kiegst jetzt erstmal n' Lütten. Aber hier nich' gleich übermütig werden. Sie sind ja wirklich ne ganz nette. Das hätt' ich gar nicht so gedacht, Frau... wie war das noch? Ach einfach nur Swetlana. Ja, das is auch einfacher. Ich bin die Anette und Krischan kennst Du ja schon."

Ach, Frau Johannsen ist Deine beste Freundin. Du bist oft bei den Johannsens, oder? Ach, im Gästehaus im Garten. Aber sag' mal, was macht die Polizei da eigentlich immer? Ermitteln die da? Die eine Frau von der Polizei war doch auch vorhin da, oder? Oh, das ist Frau Leutnant Kohsiek. Ach, die ist gar nicht von der Polizei? Aha, weil Herr Johannsen ja bei der Marine war und Du Ausländerin bist. Ja, dann ist das ja alles klar."

Logisch ist es zwar nicht, aber es reicht zumindest als Erklärung, um das Thema abzuschliessen.

Zum Schluß unseres Einkaufsbummels setzen wir uns noch mit Yvonne draußen vor das Restaurant von Herrn Silvetta und trinken einen Cappuccino.

Nach einer Weile 'schleichen' sich einige junge Mädchen heran - geschätzte 13 bis 18 Jahre alt. So wie junge Mädchen eben aussehen - mit Wollmützen, Halstüchern, Leggings, Jeans, Taschen und Schuhen, wo man immer den Eindruck hat, die Füße seinen im Verhältnis zu groß und sie laufen mit eingeknickten Knien und dünnen Beinchen durch die Gegend oder sie schieben ein wenig zu viel Babyspeck mit sich herum.

Zuerst setzen sie sich etwas abseits, gucken herüber, kichern und flüstern. Irgendwann wurde es Swetlana zu bunt: "Was ist los, Mädchen, fehlt Euch der Mut? Ihr wollt mich doch was fragen, oder?" Die Mädchen nicken und kommen näher und fragen, ob sie sich setzen dürfen.

Dann drucksen herum. "Ok," sagt Swetlana, "Ihr wollt auch Tiger-Ladies werden, richtig?" Die Mädchen nicken erleichtert. "Ja, wir wollten Sie fragen woher Sie das so toll können und ob Sie uns das auch zeigen können und ob wir dann auch eine Tiger-Lady Schwestern werden können und was das kostet und was man da machen muss und wann und wie und wo", plappern die Mädchen aufgeregt.

"Ich würde Euch das ja gerne beibringen, aber ich darf nicht. Ich bin leider keine zugelassene Trainerin", bedauert Swetlana. Die Mädchen sind enttäuscht. "Und obendrein brauchen wir auch einen großen Raum und Matten und die haben wir auch nicht", führt Swetlana weiter aus. Die Mädchen bieten an, einen Raum zu suchen und vielleicht auch Matten und hören nicht auf zu betteln.

Swetlana guckt Yvonne an: "Du hast nicht zufällig einen Trainerschein?" Yvonne lächelt verschmitzt und nickt: "Doch, noch von damals vom Verein für die B Jugendgruppe." Die Mädchen hüpfen vor lauter freudiger Aufregung auf der Stelle, wie es junge Mädchen eben so machen und fragen, ob sie dann auch Freundinnen mitbringen dürfen, und was man dann dazu anziehen muss. Swetlana beruhigt sie und schlägt vor, dass man am Anfang einfach elastische Leggings, ein weites T-Shirt aber auf jeden Fall einen Sport-BH trägt. Aber erstmal müssen wir die Frage nach dem Raum und den Matten klären. Dann werden noch schnell die Handynummern und e-Meil Adressen ausgetauscht, damit man alles verabreden kann und es wird auch langsam Zeit, nach Hause zurückzukehren.

Heute ist unsere seltsame 'Rotlicht-Russin' zu der 'kleinen Heldin' von Heelsenhavn aufgestiegen und das Ereignis auf dem Marktplatz war ein willkommener Anlaß, ihr ein neue Image zu geben. Sogar die Heelsenhavner Nachrichten hatten die 'Kleine Frau' in der 'Schlacht vom Marktplatz' mit einem Artikel mit Photo gewürdigt. Und so wurde aus der seltsamen 'Rotlicht-Russin' eben 'unsere Swetlana', die nun eben auch von den 'Netten eine is'.

Ach ja, Frau Stahmer war am nächsten Morgen irgendwie noch nicht so ganz bei sich und hat mir Bierschinken statt Salami eingepackt und das Corned Beef hatte seltsamerweise den gleichen Preis wie die Leberwurst. Ich denke, es ging ihr sehr gut - sie sah zwar müde aus aber lächelte glücklich.

Krischan ist ja auch 'n ganz lieber einer'.

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