#1 Muh! von Chebrö 22.04.2016 20:38

Jaa: Mein Name ist Horst, punkt.

´Bin neunundzwanzig Jahre alt und arbeite seit kürzlich in einem Callcenter.

Was ja im Prinzip garnix Besonderes ist, nur: ja gut, ich telefonierte für T-Online und genau da wurde ich angelernt durch eine zunächst mir völlig harmlos wirkende Frau so Ende vierzig, moppelig, aber das ging noch, bloß:

Sie telefonierte wie eine Göttin, wie eine Mama auf Hubschrauberrezept, eben also und so.

Aber: In einer unserer seltenen Raucherpausen zog sie mich bei Seite und meinte "Horst".

Ich bin dünn und schüchtern und fragte bloß "ja"?

Ja nun und sie "Horst-Du scheinst ein feiner Kerl zu sein".

Ich: Ja und - ähm?

(Das hatte noch niemand zu mir gemeint - ein "feiner Kerl"!)

Sie: Du aahnst, dass hinter mir mehr steckt, als das, was Du siehst, näh!

Ich? Ähm?

Und sie: HORST - ich war gaanz nahe dran an den Großen.

Ich: Heo?

Sie: Verticken und so, zwanzig Kilogramm, wure erwischt, hä ha.

Und sie da noch: Das war ein Fehler gewesen, pass bitte aber gut auf Dich auf, denn die Gesellschaft, unsere die ist krank.

Du kleines Sensibelchen, du.

Sie hieß ohne Sch Gisela.

´Kam immer mit dem Rad, aß nur sehr spezielles Besonderes ja und zog mich einmal in einer der wenigen erlaubten Raucherpausen zur Seite, sagte, Horst:

Sie haben mich wieder dran - muss einchecken, Eickelborn, etwas länger wohl, aber.

Ja und da wurde ihre Stimme etwas leiser, zärtlicher, ihre Figur erschien mir plötzlich so jung und zerbrechlich, aber es war ganz leise, als sie zu flüstern begann:

"Horst: - Sei bitte kein Vollhorst".

Ja und kalte Schauer liefen mir hinab so ganz ohne gekränkt zu sein.

Gisela:

- Die ersten Astronauten im Weltall waren alle entartet: abgedreht. Und warum: Weil Sie die zarte Seifenblase names Atmosphäre aus der Mondperspektive einfach nicht verkraftet hatten. Und heute, mein kleiner Horst, düsen eine Milliarde Autos unter dieser schillerndenden Oberfläche herum ja und ich sage dir:

DER MENSCH BESITZT KEIN RECHT AUF PRIVATE AUTOFAHRTEN!

- Plastik: DER MENSCH BESITZT KEIN RECHT AUF DEN KONSUM VON PLASTIK - die Tiere ersticken daran!


"Ja aber, Gisela" . hmm.

Aber sie scheint bereits tief in einer seltenen Melancholie verunken, meint aber

"Duschen, das geht in einer Minute. Meine Refugies haben in Afrika nix zu trinken, Kriege brechen aus" - und eine Träne kullert über die Wangen, ja und ich - was denn noch hä?

Ja und sie: Ach, gar nichts, Horst. Es ist alles gut, ´bin bloß bisschen traurig.

Gefolterte Tiere, aufgefressen dann, Meere leergefischt, ach: ist doch auch egal, oder?

Giselas Wangen sind dabei etwas blass, zärtlich möchte ich ihr eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht streicheln - aber sie lässt es nicht zu - wehrt ab:

Horst: Der Mensch ist die DORNkrone der Schöpfung.

Aber Du bist ein feiner Kerl.

Finde ich zwar nicht, aber irgendwann geht Gisela dann.

Und ich denke an private Autofahrten, an Plastikflaschen, an Konsum, an den ganz normalen Wahnsinn eben.

#2 RE: Muh! von Emiti 21.02.2017 10:22

Hallo Chebrö,
Das ist einfach ein richtig guter Text - in jeder Hinsicht.
Eine ganze Ladung Sensibilität, die unweigerlich sensibilisiert ohne dabei runterzuziehen.
Die Art des Dialoges, so fein und leise, macht das wohl.
Doch nicht nur das. Anrede und Titel setzen Akzente.

Gruß
Emiti

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz