#1 Eine Note findet ihr Glück von tastifix 27.06.2016 19:26

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Eine Note findet ihr Glück

Meine Geschichte nahm ihren Anfang auf dem Lande. Es war ein Abend in der Adventszeit. Die Unruhe des Tages war verflogen und Stille überall eingekehrt. Unter dem verhangenen Himmel lag die vom Schnee verhüllte Landschaft friedlich da. Unaufhörlich segelten im Laternenlicht wie winzige Diamanten funkelnde Flocken zu Boden. Ein später Spaziergänger stapfte am Feld entlang, genoss den Anblick der unberührten, zauberhaften Schneelandschaft und lächelte froh. Bald erreichte er die weitab liegende kleine Stadt, betrachtete die in den vorweihnachtlich geschmückten Straßen hängenden, blinkenden Lichterketten und die in den mit Tannenzweigen und buntem Adventsschmuck dekorierten Fenstern leuchtenden Kerzen. Sentimental wurde es ihm zumute. Sinnend ließ er den Blick an der Häuserfront entlang streifen und entdeckt dabei auch im Fenster einer kleinen Dachwohnung solch ein Wärme und Gemütlichkeit spendendes Licht. Dort wohnte Herr Sänger, ein junger Musiker und nutzte die Abendstunden für seine Arbeit. Überall in der Wohnung standen liebevoll geschmückte Kerzen. Sogar auf dem großen Schreibtisch flackerte eine vor sich hin. Herr Sänger starrte auf ein leeres, von der Kerze in warme Helligkeit getauchtes Notenblatt. Dessen Linien sahen den Künstler herausfordernd an. Er sehnte sich danach, eine verträumte Melodie zu komponieren, die es wert ist, den Menschen zur Freude bewahrt zu werden. Warum nur fiel ihm denn so überhaupt nichts ein? Enttäuscht schaute er ins tröstende Kerzenlicht. In Überlegungen versunken, malte er mit dem sorgfältig gespitzten Bleistift eine grazile Note, ein ´E`, auf die Linie, betrachtete es kurz und hoffte, dass noch weitere Noten folgen würden. Aber es wollte ihm einfach nicht gelingen. Schließlich gab er auf, legte den Stift beiseite und entschloss sich, eine Nacht darüber verstreichen zu lassen. Vielleicht würde ihm ja der morgige Tag die zündende Idee bringen. Unzufrieden ging er zu Bett und sank in einen unruhigen Traum.
Verloren und recht unglücklich stand die kleine Note dort auf dem ach so großen Blatt. Sie wusste, dass sie, das kleine ´E`, dem jungen Künstler allein kaum helfen konnte - höchstens einmal beim Stimmen des Instrumentes. Aber selbst dafür nutzen die Menschen meist mehrere Töne. Am liebsten hätte sie vor Traurigkeit den schlanken Hals gebeugt. Stattdessen stand sie weiterhin wie eine Eins auf der ihr zugewiesenen Linie. Trotz der ihr aufgezwungenen Unbeweglichkeit blieb sie aber nicht untätig.
´Wofür hat der Meister mir einen Kopf geschenkt? Doch wohl, damit ich ihn einsetze.`
In dem hübschen Notenkopf wirbelten die Gedanken nur so herum.
´Es gibt bestimmt einen Weg, meinem Meister zu der gewünschten Melodie und gleichzeitig mir aus der Einsamkeit zu verhelfen!`
Noten tragen dazu bei, dass die Menschen sich an immer wieder neuen Melodien erfreuen können.
„Leider“, seufzte sie, „gibt es aber auch viele Missklänge auf der Welt; nicht nur in der Musik, sondern überall!“
Aber weil sie wegen all des Leids wie der Krankheiten, der Hungersnöte und der Kriege nicht noch trauriger werden wollte, besann sie sich auf weitaus Erfreulicheres, denn sie war ja zur Anfangsnote einer heiteren Melodie bestimmt worden. Bald schon kam ihr die richtige Idee:
Weil Noten dazu beitragen, Menschen glücklich zu machen, sind sie etwas Liebenswertes. Etwas Liebenswertes ist etwas Gutes und hat darum einen guten Draht zum Himmel, der Heimat alles Reinen und Schönen. Und dort musizieren die Engel zu Ehren des Heilands.
„Singen sie nicht den ganzen Tag ´Halleluja`? Und die Melodien setzen sich aus Noten zusammen. Jetzt weiß ich, was ich machen werde!“
Die kleine Note entschied, also habe sie das Recht, droben um Hilfe zu bitten. Den Menschen stehen in schlimmen Situationen Schutzengel zur Seite. Warum also nicht genauso ihr, die mit ihrem Ton die Menschen erfreuen wollte? Kurz entschlossen schickte das ´E` ein flehentliches Stoßgebet nach oben. Obwohl die Engel in der Vorweihnachtszeit mit Arbeit reichlich überlastet sind, rauschte die Bitte an seinem persönlichen Schutzengel nicht unbeachtet vorbei. Er unterbrach sofort das Backen und reiste in die gemütliche Dachwohnung, in der er seiner Schutzbefohlenen in einem wunderschönen Licht erschien.
„Ängstige dich nicht!“, sprach der Engel. „Ich werde dir helfen, damit dein Wunsch in Erfüllung gehen kann!“
Das ´E` hatte sich sehr erschrocken, aber bei diesen Worten fasste es wieder Mut:
„Was kann denn ich schon ausrichten? Ich bin ja ans Notenblatt gefesselt.“
„Für diese einzige Nacht wird es dir gewährt, selbstständig durch die Welt zu reisen, um nach einer zu dir passenden Melodie zu suchen!!“
Schon verschwand das Himmelswesen wieder und mit ihm das wundersame Licht. Wie betäubt saß die kleine Note auf ihrer Linie und begriff nur so ganz allmählich, was ihr soeben widerfahren war.
„Engel lügen nicht. Also stimmt es. Hach, wie ist das schön!“
Eine einzige Nacht in Freiheit ... hat er gesagt! Dann war wirklich keine Zeit zu verlieren. Zwar hatte sie keine Ahnung, wie sie vom Notenblatt herunter kommen sollte, aber des würde sich sicherlich gleich zeigen. Schon spürte sie ein eigenartiges Kribbeln zuerst im Kopf, danach im Hals und schließlich im ganzen Körper.
„Huch, was ist denn mit mir los?“
Ihr Kopf drehte sich heftig hin und her, so dass es ihr beinahe schwindelig wurde. Das Rucken verstärkte sich. Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, jubelte sie:
„Jchuuh, toll!“
Nicht nur den Kopf konnte sie bewegen, nein, auch ihr Hals neigte sich bei der geringsten Regung leicht zur Seite. Und dann kollerte sie tatsächlich von der Linie. Den dicken Kopf nutzte sie dabei als ein Rad. Klar, dass sie sich so ohne Halt zunächst noch etwas unsicher fühlte. Aber als eine recht intelligente Note - es hatte sie ja ein sehr kluger Meister erschaffen - entdeckte sie überall im Raum Ersatznotenlinien. Sie kullerte an der Kante des Schreibtisches entlang, dann seitlich hinunter und nahm den Längsrand des Teppichs als Hilfslinie, die sie bis zur Zimmertür leitete. Imzwischen bereits mutiger geworden, rollte sie schon etwas schneller durch die Tür bis zum Treppengeländer, hockte sich auf die Brüstung und rutschte dann in rasantem Tempo hinunter ins Erdgeschoss. Alle Unsicherheit war vergessen und sie genoss das neue Dasein in vollen Zügen.
„Schade, dass mich meine Freundinnen aus den Notenheften jetzt nicht sehen. Die würden blass vor Neid!“
Sie rollte durch die Haustür. Draußen schöpfte sie kurz Atem. Noch wie benommen vor Freude über die ungewohnte Freiheit achtete sie kein bisschen darauf, ob sich vielleicht ein spätes Auto in die Straße verirrt. Unbekümmert hüpfte sie den Bordstein rauf und runter. Zum Glück schien kein Fahrzeug unterwegs zu sein. Verkehrsregeln zu beachten zählt nämlich nicht zu den Stärken kleiner Noten, schon gar nicht zu denen dieses übermütigen Geschöpfes, das zum ersten Male etwas Anderes sah als das eigene Notenblatt. Beim Anblick der bunten Fenster hätte das ´ E ` am liebsten laut getönt. Aber das war ihm ja noch verwehrt. In der augenblicklichen Euphorie glaubte die kleine Note, nun die ganze Welt erobern zu können. Nur schade, dass sie keine Gesellschaft hatte.
„Na ja, vielleicht finde ich während der Reise noch eine Kameradin!"
Staunend wanderte sie durch die Heimatstadt.
„Was mir als braver Blattnote alles entgangen ist ... Am liebsten würde ich für immer so durch die Welt gondeln!“
Jedoch erinnerte sie sich daran, was der Engel gesagt hatte:
´Nur für die Dauer einer einzigen Nacht!`
Morgen würde sie wieder genauso brav und unbeweglich auf dem Notenblatt stehen wie bislang und geduldig darauf warten, dass sie irgendwann einmal in einer Melodie gespielt werden wird! Herr Sänger schwärmte ja für schwungvolle Musik.
„Ne Wagnernote werd ich bestimmt nicht!“
Darüber war sie allerdings ausgesprochen froh, denn die sind oft, was sie sogar ein wenig verstand, schrecklich eingebildete Artgenossen. Immerhin waren sie von einem begnadeten Komponisten geschaffen und in gewaltige Weisen eingebunden worden, die bereits seit Jahrhunderten weltberühmt sind. Solche Geschöpfe würden sich sicherlich nicht mit einfachen Straßennoten wie ihr abgeben. Das wäre unter deren Würde. Längst hatte die kleine Note die vertraute Heimatstadt hinter sich gelassen. Erstmals darf sie schneebedeckte Felder bewundern. Wie schön das aussah! Nach eienr Weile entdeckte sie von weitem den hohen Kirchturm einer wohl recht großen Stadt. Als sie nach einer Weile dort eintrifft, schaute sie verwirrt auf das riesige Häusermeer. So viele Gebäude auf einmal hatte sie noch nie gesehen. Sie erspähte einen zweiten Kirchturm, dann noch einen.
„Wo bin ich hier bloß?“
Während sie weiter durch die Straßen rollte, vernahm sie auf einmal ein leises Plätschern, das bald zu einem kräftigen Rauschen anwuchs. Wo es plätschert, ist Wasser. Neugierig wandte sie sich in dessen Richtung, bog um eine Kurve und blieb wie angewurzelt stehen.Vor ihr lag ein breiter Fluss, so ähnlich langgezogen wie der Schal, den ihr Musiker sich an kalten Tagen um den Hals band. Gegen den war dieser Fluss aber eher ein Dinosaurierschal, denn sein Ende konnte sie überhaupt nicht ausmachen. Auf einem weißen Hinweisschild las sie nach:
„Aah, der Rhein! - Und in der Stadt leben sicher viele Menschen, die gerne Musik hören! Ich guck mich hier mal genauer um!“
Auf einem anderen Schild stand in schwarz glänzender Schrift der Name der Stadt: ´Düsseldorf``
„Den hab ich schon mal gehört, als sich Herr Sänger daheim mit einem Bekannten unterhalten hat.“
Eigentlich war es ungehörig gewesen zu lauschen, aber irgendwie musste sich ja das sich langweilende Notenkind die schier endlosen Stunden vertreiben.
„Sie haben auch gesagt, dass es hier gute Theater und sogar eine Oper gibt!“
Dort spielten die Musiker jeden Abend wunderbare Melodien. Auch sehr viel Romantisches war dabei. Bald erreichte die Note die Düsseldorfer Altstadt mit den zahlreichen Restaurants und Bars. Von allen Seiten her schallt Musik, aber eher poppige.
„Rumms, knall, bums, peng!”
„Ach, herrjee!"
Rasch kehrte sie dem Krach den Rücken und eilte zur Oper, vor der sich bereits eine kleine Menschenmenge versammelt hatte, die ungeduldig auf Einlass wartete. In Schaukästen wurde das Programm bekannt gegeben:
„Heute wird Wagner gespielt! - Bloß nicht! Ich suche eine leichtfüßige Melodie!“
So pendelte sie weiter durch die von Laternen erleuchteten Straßenzüge. Völlig durcheinander wegen all der auf sie einstürmenden Eindrücke beachtete sie den Straßenverkehr noch immer nicht. Eigentlich durfte dies einer so unerfahrenen Note wie ihr keiner verübeln, denn normalerweise stand sie ja still und starr auf ihrem Blatt. Leichtsinnig wagte sich das ´E` ein wenig zu weit auf die Fahrbahn. Plötzlich quietschte es schrill hinter ihr. Erschrocken drehte sich die Note um. Dort machte ein Wagen eine Vollbremsung, um ihr im letzten Moment noch auszuweichen. Denn niemand wollte eine so niedliche Note wie sie überfahren. Schließlich möchte niemand eine so niedliche Note wie sie überfahren. Das Fahrzeug rammte bei dem Bremsmanöver einen auf der Gegenseite parkenden Wagen. Fluchend stieg der junge Fahrer aus. Er lehnte sich an sein gleichfalls beschädigtes Auto, wütend auf die Note, auch auf sich selber und erst recht wütend auf den Unbekannten, der sein Auto ausgerechnet dort drüben abgestellt hatte.
„Entschuldigung!“, stotterte die kleine Note eingeschüchtert und schlug verschämt vor:
„Darf ich Ihnen zum Trost etwas vortönen?“
Eigenartig! Der Mann schien diese Bemerkung wohl ausgesprochen unverschämt zu finden. Sein Gesicht lief vor Wut rot an.
´Hab ich den vielleicht beleidigt oder fühlt er sich sogar veräppelt?`
„Deinetwegen komme ich jetzt viel zu spät zur Party!“
Die Note wusste darauf nichts zu ihrer Entlastung zu sagen, murmelte nur etwas Undefinierbares und verdrückte sich rasch. Bloß fix weg hier! Sie hatte ja noch einmal Glück gehabt.
„Na, so eine Überraschung! Ich wandere schon so lange hier rum und langweile mich! Und ausgerechnet unter diesen Umständen treffe ich jetzt dich. Bist du das erste Mal ohne dein Notenblatt unterwegs?“
Perplex drehte sich das ´E` um und sah sich einer anderen Note gegenüber.
„Du hast anscheinend keinen blassen Schimmer davon, wie gefährlich es in der Welt hier draußen für uns sein kann!? - Sei bloß froh, dass du dir gerade nicht den Hals gebrochen hast!“
„Nach dem, was du sagst, reist du im Gegensatz zu mir bestimmt nicht den ersten Tag allein durch die Welt!“
„Erraten!“, bestätigte ihr die Andere. „Mein Schöpfer fand mich für seine Komposition unpassend und hat mich einfach aus dem Heft entfernt. Nun suche ich nicht nur eine Kameradin, sondern auch ein passendes Notenblatt.“
„Lass uns gemeinsam weiterziehen. Wir können aufeinander achten und sind beide nicht mehr einsam! Ich bin übrigens ein ´E`.“
„Und ich heiße ´A`!“
Die beiden Noten wanderten an vielen Bars vorbei. Das ´E` hatte noch nie eine von innen gesehen. So überredete es seine neue Freundin, kurz hineinzurollen. Das aber hätten sie sich besser ersparen sollen. Leider konnte sich das ´E` nicht die Ohren zuhalten:
´Peng, rumms. Peng, peng, rumms!`
„Dies Gejaule soll doch nicht etwa Musik sein, oder?“
Fassungslos schaute sie den verrückten Verrenkungen der Leute auf der dafür viel zu kleinen Tanzfläche zu.
´Warum bloß können die Menschen sich denn nicht genauso vornehm benehmen wie wir Noten auf unseren Blättern?`
Zu ihrer neuen Freundin gewandt, vermutete sie dann:
„Die landen garantiert nach Ende der Party alle im Krankenhaus oder sogar in der Klapsmühle!?“
Das ´A` bog sich halb den Hals weg vor lauter Lachen:
„Du, sollen wir auch mal?“
„Nee, ich vergesse nicht meine gute Kinderstube und benehme mich dermaßen unwürdig!“, hielt die Note der Freundin entrüstet vor. „Außerdem lass ich mir in dieser Enge nicht von den Menschen auf dem Kopf herumtreten. Der tut mir bei dem Krach sowieso schon weh genug!“ ´Bloß das nicht: Ich mit einem in einer Menschendiskothek gebrochenen Hals ...`
Obendrein war sich das ´E` sehr unsicher, ob die in den Menschenkrankenhäusern überhaupt Ahnung von der Behandlung beschädigter Notenhälse hatten.
´Wenn sie mir den falsch herum eingipsen würden, müsste ich meine Karriere vergessen!`
Nach ein paar Minuten in dem Hexenkessel reichte es den Beiden endgültig und sie flüchten nach draußen. Und was nun? Bei einem forschenden Blick über die Straße fiel ihnen ein bestimmtes Geschäft auf:
„Sieh doch! Ein großes Musikgeschäft. Dort finden wir sicherlich dutzendweise Hefte mit so gut erzogenen Noten, wie wir es sind!“, mutmaßte das É`.
Wo gibt es in Düsseldorf solche Geschäfte? Klar, an der berühmten Königsallee! Die beiden Noten waren froh, gar kein Geld zu haben und somit heile, beziehungsweise in ihrem Falle ungekürzt, von dort wieder wegzukommen. Doch dieses Musikgeschäft machte sie neugierig. In solch einer Traumnacht ist manches möglich, was anderntags unmöglich wäre. So spazierten die kleinen Abenteurer durch die verschlossene Ladentür hinein und fanden sich in einer völlig anderen Welt wieder. An den Wänden standen kunstvoll gearbeitete, blitzende Instrumente wie Geigen, Posaunen, Bässe und Gitarren. In dem hinteren Raum aber begannen die Notenherzen heftig zu klopfen! An der einen Längswand befanden sich Zimmerdecken hohe Regale, auf denen Hunderte wertvoller Notenhefte lagerten und auf der gegenüberliegenden Seite stand sogar ein weißer Flügel. Verzückt bewunderten ihn die Beiden. Was gab es auch für sie Schöneres als sich vorzustellen, auf einem dermaßen wertvollen Notenblatt zu stehen und dann von begnadeter Pianistenhand in einen jubilierenden Ton verwandelt zu werden? Beinahe hätten sie vergessen, dass sie hier waren, um die vornehmen Klassiknoten in den Heften um einen Tipp zu bitten, wo sie ´ihre` Melodie endlich finden konnten! Ein wenig eingeschüchtert kletterten sie an der Wand des ersten Regals empor bis hin zu den Heften mit dem edelsten Äußeren. In geschwungener Goldschrift trugen diese stolz den Namen des Komponisten zur Schau, dessen Werke sie mit den festen Deckeln vor Schaden bewahrten. Fast schien es so, als wüssten sie, wie sehr die Melodien von den Klassikliebhaber unter den Menschen geliebt werden. So linsten sie hochmütig auf die heranrollenden Noten herab, die sich getraut hatten, in ihre hoch edle Gesellschaft vorzudringen.
„Die machen noch nicht mal ihre Aufwartung auf einem halbwegs anständigen Notenblatt, sondern kreuzen hier tatsächlich einfach so auf! Was suchen denn ordinäre Straßennoten in unserem vornehmen Zuhause? Eine Unverschämtheit, uns gar anzusprechen!!“
Die meisten der Snobs flatterten noch nicht einmal, um wenigstens der geringsten Höflichkeit Genüge zu tun, mit dem Deckblatt für ein dann hochnäsiges ´Guten Tag!`. Sie lagen stur abweisend in ihrem Fach und behandelten die armen Besucherinnen wie Luft.
„Mit denen werden wir uns doch nicht unterhalten!“
Aber es gab auch andere. Auf dem dritten Regal von links trafen die Noten auf ein solches Heft, dass sich nach einem freundlichen Willkommensgruß bereitwillig aufblätterte und sie durften sich mit den vornehmen Artgenossen ein wenig austauschen. Es geriet zum großen Staunen auf beiden Seiten. Die Klassiknoten berichten über die großen Theater, die berühmten und weltberühmten Dirigenten und über die Beifallsstürme des Publikums, das sich dann nach der Vorstellung, noch immer von der Musik verzaubert, auf den Heimweg macht. Sie schilderten es dermaßen lebhaft, dass die kleinen Noten es sich alles wunderbar vorstellen konnten und es ihnen darum schwer fiel, nicht vor Aufregung hin- und her zukollern. Als die Klassiknoten geendet hatten, beugten das ´E` und das ´A` zum Dank gerührt den zierlichen Hals. Danach beschrieben sie die eigenen Abenteuer und erzählten von den vielen angenehmen, den unangenehmen Straßengeräuschen und auch von denen, die fast unerträglich waren. Sie schwärmten von den weihnachtlich fantasievoll mit Tannengrün geschmückten Straßen, dem warmen Schein hunderter Kerzen in den Wohnungen der Menschen und der herrlichen Schneedecke, die alles so märchenhaft schön erscheinen ließ. Doch genauso vergaßen sie nicht, die verrückte Diskothek zu erwähnen. Allein bei der Erinnerung an den scheußlichen Lärm von vor wenigen Minuten wurde es ihnen wieder mulmig. Eine besonders nette Klassiknote hielt mit ihrer Meinung dazu nicht hinter dem Berg:
„Und da habt ihr euch hineingewagt!? Ich wäre vor Schrecken auf den Hals gefallen. Wie furchtbar!“
Die beiden Noten sonnten sich in der Bewunderung und verloren alle Scheu. Mutig stellten sie die für sie wichtigste Frage aller Fragen auf dieser aufregenden Reise:
„Kannst du uns einen Rat geben? Wir pendeln schon die ganze Nacht herum und suchen nach einer passenden, beschwingten Melodie für uns. Denn die Künstler, die uns geschaffen haben, schwärmen für romantische Weisen.“
„Na klar helfe ich euch. Übrigens seid ihr fast am Ziel.“
Sie nannte ihnen den Weg zu einem gemütlichem Tanzlokal, das ziemlich nah in einer Seitenstraße der Königsallee lag. Aufgeregt hörten das ´E` und das ´A` zu. Sollte ihr sehnlichster Wunsch tatsächlich in Erfüllung gehen? Weil aber die Klassiknote dermaßen überzeugend berichtete, begannen die Beiden auf ihr baldiges Glück zu hoffen.
„Duhuuh“, meinte das ´E` zu seiner Freundin, „Ich fühle mich, als ob ich träumen würde!“
Mit vor Freude tiefschwarz glänzenden Köpfen verabschiedeten sich die Beiden von der netten Ratgeberin, wünschten ihr und all den Anderen ein Jahrhunderte langes, ruhmvolles Dasein und enteilten. Rasch überquerten sie die Königsallee. In der verständlichen Aufregung bogen sie mit viel zu hoher Geschwindigkeit in die dritte Seitenstraße links ein. Gut nur, dass das ´E` eine Kameradin zur Seite hatte, mit viel mehr Erfahrung in der Menschenwelt und somit auch mit den Gepflogenheiten im Straßenverkehr. Nach wenigen Minuten des Dahinrasens siegte bei dem ´A` die Vernunft. Erschrocken stoppte es das leichtsinnige Notenkind.
„Bist du verrückt geworden? Bei dem Tempo kriegst du gleich die Kurve nicht und saust vor den nächsten Baum!“
Mit der Halsspitze über das Pflaster kratzend, bremste die kleine Note beschämt ab. Bedächtiger rollte sie weiter und hielt dabei Ausschau nach dem besagten Lokal.
„Dort ist es!“
Sie deutete mit dem Hals auf ein hell erleuchtetes Haus. Schon von weitem klang ihnen Musik entgegen, kein Krach wie in der Bar zuvor, sondern sehr verträumte Melodien. Neugierig kullerten sie durch das breite Eingangstor, an der Garderobe vorbei bis zur Tür des Tanzsaales. Alles sah eher wie in einer richtigen Tanzschule aus. Begeistert betrachteten sie den riesigen, rundum mit gemütlichen Sitznischen ausgestatteten Raum. Gemütliche Sofas luden zum Ausruhen ein. Jeden Tisch zierte eine Kerze in einem hübschen Messingständer. Die beiden Noten fühlten sich sofort heimisch. Am besten gefiel ihnen das tolle Tanzparkett in der Mitte des Saales. Es war eine Freude, zuzusehen, wie sich die elegant gekleideten Menschen im Kreise drehten. Manche von ihnen führten stolz komplizierte Figuren vor und genossen die bewundernden Blicke der Umsitzenden. Zu denen zählten auch die Noten, denen vor Begeisterung beinahe die Augen aus dem Kopf fielen. Nach einer kurzen Pause setzte die Musik erneut ein. Den Beiden wurde es warm und froh ums Herz. Die Melodie durchdrang ihre Körper. Zuerst zitterten nur die Hälse zögernd hin und her, dann ruckten auch die Köpfe zur Seite.
„Lass uns doch auch mal ...?“, schlug das ´A` vor und zog die Freundin aufs Parkett.
Nur zu gerne folgte das ´E`. Verzaubert wirbelten die Paare mit strahlenden Gesichtern immer rascher herum. Die Noten schlangen die Hälse umeinander, spürten kaum mehr den Boden unter den Füßen, bildeten sich vor Wonne ein, dass sie schwebten und ließen sich von der zarten Melodie ins Traumland tragen.
„Ach, wenn dieser Tanz doch niemals enden würde!“ seufzte das ´E`.
Sie schlossen die Augen und waren eins mit der Musik. Als die nächste Pause angekündigt wurde, waren sie sich sicher, dass sie ihre Melodie gespürt hatten. Nur komponiert werden musste sie noch - genauso leicht und verträumt.
„Ob ich den Engel wohl ein zweites Mal um Hilfe bitten darf ?“, überlegte die kleine Note halblaut.
Nach kurzem Zögern kamen das ´E` und das ´A` überein, es zu wagen. Etwas Schlimmeres als eine Absage konnte ihnen nicht blühen. Also schickte das ´E` ein inniges Gebet zu dem Kameraden im Himmel und wartete gemeinsam mit seiner Freundin auf ein Zeichen von oben. Kerzengerade und still standen sie dort. Der Engel des ´E` vernahm die Bitte, unterbrach ein zweites Mal die Weihnachtsbäckerei und reiste nochmals zu seiner kleinen Freundin. Gar nicht lange dauerte es, dann leuchtete auf der dunklen Straße vor dem Lokal jenes überirdische Licht. In seinem Strahlenkranz stand der Engel. Liebevoll sprach er das ´E` an:
„Wie schön, dass du nicht nur an dein eigenes Glück denkst, sondern auch bedenkst, wie du deinem Künstler dafür danken kannst, dass er dich geschaffen hat. - Ein Musiker, der seine Noten so sorgfältig zeichnet, ist ein sehr sensibler Mensch, der auch mit allem Anderen behutsam umgeht. Deshalb werde ich dir helfen.“
Auch die zweite Note bedachte er mit einem freundlichen Blick:
„Auch dir soll dein Wunsch erfüllt werden. Ihr Zwei werdet in einer romantischen Melodie den Menschen Freude bereiten. Morgen wird Herr Sänger eine Weise komponieren, die noch viel schöner ist als alles, was ihr bislang gehört habt. Sie wird ihm und euch zu Ruhm und Ehre gereichen!“
Kaum hatte der Engel geendet, war er verschwunden und mit ihm das wundersame Licht. Stumm schauen sich die Zwei an. Ihre Köpfe glänzen tiefschwarz vor Freude. Als sie sich wieder etwas gefasst hatten, kullerten sie übermütig im Kreis herum.
„Wir werden immer zusammen sein und auch berühmte Theater erobern!“
In diesem Moment erklang eine liebliche Melodie. Wunderlich wurde es ihnen zumute, so leicht, als ob sie fliegen würden. Verunsichert blickten sie zum Tanzlokal und stutzten:
„Merkwürdig, wieso ist es denn plötzlich so klein? - Bei solch sanften Klängen kann uns aber wohl nichts Böses widerfahren, ja!?“
Sich umklammernd, versuchten sie sich gegenseitig zu beruhigen. Das Gefühl der Leichtigkeit war keine Einbildung, denn, wie von einem Windhauch getragen, hatten sie den Boden verlassen und schwebten nun hoch und höher. Die Häuser blieben wie Playmobilspielzeug zurück, die Autos wie bunte Stecknadelknöpfe. Die Menschen waren gar nicht mehr zu erkennen, so weit hatten sie sich inzwischen empor geschwungen. Wie Flugzeuge flogen sie am Himmel dahin und wichen dabei immer wieder schweren Wolken aus, die der Erde neuen Schnee bescheren sollten. Kurz darauf wurde es rabenschwarze Nacht. Aber, halt! Völlig schwarz war es denn doch nicht. Statt der Sonnenstrahlen des Tages umgaben sie Abermillionen winzige und größere, schwächere und hell blinkende Himmelslaternen, die Sterne. Tief berührt setzten die Noten stumm ihre Reise durch die friedvolle Stille fort. Während sie das geheimnisvolle Sternenmeer betrachten, stellten sie sich tiefgründige Fragen:
´Birgt die Welt unter uns, jene kleine Erde im Universum, diesem all umfassenden Wunder, wirklich das einzige Leben? - Was wird uns wohl noch begegnen?`
Verzaubert von der sie umgebenden Pracht, dachte die kleine Note:
´Die Sterne sind viel schöner als all die Diamanten in den teuren Geschäften der Königsallee!`
Mit der Zeit wandelte sich wieder alles um sie her. Die Himmelslaternen verblassten mehr und mehr. Weil der Anblick der Sterne die Notenherzen nicht länger wärmte, begannen die Beiden zu frieren. Was war nur geschehen? Sie waren zurück in die nun dichte, schwer und dunkel den Himmel verhängende Wolkendecke eingetaucht. Aus ihrem Sternentraum gerissen, fanden sie in der Kälte die Sprache wieder:
„Warum nur dürfen wir denn nicht für alle Zeiten bei den Sternen bleiben?“, fragte das ´E` ihre ebenfalls vor sich hin zitternde Freundin.
„Hast du etwa schon vergessen, weshalb nur wir unterwegs sind?“
„Ach ja, du hast ja Recht!“
Die kleine Note seufzte geknickt. Dann aber klang sie wieder froher:
„Aber, wenn ich an das Schöne denke, das auf uns wartet, wird es mir gleich wieder wunderbar warm.“
Ja, sie waren auf dem Rückflug zur Erde, kehrten heim in die verträumte Stadt mitten auf dem Lande. An dem hellen Schimmer am Horizont erkannten die Zwei, dass die Nacht, die sie soviel Gutes hatte erfahren lassen, sich dem Ende zuneigte. Kurz darauf entdeckten sie bereits die Kirchturmspitze und die vertrauten Straßen unter sich. Noch eine letzte Flugkurve und die kleine Note war daheim.
„Von nun an ist es auch dein Zuhause!“, sagte sie zu ihrer Freundin.
Sie kullerten durch die Haustür, hockten sich auf das untere Ende des Treppengeländers und huschten hoch bis in den ersten Stock. Weil diese Nacht eine Traumnacht war, gelangten sie durch den verschlossenen Eingang der Wohnung hinein ins Arbeitszimmer und rollten am Teppich entlang bis zu dem Schreibtisch des Meisters. Eilig kletterten sie am Tischbein hoch und kollerten möglichst rasch über die Tischplatte zurück auf das dort noch immer wartende, leere Notenblatt. Wie von Engelshand geleitet, tänzelten sie übermütig kreuz wie auch quer über die Linien und hinterließen dabei überall schwarze Tupfen. Dann nahm auch das ´A` auf der Notenlinie seinen festen Platz ein neben dem, den der Künstler dem kleinen ´E` zugewiesen hatte. Von dem Moment an benahmen sie sich wie alle gut erzogenen Noten. Sie wackelten weder mit dem Kopf noch drehten sie den Hals, sondern warteten, sehr gespannt auf die versprochene Melodie, unbeweglich wie auch in stolzer Haltung auf Herrn Sänger, den Komponisten. Allmählich wurde es hell in der gemütlichen Dachstube, die nacht war vorüber. Am Vormittag schneite es ununterbrochen und kurze Zeit später waren auch die Fußspuren des Spaziergängers, der am Vorabend durch die Straßen gewandert war, verdeckt. Alles wirkte vollkommen unberührt und deshalb sehr romantisch. Der Musiker wachte auf, reckte sich erstmal kräftig und öffnete dann verschlafen die Augen. Er hatte einen wunderlichen, aber sehr schönen Traum gehabt und war darum besonders guter Laune.
„Hm, eigenartig! Denn eine Melodie weiß ich immer noch nicht!“
Nach dem Bad frühstückte er gemütlich, setzte sich an den Schreibtisch und wollte sich erneut den Kompositionen widmen.
„Wie ... !??“
Er erinnerte sich genau, dass er gestern frustriert den Stift zur Seite gelegt hatte, weil ihm nichts einfallen wollte. Und jetzt? Ganz deutlich sah er sie, die beiden Noten, von denen er aber nur die eine auf die Linie gezeichnet hatte.
„Was ist das denn? Wo kommt denn die zweite Note her? - Quatsch! Ich bin wahrscheinlich noch nicht richtig wach!“
Verwirrt verschwand er ins Bad, wischte sich mit einem kalten Waschlappen durchs Gesicht und kehrte dann an den Schreibtisch zurück.
„Jetzt wird alles wieder seine Ordnung haben.“
Fassungslos starrte er auf das Blatt:
„Das gibt’s doch nicht!“
Immer noch schaut ihm die fremde Note lieb entgegen. Auch auf den übrigen Linien entdeckte er welche. Herr Sänger grübelte:
„Es ist kurz vor Weihnachten! Hat im Himmel vielleicht jemand meine vergeblichen Versuche registriert, etwas Schönes zu komponieren? Ist mir etwa ein Wunder widerfahren?“
Je länger er überlegte, für umso wahrscheinlicher erschien es ihm. Froh nahm er den immer noch sorgfältig gespitzten Bleistift zur Hand:
„Diese Himmelsnote und auch die anderen nutze ich für meine neue Komposition!“
In den nachfolgenden Stunden brachte er mit Hilfe seiner kleinen Note und auch der Himmelsnote aus tiefstem Herzen eine romantische Weise zu Papier. Dabei zeichnete er eilig die noch fehlenden Noten auf das Notenblatt, damit er sie nicht gar in letzter Sekunde wieder vergaß. Mit jeder vollgeschriebenen Linie freute er sich mehr. Dann legte er zufrieden den Bleistift zur Seite. Dort auf dem Papier stand seine Wunschmelodie und sehnte sich wohl danach, endlich gespielt zu werden.
„Ping!“
Schön! Weitere Töne folgten. Nun erfüllte ihn ein unbändiger Stolz. Die Melodie war genau die, wie er sie sich immer ersehnt hatte.
„Heute Nachmittag spiele ich sie Michael vor!“
Während des gemütlichen Kaffeetrinkens erwähnte Herr Sänger die neueste Komposition. Sein Freund wollte sie sofort hören. Bereits bei den ersten Tönen horchte er auf. Je länger Herr Sänger spielte, umso aufmerksamer lauschte Michael. Nach dem Vorspielen sah der Musiker seinen Freund forschend an. Doch er brauchte gar nicht erst zu fragen. Die Antwort konnte er auf dessen Gesicht ablesen.
„Toll!“, begeisterte sich Michael. „Diese Musik muss noch viel mehr Menschen erfreuen.“
In den nächsten Tagen organisierte Michael ein Künstlertreffen. Die Zuhörer waren begeistert und drängten darauf, diese Komposition einem noch größeren Publikum vorzustellen. Einer der Zuhörer kannte den Direktor des Opernhauses gut und berichtete ihm von diesem Talent. Neugierig geworden, lud dieser Herrn Sänger zum Vorspiel ein und lauschte dann fasziniert.
„Was halten Sie davon, Ihr Werk im Rahmen eines Galaabends zum Besten zu geben?“
Herr Sänger konnte es kaum fassen, dass ihm eine solche Ehre zuteil werden sollte und sagte rasch zu, damit der Direktor sein Angebot nicht noch wieder zurückzog. Am folgenden Samstag wartete Herr Sänger hinter der Bühne, das Notenblatt unter den Arm geklemmt, mit heftigem Herzklopfen auf seinen Auftritt. Er zog den roten Vorhang ein wenig zur Seite und riskierte einen Blick aufs Publikum. Ob die Vorstellung wohl ausverkauft war?
„Ach du meine Güte!“
Es war ja für ihn das erste Mal, dass er auf einer solch großen Bühne vor einem so erlesenen Publikum agieren sollte. Schon wurde er angekündigt. Schnell rückte er die Fliege ein letztes Mal zurecht und war eigentlich recht zufrieden mit sich. Der dunkelblaue Smoking kleidete ihn wirklich vortrefflich. Nun war es soweit. Herr Sänger atmete tief durch, seine Hand umkrampfte das Notenheft und er betrat die Bühne. Es empfing ihn ein höflicher Begrüßungsapplaus. Nach der eleganten Verbeugung zum Publikum begann er zu spielen. Erst waren die Töne noch etwas schüchtern dargebracht. Dann aber vergaß der Musiker alles rings um sich her und vertiefte sich völlig in sein Geigenspiel. Die Noten auf dem Blatt wussten um die Bedeutung dieser Minuten und standen kerzengerade auf den Linien. Ihre stolz blinkenden, schwarzen Köpfe vermittelten ihm Zuversicht. Immer ungezwungener, flüssiger wurde sein Spiel, bis er dort völlig entrückt saß und sich an der eigenen Musik berauschte. Wenige Minuten später näherte sich der Vortrag seinem Ende. Der letzte Ton verklang, Herr Sänger hatte alles gegeben und hatte Mühe, in die Wirklichkeit zurückzufinden. Stille herrschte im Saal. Dann aber löste ein erstes Klatschen die knisternde Spannung. Immer mehr Hände brachten dem Musiker regelrechte Ovationen dar. Auch Bravorufe schallten durch den Raum. Wieder und wieder musste er sich bei tosendem Beifall verbeugen. Herr Sänger war überwältigt. Das Publikum sah er nur noch wie durch einen Schleier, denn vor Glück stiegen ihm Tränen in den Augen. Während einer weiteren Verbeugung streifte sein Blick zufällig das Notenblatt. Hatten das ´E` und das ´A` ihm etwa gerade strahlend zugeblinzelt? Er war sich dessen nicht sicher, aber in seiner Freude blinzelte er ebenso strahlend zurück. Was er nicht mitbekam: Die kleine Note flüsterte ganz leise in all dem Jubel:
„Jetzt sollten uns mal die hochmütigen Klassiknoten sehen. Die würden blass vor Neid!“
Und ihre Freundin ergänzte:
„Nun dürften wir sie wie Luft behandeln. Denn wir haben sogar das Publikum in diesem berühmten Theater begeistert!“
Die Beiden schauten sich glücklich an, nickten nochmals dem Musiker zu und gaben sich dann der Wonne des sie umrauschenden Beifalls hin. An diesem Abend hörten sie ihn zum ersten, aber bestimmt nicht zum letzten Male in ihrem sicherlich noch sehr, sehr langen Leben!!

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