#1 Die roten Häuser - Episode 13 - Im Treppenhaus von DieRotenHäuser 31.10.2016 15:53

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Als Kind lebte ich in einer Arbeitersiedlung, bis nach Kriegsende. Mein Vater war gefallen. Ohne ein arbeitendes Familienmitglied wurden wir der Siedlung verwiesen. Aber meiner Mutter schien das nur recht.
Sie mochte diese Häuser nie, auch wenn sie, wie mein Vater, dort aufgewachsen war. Sie meinte immer dieser Ort sei nicht gut. Dieses Land gehöre denen und das wir nicht willkommen sind. Aber ich habe so vieles vergessen, sie hatte so vieles erzählt, nun ist es verloren.

Doch an einen Abend im Winter kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das muss in den dreißiger Jahren gewesen sein.
Die Rothbaums stellten noch die Direktoren Familie, weil in der Schule der Siedlung die Frau Rothbaum mit unterrichtete. Nachdem die Nazis die Manufakturen und Fabriken übernahmen, hatten wir andere Lehrer. Ich glaube fast, dass war das letzte Weihnachten mit dem jährlichen Fest. Meine Mutter hatte Plätzchen gebacken und in der ganzen Wohnung roch es noch danach. Ich schlief schon, als es draußen im Treppenhaus ein großes Getöse gab. Ich lief natürlich schnell zur Tür um zusehen was da los sei. Doch kaum war ich dort, hielt mich meine Mutter sofort auf und verriegelte die Tür mehrfach.

»Du darfst NIE rausgehen, wenn du sowas hörst!« schollt sie mich. Sie hatte richtig Angst in ihren Augen. So brachte sie mich wieder ins Bett und erzählte mir von den Negern. Denn wenn die Schwarzen ein Kind erwischen sollten, würden sie es essen. Das hätten sie schon einmal gemacht, als der jüngste Sohn des alten Direktors der Pianistin ein Kind gemacht hatte. Zwar sah man seit dem Tod von Emanuel Rothbaum keine Schwarzen mehr, aber meine Mutter sagte man könne sie des Nachts hören, wenn sie um die Häuser zogen und nach kleinen Kindern suchten.

Die Geschichte hatte mich nicht eingeschüchtert, als Kind war ich sehr neugierig und so stahl ich mich, sobald meine Mutter wieder ins Bett gegangen war, wieder zurück. Die Türe hätte ich niemals unbemerkt öffnen können, so spähte ich durch das Schlüsselloch nach draußen. Knapp unter dem Treppenabsatz saßen zwei Gestalten. In meiner Erinnerung waren sie größer als normale Menschen mit gekrümmten Rücken und wildem ungepflegtem Haar. Einer der beiden beugte sich über etwas auf der Treppe und schmatze. Der andere lehnte an der Wand, mir gegenüber. Es waren nicht die Afrikaner, von denen meine Mutter erzählt hatte. Es waren sehr bleiche Gestalten. Etwas stimmte mit ihren Gesichtern nicht. Die Münder zogen sich beinahe bis zu den Ohren und ihre Augen schienen viel kleiner. Mein Gegenüber wischte sich mit seinem Ärmel Blut vom Mund. Nun hatte ich doch Angst und stahl mich schnell wieder in mein Zimmer zurück.
Ich hatte lange nicht einschlafen können, doch als ich endlich schlief wurde ich bald wieder geweckt. Erneut erhob sich ein Lärm im Treppenhaus, diesmal wurde herum geschrien. Worte in einer Sprache, welche ich nicht verstand. Ich kann diese Laute bis heute nicht vergessen, sie verfolgen mich bis in meine Träume. Ich höre sie jemand im Zimmer flüstern - oder Nachts auf der Straße vor meiner Wohnung werden sie gebrüllt. Ich träume von den Gestalten - ich träume davon, dass sie zu mir kommen, weil sie wissen, dass ich sie gesehen habe.

So schnell der Lärm sich erhoben hatte ebbte er auch wieder ab. Nur die gedämpfte Unterhaltung meiner Eltern, die gemeinsam im Nebenzimmer beteten. Am nächsten morgen fanden sich auf den Stufen rote, vertrocknete Flecken, die aber auf der rot lackierten Treppe kaum sichtbar waren. Und seit dem habe ich den Herr Kron, von über uns, nicht mehr gesehen. Er blieb verschwunden.

Ich weiß bis heute nicht was dort passiert ist.

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