#1 Wettergespenster von tastifix 10.01.2017 14:35

avatar

Gespenster zu sehen ist wohl eher der menschlichen Fantasie vorbehalten.
„Die Tiere haben es gut. Sie müssen sich mit denen nicht herumplagen!“
Schließlich bot solch ein Hundeleben auch so genügend Probleme. Jedoch war Mato wohl die Ausnahme auf vier Beinen zu sein. Zwar erschien ihm nicht das Gespenst von Canterville, aber dafür andere. Geister pflegen ja in unterschiedlichster Gestalt aufzutreten. Genau dieser Spaß macht ihnen wahrscheinlich das Jahrhunderte andauernde Spuken erst erträglich. Denn sie können sich immer wieder anders den zu Tode erschrockenen Menschen zeigen. Dafür haben sie aber in Kauf zu nehmen, nur des Nachts von Mitternacht bis ein Uhr ihr Unwesen treiben zu dürfen.

Der menschliche Nachwuchs dagegen machte mit Vorliebe die halbe Nacht das Haus und, besonders einfühlsam, das Elternschlafzimmer unsicher. Zum Leidwesen von Papa und Mama verschwanden die geliebten Kinder dann keinesfalls so schnell wieder im eigenen Bett wie die Geister in ihr Gespenstergemach.

Regenfritze

Nein, Hund machte die Bekanntschaft total anders gearteter Gespenster, die ihm aber mindestens ebenso große Angst einjagten. Eines davon sorgte dafür, dass er nach jedem Rendezvous patschnass nach Hause kam. Deshalb nannte ich es ´Regenfritze`. Die Beiden verabredeten sich regelmäßig bei durch dunkle Wolken verhangenem Himmel. Dann tauchte Matos nasser, von ihm gänzlich ungeliebter Möchtegern-Kumpel urplötzlich auf und begrüßte ihn aufs Herzlichste:
„Tropf! Wie schön, dass du da bist. Platsch!!“
Mato teilte dessen übergroße Freude so überhaupt nicht:
´Knurr! Spinnst du, ohne ausdrückliche Erlaubnis mein armes Fell pitschnass zu machen?`
Jedes Mal nach einem solchen Treffen trabte mein derartig gequälter Hund zitternd vor Kälte nachhause.
„Ich könnte den Spaziergang mit dieser Mimose ja einfach ausfallen lassen!“
Stattdessen marschierte ich gemeines Frauchen trotz Mistwetters mit Hund los und stapfte gar noch einigermaßen gutgelaunt durch die Pfützen. Mich schützten ja meine Regenstiefel. Matos grimmige Blicke ignorierte ich. Mir tat er zwar leid, aber ich wäre deswegen niemals auf die verrückte Idee verfallen, eine Hundeboutique aufzusuchen, um dort Hunderegenstiefel zu erstehen.
„Mato würde mich beim Anblick solcher Dinger garantiert ins nächste Irrenhaus verfrachten! - Tierquälerei, so etwas!“
So lieb ich meine Drei hatte: Sie waren und blieben trotzdem Hunde.

Trafen mein schwer gekränkter Hund und ich nach einem nassen Spaziergang wieder daheim ein, vertrieb ich eilig die Spuren von ´Regenfritze`, indem ich den Pascha mit einem großen Badetuch minutenlang trocken rubbelte. Danach war der lästige, nasse ´Möchtegern-Freund` endlich verschwunden und Mato wieder guter Laune.
Quinny war Regen total egal, Hauptsache, er durfte rennen.
Fee liebte Wasser über alles, war ein ausgesprochener Regen-Fan und juchzte vor Freude in den höchsten Tönen los, wenn Hellerhof sich an manchen Tagen in einen Pool verwandelte. Dann hielt sie nichts mehr im Haus.

Schneeflöckchen

„´Regenfritze` und ´Schneeflöckchen` sind ja enge Verwandte!“, stellte Mato eines Tages entsetzt fest.
Es herrschte klirrende Kälte und wir sahen den Atem vor Augen. Der Himmel war grau in grau und verhieß nichts Gutes.
„Wahrscheinlich schneit es bald!“, überlegte ich.
Für Mato, dem damals sehr jungen Hund, war Schnee noch etwas Unbekanntes.
„Na, wie wird er wohl darauf reagieren?“

Mein Gefühl trog mich nicht. Gegen Mittag rieselten vereinzelt feine Flocken zur Erde. Doch nach wenigen Minuten war es eine dichte Mini-Ball-Wand, die dann alles zudeckte. Verblüfft guckte Mato aus dem Fenster und verstand offensichtlich die Welt nicht mehr:
´Was ist denn das? So viele neue Bällchen und alle weiß?? - Hoffentlich erwartet Frauchen nicht von mir, dass ich die, damit der Garten ordentlich aussieht, nachher wieder einsammele!?`
Hund staunte:
´Der Bällchensegen hört ja gar nicht auf! Komisch, anstatt herum zu kullern, wie es sich eigentlich für anständige Bälle gehört, bleiben die völlig ruhig liegen!?`
„Der rennt bestimmt irgendwann nach draußen, um zu kontrollieren, was mit denen denn wohl los ist!“, amüsierte ich mich. „Das wird was werden ... “

Draußen

Nachmittags war es soweit:
„So, nun mal raus in den Garten!“
Mato und seine Kumpanen sollten nach Herzenslust in der weißen Pracht toben dürfen. Außer Rand und Band stürzten sich Fee und Quinny in das weiße Zeug. Die beiden Wildfänge erfanden lustige Spiele.
´Wer von uns die meisten der selber hoch gestupsten Flocken rechtzeitig, bevor sie wieder auf dem Boden landen, auffängt, hat gewonnen!`
Dabei war eindeutig Quinny viel flinker. Nach ein paar Minuten plumpste er begeistert in den Schnee und fabrizierte strampelnd tolle Kapriolen. Fee spielte derweil mit meinen Töchtern Schneeball fangen.
´Aber wieso sind die Bälle denn plötzlich futsch, wenn ich nach ihnen schnappe?`
Sie setzte sich auf ihre vier Buchstaben und genoss es, sich mit dem Schnee bewerfen zu lassen, bis schließlich nur noch ihre Fledermausohren und die vorwitzige Nase zu sehen waren. Beide Tiere hatten eine Mordsgaudi!

Nur Mato, dieser Fast-Polarhund, beteiligte sich nicht am ausgelassenen Spiel, sondern stand neben mir in der geöffneten Terrassentür und beobachtete fassungslos das verrückte Treiben seiner vierbeinigen Freunde:
´Was ist denn mit denen los? Haben die etwa Frauchens Barschrank einen heimlichen Besuch abgestattet?`
Besorgt schaute er mich an.
„Matochen, es macht Spaß dort draußen! Geh doch raus. Sieh mal, wie Feechen und Quinnylein sich freuen!”
Vergeblich! Er zog es stattdessen vor, weiterhin von der sicheren Türe aus nur zuzusehen. Weil ich unentwegt auf ihn eingeredet hatte, startete er nach einer Weile denn doch einen zögerlichen Versuch. Vorsichtig setzte er die rechte Vorderpfote in das weiße Zeug, um sie aber höchst beleidigt blitzschnell zurück ins Warme zu ziehen.
´Das ist ja nicht nur unmöglich kalt, sondern obendrein unverschämt nass. Meine arme Pfote tropft ja richtig!!`
Er mutierte zu einer extra sauren Zitrone, wie es schien, unheimlich wütend auf mich, denn schließlich hatte ich ihm diesen Mist vorgeschlagen.
„Den kriege ich heute bestimmt nicht mehr nach draußen!“, sagte ich mir.
Flugs verzog sich Hund ins Wohnzimmer und krabbelte unter den Couchtisch. Auf dem lag eine lang herunter hängende Tischdecke.
´Ein prima Versteck! - Nicht, dass Frauchen mir ein zweites Mal solch einen impertinenten Vorschlag unterbreitet, wauwuff!`
An seiner Einstellung zu der weißen Patsche war anscheinend nichts mehr zu rütteln.
´Sollen sich Feechen und Quinny ´gerne` die Pfoten abfrieren, wenn die das unbedingt wollen. Aber die brauchen nicht zu denken, dass ich hinterher die Verantwortung dafür übernehme, wenn sie dann keine mehr haben!!`

Auch am nachfolgenden Tag hielt sich das eisige Winterwetter. Mit lautem Freudejaulen rasten Fee und Quinny nachmittags wieder in den Schnee. Sie tollten mit einer fast noch größeren Begeisterung mit meinen Töchtern stundenlang in dem weißen Matsch herum. ´Hach, wie toll!`
Nicoletta, Martina und Katharina bauten einen Schneemann, dem sie als Nase eine Möhre verpassten. Fee pflanzte sich selbstverständlich sofort davor:
´Soll ich es wagen, die zu klauen oder besser doch nicht?`
Letztendlich entschied sie sich, darauf zu verzichten, weil sie beleidigte Ersatzschwestern wirklich nicht ertragen wollte.
„Außerdem gibt`s dann bestimmt keine tollen Schneespiele mehr!“
Derweil war Mato immer noch nicht im Garten zu sehen.
„Dorthin kriegt mich nicht einmal Frauchens Leckerchentüte!`
Erst nachdem er längere Zeit beobachtet hatte, wie fröhlich sich seine vierbeinigen Kameraden mit meinen Kindern vergnügten, schmolz sein Trotz allmählich dahin. Tatsächlich stolzierte er in den Garten, selbstverständlich mit betont hochnäsiger Miene an Feechen und Quinny vorbei, setzte sich an einer bevorzugten Stelle in den Schnee, hockte dort wirklich etwa eine halbe Stunde auf dem selben Fleck und ließ sich voll schneien, bis er fast wie ein kleiner Eisbär aussah.
´Keiner soll mir nachsagen können, ich hätte Scheu vor dem Schnee gezeigt. Nee,wuff!!`

Ein Unheil naht

Schwüle Tage sind für Mensch und Tier gleichermaßen anstrengend. Mir lief der Schweiß und meine Hunde lagen während der Mittagsstunden völlig apathisch auf den kühlenden Fliesen im Erdgeschoss.
´Schade, in Frauchens Kühlschrank ist es für uns Drei zu eng. Seufz, winsel!`
Spazieren zu gehen durfte ich nur noch Quinny vorschlagen. Dem war die Hitze völlig egal. Hauptsache, es ging raus. Fee und vor allen Dingen Mato dagegen flehten mich mit einem erbarmungswürdigen Blick um Gnade an:
´Bloß nicht. Dreh` du allein deine Runde. Wir warten hier brav auf dich!`
Damit stießen sie allerdings bei mir auf Granit.
„Schließlich müsst ihr auch ab und zu aufs Klo!“
Fee resignierte und trabte gehorsam mit. Doch Mato wertete es wohl als einen dann eindeutigen Beweis für ... :
´Frauchen ist einem gefährlichen Sonnenstich zum Opfer gefallen. Nur deshalb kommt sie bei der Schwüle auf eine so abwegige Idee!`
Frustriert stöhnend erhob Herr Hund sich und ließ sich anleinen.
„Na, ich bin ja mal gespannt, ob der ... ?“

Meine Vorahnung trog mich nicht. Auf dem Podest vor unserem Eingang schnupperte er kurz. Bedient vom Schnüffelergebnis machte er rigoros alle Anstalten, zurück ins kühle Haus zu flüchten. Ich verstand ihn ja, aber trotzdem herrschte ich ihn deswegen heftig an:
„Matochen! Verflixt noch mal! Für mich ist es bei der Hitze genauso kein Vergnügen. Also, sei ein lieber Hund und mach mir das Ganze nicht noch schwerer. Komm endlich!”
Daraufhin schlich er mit Schlachttiermiene neben mir her:
´Wau, ist ja die reinste Viecherei!`
Er schien sogar an meiner Zuneigung zu zweifeln:
´Ein liebendes Frauchen schickt bei einer solchen Hitze nicht ihren Hund vor die Tür, oder?`
Nach weiteren zehn Minuten reichte es ihm endgültig, denn mittlerweile war die Luft zum Schneiden und darum jeder Schritt eine Qual:
´Keinen Meter mehr weiter! Wuff, ich will zurück!!`

Der vor einer Viertelstunde noch azurblaue Himmel war inzwischen alles andere als blau. Statt der zarten Quellwolken hingen dort nun schwere, schwarze Regenwolken. Sogar die Vögel waren verstummt. Ich ahnte etwas und Mato wohl ebenfalls:
´Winsel! Gleich schüttet es wie aus Eimern und ich werd` pudelnass, iih!`
„Das gibt garantiert ein heftiges Unwetter, bloß schnell nach Hause!“, sagte ich mir.

Xobor Xobor Community Software
Datenschutz