#1 Der erste Auftrag von Spitz Lothar 02.02.2017 21:31

Der erste Auftrag

1. Kapitel

Es gibt ein Land, welches von hohen Bergen umgeben ist, an deren Hängen dichte, dunkle Wälder wachsen. Die Berge und Wälder verstecken dieses Land so gut, daß es noch nie von einem Menschen gefunden worden ist. Und das ist auch gut so. Es ist nämlich das Land der Märchen und sagen; das Land der Fantasie.
Hier leben die Feen und Zauberer, Elfen und Kobolde, der böse Wolf und Rotkäppchen, das tapfere Schneiderlein und viele andere. Und hier leben auch die Osterhasen.
Im Märchenland ist es Wunderschön. Es wachsen verzauberte Bäume, die die seltsamsten Geschichten zu erzählen wissen. Auf den Wiesen wiegen sich Blumen im sanften Wind, deren Farben einfach unbeschreiblich sind. Murmelnde Bäche schlängeln sich durch das Land und hier und dort blinkt ein spiegelnder See.
An der Südseite eines kleinen Waldes erhebt sich ein großer Hügel. Den haben Hasen mit vielen Gängen und Höhlen ausgehöhlt und ihre Wohnungen hineingebaut. Aber es sind keine normalen Hasen, beziehungsweise Kaninchen. Nein, es sind die Osterhasen. Meistens tollen sie dort herum, spielen miteinander und faulenzen in der Sonne.. Doch einmal im Jahr sind sie sehr fleißig.



2. Kapitel

In der Welt der Menschen war der Schnee geschmolzen und Krokusse bildeten bunte Farbtupfer auf den Wiesen. Alle Kinder freuten sich, denn sie hatten Ferien und am Wochenende, am Morgen des Ostersonntags, würde der Osterhase ihnen seine Bunten Ostereier und viele Geschenke bringen. Für die Osterhasen im Märchenland bedeutete das viel Arbeit. Sie waren Tag und Nach fleißig und wetteiferten miteinander, wer wohl die Eier am schönsten bemalen würde, und wer die schönsten Geschenke zu den Kindern bringen dürfe.
Es gab auch einen kleinen Osterhasen, der durfte in diesem Jahr zu ersten Mal mit hinaus, und zwar in ein kleines Dorf am Rande des Zauberwaldes. Er war fürchterlich stolz darauf, daß er seine Eier ganz alleine angemalt hatte. Als nun der Ostersonntag näher rückte, packte er alles in seinen Rucksack, der fast so groß war wie er selbst und ließ sich von seinem Vater die Karte von dem Weg zum Dorf geben. Als dann die Sonne am Ostersamstagabend unterging, marschierte er los.

3. Kapitel

Zu Anfang ging alles noch ganz gut. Die Berge und der Wald waren neu für ihn, denn Hasenkinder dürfen hier nicht spielen. Zu leicht könnten sie sich in die Menschenwelt verirren. Aber die Karte war genau und so kam er nicht vom Weg ab. Mit der Zeit jedoch wurde der Rucksack immer schwerer und da er die letzte Nacht vor Aufregung nicht hatte schlafen können, wurde er immer müder.
Nach einer langen Wanderung über Berge und um viele Bäum herum, kam er endlich an den Waldrand und sah die Häuser des kleinen Dorfes vor sich liegen. Es war noch dunkel, die Menschen schliefen tief und fest und tausend Sterne glitzerten am Himmel. Der Mond warf sein silbernes Licht über das Land und das Häschen war froh, denn nun hatte es den ersten Teil seiner schwierigen Aufgabe hinter sich. Aber jetzt merkte es erst, wie müde es geworden war und dachte bei sich:
„Ach, wenn ich nur ein klein wenig ausruhen könnte.“
Und es dachte sich weiter:
„Wenn ich mich unter diesen großen Baum setze und die Augen ein kleines bisschen zu und gleich wieder auf mache, das kann ja nichts schaden.“
Und so setzte es sich unter den großen Baum, lehnte sich an seinen Rucksack, schloß die Augen und machte sie gleich wieder auf.
„Mein Gott, ist das schön“, dachte es. Und weil es so schön gewesen war, schloß es noch einmal die Augen, und noch einmal, und noch einmal …

4. Kapitel

Plötzlich fühlte er einen Ruck an seinem Rücken. Verdutzt schaute er sich um. Bei dem, was er da sah, blieb ihm fast das Herz vor Schreck stehen. Hinter ihm stand der große, böse Wolf und hatte seinen Rucksack, der ja noch voll mit Ostereiern und Geschenken war, in seinen behaarten Pfoten.
„Wenn du schreist“, knurrte er mit seiner rauhen, dunklen Stimme, „dann fresse ich dich sofort auf. Ich bin zwar schon satt, aber einen Osterhasen kann ich immer fressen.“
Der Osterhase hatte so große Angst, daß er kein Wort herausbrachte und zitternd sitzen blieb.
„Niemand schenkt mir zu Ostern etwas“, knurrte der Wolf. „Also werde ich mich einfach selbst beschenken.“
Der böse Wolf lachte vergnügt und rannte mit dem vollen Rucksack in den Wald zurück. Dem Häschen war nun ganz elend zumute. Als er sich wieder getraute aufzustehen machte er sich schwere Vorwürfe. Er hatte den Rat seiner Eltern, unterwegs keine Rast zu machen, nicht befolgt. Durch seine Schuld würden jetzt viele brave und weniger brave Kinder keine Ostergeschenke bekommen. Nachdem er einige Minuten verzweifelt vor sich hin und auf den Boden geschaut hatte, gab er sich einen Ruck und stand auf.
„Nein, das darf nicht sein!“ dachte er sich. „Ich werde zur Hexe Gundeley gehen. Vielleicht weiß sie einen Rat, wie ich meinen Rucksack rechtzeitig zurückbekommen kann.“
Er machte kehrt und rannt, so schnell ihn seine kleinen Hasenbeine trugen, durch den Wald und über die Berge ins Märchenland zurück.

5. Kapitel

Da die Hexe Gundeley tagsüber schlief und nachts ihre Zaubertränke braute, hatte sie den Osterhasen schon von weitem gehört und erwartete ihn bereits. Als er klopfte öffnete sich die Tür ihres Hexenhäuschens mit einem scheußlichen Knarren und Quietschen. Er nahm all seinen Mut zusammen und trat ein. Immer noch atemlos vom schellen lauf blieb er mitten in der Hexenküche stehen.
„Na, kleiner Osterhase, was führt dich denn zu mir?“ fragte die Hexe mit einer seltsamen, krächzenden Stimmer. Eine schwarze Katze sprang von ihrer Schulter herab und rieb sich schnurrend an ihm, so daß er Mühe hatte, nicht umzufallen. Er erzählte keuchend was ihm geschehen war und bat die Hexe, ihm ein Zaubermittel gegen den bösen Wolf zu geben.
„Der böse Wolf, der böse Wolf, das ist ein arger Strolch. Er frisst die kleinen Schweinchen auf … und jetzt sogar schon Ostereier?“ fragte die Hexe und kratzte sich an der Nase.
Das Osterhäschen nickte. Sie ging murmelnd in der düsteren Küche umher. Es roch nach seltsamen Kräutern und überall hingen Spinnweben. Die Hexe sang nun leise ein Lied vor sich hin. Er befürchtete, sie habe ihn bereits wieder vergessen und sah sich ängstlich um. Ganz mulmig wurde es ihm, als er die riesigen Augen einer Eule bemerkte, die ihn von einem Schrank aus ansah. Sein Vater hatte ihm erzählt, daß Eulen auch Hasen fressen würden. Wenn er nicht so dringend Hilfe gebraucht hätte wäre er vor Angst sofort davongelaufen.
„Tja, ich kann dir da nicht helfen, kleiner Osterhase“, krächzte plötzlich die Hexe und schaute ihm dabei genau in die ängstlich aufgerissenen Hasenaugen. „Der böse Wolf ist wieder ins Märchenland zurückgekehrt und hier darf ich ihm nichts böses antun. Das habe ich versprochen, als ich mich vor langer, langer Zeit hier niederlassen durfte. Aber vielleicht kann dir der Zauberer Merlin helfen. Er tut jedenfalls immer so, als wäre er der Größte. Ich werde dir einen Zaubertrank brauen, der deine Füße so schnell wie der Wind werden lässt. So kannst du geschwind zu ihm laufen und ihn um Hilfe bitten. Wenn er keinen Rat weiß, dann weiß niemand, den ich kenne, einen. Und nun setzt dich da hin.“
Die Hexe stellte frisches Wasser auf das Feuer, gab würzige Kräuter und ölige Flüssigkeiten aus verstaubten Fläschchen hinein und murmelte dauernd irgendwelche Sprüche, von denen das Häschen keinen einzigen verstand. Endlich war es soweit. Der Zaubertrank war fertig. Die Hexe füllte etwas davon in eine alte Tasse, reichte sie ihm und sagte:
„Trink alles auf einmal aus! Während du trinkst, musst du an ganz schnelle Hasenbein denken, die niemals müde werden. Sonst wirkt der Zaubertrank nicht.“
Der kleine Osterhase nahm die Tasse, schloss die Augen und stellte sich ganz schnelle, superschnelle Hasenbeine vor, die niemals müde würden. Dann hielt er sich die Nase zu und trank die ganze Tasse, mit ihrem komisch riechenden Inhalt mit einem einzigen, großen Schluck leer.
Augenblicklich fühlte er ein gewaltiges Kribbeln in seinen Beinen und konnte sie gar nicht mehr richtig stillhalten. Er gab der Hexe die Tasse zurück, murmelte artig ein „Dankeschön“, und wie ein geölter Blitz sauste er los. Zwar wusste niemand so genau wo der Zauberer Merlin wohnte, aber seine Beine waren jetzt so schnell, daß er im Nu kreuz und quer durchs ganze Märchenland gerannt war. Es dauerte nur eine kurze Zeit bis er den großen Zauberer gefunden hatte und er war nicht einmal außer Atem, als er ihm seine Geschichte erzählte.

6. Kapitel

Lange Zeit stand Merlin da, die linke Hand auf seinen langen Zauberstock gestützt, und dachte nach. Mit der rechten Hand strich er ein paar Mal durch seinen langen, silbernen Bart, der fast bis auf den Boden herabhing. Steile Faltenbildeten sich auf seiner Stirn. Dann sah er das Häschen mit seinen tiefen, geheimnisvollen Augen an und sprach:
„Die Hilfe, die du von mir erwartest, mein kleiner Hase, die kann ich dir nicht geben. Als wir damals, vor langer, langer Zeit ins Märchenland zogen, weil die Menschen nicht mehr an uns glauben wollten, haben wir uns das Versprechen gegeben, niemals etwas Böses gegen einen anderen im Märchenland zu tun. Daran bin auch ich gebunden. Sogar noch mehr als andere, weil ich Zauberkräfte besitze und diese nicht missbrauchen darf.“
„Aber der böse Wolf hat doch…“ fing das Häschen an, getraute sich dann aber nicht mehr weiterzusprechen.
„Der Böse Wolf hat seine Tat außerhalb des Märchenlandes getan, als dich unser gemeinsames Versprechen nicht mehr schützte. Ich kann aber mit meinen Zauberkräften nichts gegen ihn unternehmen, da ich sonst mein Versprechen brechen würde. Dann müsste ich das Märchenland verlassen. Ich könnte dann nur in das Land der Menschen zurückgehen. Aber da die Menschen nicht mehr an Zauberer glauben, würde ich bald meine Kräfte verlieren und wäre nur noch ein alter Mann.“
Dem Häschen lief eine Gänsehaut über den Rücken. Das hatte es alles nicht gewusst. Er verstand zwar was der Zauberer gesagt hatte, aber seine Verzweiflung war so groß, daß es anfing zu betteln:
„Bitte, bitte, lieber Zauberer, es muß doch irgendeine Möglichkeit geben. Du bist doch so klug. Du musst mir doch irgendwie helfen können!“
Der Zauberer Merlin dachte weiter nach. Seine Stirn legte sich in noch tiefere Falten. Am Horizont zeigte sich schon der erste helle Schimmer der aufgehenden Sonne, die einen wunderschönen Ostersonntag ankündigte. Aber der kleine Osterhase hatte seine Ostereier immer noch nicht zurück und Merlin dachte immer noch angestrengt nach. Endlich sah der große Zauberer auf.
„Ich kann dir nicht direkt helfen, kleiner Hase. Aber ich kann den Lauf der Welt für vierundzwanzig Stunden anhalten, so daß du in dieser Zeit eine Lösung für dein Problem finden kannst. Mehr kann ich leider nicht für dich tun.“
Das Häschen bedankte sich artig, denn es hatte großen Respekt vor dem Zauberer, und rannte dann mit seinen superschnellen Beinen los. Er rannte wieder kreuz und quer durch das Märchenland. Diesmal wollte er den bösen Wolf finden. Er wollte ihn überraschen, ihm den Rucksack wegnehmen und davonlaufen. Er war so schnell, daß ihn der Wolf niemals einholen könnte. Aber er konnte ihn einfach nicht finden.


7. Kapitel

Die Stunden vergingen schnell und zu allem Unglück hörte langsam der Zaubertrank der Hexe Gundeley auf zu wirken. Seine Beine wurden immer schwerer. Er setzte sich seufzend hin und dachte angestrengt nach, was er in den wenigen Stunden, die ihm noch blieben, tun könne. Aber nichts viel ihm ein. Das Häschen wurde immer mutloser und trauriger.
Da erinnerte es sich, daß es abends immer zum lieben Gott betete, den es sehr lieb hatte. Das, so dachte es, wäre wohl die letzte Möglichkeit für ihn, seinen Rucksack mit den Eiern und den Geschenken für die Kinder wieder zu bekommen. Denn er wusste, daß der liebe Gott die Kinder gern hatte. Also begann es ganz andächtig zu beten und erzählte dabei die ganze Geschichte, wie er sich müde unter den Baum gesetzt hatte und der böse Wolf ihm den Rucksack weggenommen hatte, und was die Hexe und der Zauberer ihm gesagt hatten. Als es damit fertig war saß es ganz still und dachte keinen Gedanken mehr, so daß es den lieben Gott auch hören könne, sobald er etwas zu ihm sagen würde. Aber es hörte nichts. Es begann wieder zu beten. Und da es sehr verzweifelt war, war es mit seinem ganzen Herzen dabei und legte alle seine Gefühle in dieses Gebet.
Da begann ein Bäumchen vor ihm zu flimmern und seine Gestalt zu verändern und plötzlich war es kein Baum mehr, sondern der liebe Gott persönlich stand vor ihm. Das Häschen konnte später nicht mehr sagen, wie er ausgesehen hatte, doch in diesem Augenblick wusste es, daß der liebe Gott vor ihm stand.
„Mein lieber Osterhase“, hörte er ihn sprechen. „Du suchst die Lösung für dein Problem am falschen Ort. Du suchst sie bei Hexen und Zauberern. Die können dir nicht helfen. Du glaubst, der Wolf sei böse und du wärst gut. Schau dich selber an. Schau, was du tust. Wenn du erkennst was du tust, verschwindet dein Problem.“
Als der liebe Gott so gesprochen hatte begann seine Erscheinung zu zerfließen und im nächsten Augenblick stand der junge Baum wieder da. So, wie er vorher da gestanden hatte.
Das Häschen aber konnte mit dieser Antwort nichts anfangen. Es wusste nicht, wie es sich selber anschauen könne und was das ändern würde. Und wie es so dasaß und das Bäumchen anstarrte, begannen ihm vor lauter Traurigkeit riesengroße Osterhasentränen aus den Augen zu quellen und die Backen hinabzulaufen. Er schluchzte und griff ganz automatisch in seine rechte Hosentasche um sein großes Taschentuch herauszuholen. Doch da war keines. Aber ganz deutlich hörte er die Stimme seiner Mutter, die am Abend zu ihm gesagt hatte:
„Ich habe deine Hose gewaschen. Steck dir noch ein frisches Taschentuch ein bevor du losgehst.“
Als er die Stimme seiner Mutter so lebendig und klar hörte, als würde sie neben ihm stehen, riß er erschrocken die Augen auf und sah sich um. Doch da war keine Mutter. Aber er sah das kleine Dorf vor sich liegen, in dem er die Eier und die Geschenke verstecken sollte. Und hinter ihm, er konnte es fast nicht glauben, hinter ihm stand sein voller Rucksack. So, als ob er gar nie wegewesen wäre.
Und langsam verstand er, was der liebe Gott gemeint hatte. Als er erkannt hatte was er da tat, war sein Problem wirklich verschwunden. Er war nämlich, als er unter dem Baum nur ganz kurz die Augen zumachen wollte, eingeschlafen und hatte die ganze Geschichte in der Traumwelt erlebt. Ein riesengroßer Stein fiel ihm vom Herzen. Er wischte sich mit seinen pelzigen Hasenpfoten die Tränen von den Wangen. Dann stand er auf, reckte sich und stieß einen lauten Jauchzer aus.
Am östlichen Himmel wurde es bereits heller und so machte er sich eilig daran, seine Eier und die Geschenke für die Kinder des kleinen Dorfes zu verstecken. Kaum war er damit fertig geworden, als auch schon der erste Junge, der sich sicher einen Wecker gestellt hatte, in den Garten seines Hauses rannte. Nach kurzer Zeit hörte er einen Jubelruf. Dann sah er andere Kinder. Aus sicherer Entfernung beobachtete er das muntere Treiben noch eine Weile. Dann machte er sich auf den Heimweg. Er würde zuhause viel zu erzählen haben.



Von Lothar Spitz, 1982

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