#1 Eichen sollst du weichen von Emiti 09.02.2017 14:58

Die Postkarte ist mit Rückantwort: Moskau, Rotes Kreuz, S.S.S.R., Briefkasten 223 - die erste ein Jahr nach Kriegsende. Ganz kurz kommt es ihm vor, als sei er doch noch übergelaufen und nicht Lagerinsasse. Was hatte ihn bloß davon abgehalten? Und was wiederum hielt das Kind ab von ihm - ein paar Monate später, als er wieder daheim - hohlwangig, mit großen, wissenden Augen. Aber so waren sie ja alle gewesen, geworden - durch die Reihe. Wer da in ruhigen Stunden noch so weit ging, Fachwissen zu vermitteln, der tat es selbstlos, unaufdringlich.
Jetzt weg vom alten Beruf, ein Jahr lang lernen bis zum Umfallen; dazu würde es auch bei ihm reichen. Weiter dann als Hilfsfachlehrer, Lehramtsanwärter - nicht so sicher. Da waren diese Inspektionen. Der Ton aus der fernen Gefangenschaft stellte sich aber weiterhin ein und bei dem hatte auch das Kind aufgehorcht, begonnen zuzuhören und am Vati zu hängen, so, dass die Mutti mit leisem Bedauern zurückdachte an die Zeit, in der sie es ganz für sich gehabt hatte.
Da, wo das kleine, bezopfte Mädchen dann zur Schule kam, war das Lernen leicht, seine Art Erdkunde und Geschichte zu lehren unaufdringlich und die Kolleginnen hatten einen guten Fang gemacht mit einem angehenden stellvertretenden Direktor, der sie auch mal zum Lachen brachte in dieser immer noch schweren Zeit.
Da, wo die Schule hingebaut worden war in besseren Zeiten, hatten sich in die ärmlichen, geduckten Viertel ansehnlichere hineingeschoben in zurückliegenden Jahrzehnten. Liebknechtstraße, Bebelstraße, Mehringstraßße - durch den ganzen Nordosten der Stadt ziehen sie sich, diese und weitere mit vielsagenden Namen. Einen schlechten Eindruck machen die engbrüstigen Mietshäuser nicht. Warme Farben, viel Klinker, die Fenster so, als wären sie aus England hergeholt. Kein Fensterkreuz, sondern hoch und schmal, der Rahmen oben leicht bogenförmig. Von der historischen Altstadt trennt der Flutgraben. In seiner Breite und Tiefe gräbt er eine Schneise, eine Licht- und Frischluftschneise. Doch einmal die Brücke zu dieser Vorstadt überschritten, ist davon kaum etwas zu spüren. Hier hängt er in der Luft, der penetrante Stadtgeruch, der ganz schnell zu dem der Misere werden kann. Ständig präsent, ständig warnend. Wer es bis hierher geschafft, wird widerspruchslos ertragen oder aber in den Lehren derer, die es zu einem Straßennamen bringen sollten, ein geistiges Fundament erblickt haben.
Wie allgegenwärtig dies inzwischen auch geworden sein mochte, ja beinahe zur Stelle sobald einer den Mund auftat; es ließ sich nicht verkennen, dass einer wie er, voll des guten Willens und der Sache ergeben, über ein paar vereinzelte eigene Vorstellungen nie hinausgekommen war. Und wenn die sich einschlichen, gingen die Gedanken zum Südviertel, dem der feinen Leute, fanden dort aber keinen Halt und gingen resignierend weiter zu den bewaldeten Höhen des Steigers. Und die machten klar, wie weit zu kommen war: bis zur Wodans-Eiche und nicht weiter.
Die hielt sich dort hartnäckig für all jene, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder meinten, ein schwaches Echo der Axtschläge zu vernehmen, und die sich gesagt haben mussten: Es ist ihm nichts geschehen, dem Frevler, dem Bonifacius. Kein Blitz aus heitrem Himmel. Dass der Mann aus Exeter im Norden, bei den Friesen auf Gewalt und schließlich tödliche gestoßen war, konnte daran nichts ändern, hatte man hier doch auf höhere Gewalt gesetzt, es darauf ankommen lassen wollen. Vom Steiger soll zwar ein mächtiges Brausen ausgegangen sein als sich Heiliger und Heiden zu dem Behufe näherten, doch dem, der sich seiner Sache so sicher, hatte es auch an beschwörenden und beschwichtigenden Worten nicht gefehlt.

Damit war dann nebenher die Jahreszahl festgehalten worden für die Geschichte der Stadt überhaupt. Aus der hin und wieder raus und hinein in den Wald - immer noch gut für einen, der es mal verstanden hatte. Aus einer Vorzeit musste ihm das kommen. Liebe wird dabei gewesen sein. So steif wie jetzt wohl kaum. Unberührt stehen Baum und Strauch. Ungerührt der Blick von solchen wie den dreien um ihn. Nie werden sie sich auskennen hier, nicht verstehen, wie seine Worte sich dann und wann so aufschwingen können, dass es wird, als sähe man dem Bonifacius zu - als ein zitterndes, zögerndes Etwas.
Was für ein junges Mädchen sollte denn daraus werden im Laufe der Spaziergangsjahre? Eigentlich nur eins, das den Weg eines Jünglings mit epileptische zitternder Mutter kreuzt; und das am Fuße des Steigerwaldes. In der großen Halle dort eine Menge junger Leuter. Rotarmisten, dazumal einmarschiert wer weiß wie, singen und tanzen an einem weiteren Jahrestag mit dem Elan eines großen, weiten Landes. In angesagter Freundschaft. Im Saal untersagtes Westliches. Danach wird zum Ausklag so weit wie möglich getanzt.
Dass hier jemand den Darbietungen etwas hatte abgewinnen können, kommt überraschend für den jungen Mann, der auffordert. Damit hätte es sich dann auch schon gehabt, wäre da nicht noch so ein seltsamer Eindruck gewesen - irgendwas mit Zittern, vielleicht sogar epileptischem. Nein, nicht unbedingt gleich jetzt. Es konnte gewesen sein, oder noch kommen.
Bloß nicht! Nicht schon wieder sowas!
Inzwischen wusste er aber: sollte ihm das nochmal passieren, keine Hand würde er mehr rühren. Keiner würde ihn nochmal hineinreißen in diese Abgründe - so völlig unvorbereitet, wie er gewesen war.
Ja, bloß nicht unvorbereitet sein! Da hätte ihm der Lehrer zugestimmt. Was konnte ihn denn weiter auffangen, nachmittags, wenn nicht die Vorbereitungen. Die Tochter, die nach Jahren wieder in einer seiner Klassen saß - Oberstufe mittlerweile, hätte da nicht unbedingt noch sein müssen. Na, wenigstens brauchte er hier nicht weiter zu predigen und vorzukauen. Sie schnappte ja einfach nur auf - soviel wie gerade nötig. Mehr schien sie das alles nicht anzugehen. Dieser Tanz am Maienabend, der sie auch nichts weiter anging, der musste aus dieser Art etwas Reizvolles gemacht haben, etwas das Raum ließ für eine Spur, eine alter Zeiten, die junge Leute dann miteinander gehen ließ. Doch ehe sie sich allzuviele Fragen stellen konne nach der einen, warum sie das nicht wollte, war er mit seinem Wissen gekommen. Beim Rechnen angefangen bis hin zu Donner und Blitz. Das würde sie zwar nie brauchen, aber wenn er etwas dabei fand...
Es kam nun aber, je kälter es draußen wurde, immer öfter die Erlaubnis in des Vaters Stübchen neben der Küche zu sitzen und es ernsthaft angehen zu lassen mit Mathe. Bezüglich ihrer Kenntnisse wird er sich schon seinen Teil gedacht haben. Die Mutter in ihrer Küche nebenan wird sich erst recht ihren Teil gedacht haben, wenn sie die beiden reden hörte.
Da, wo sie herkam, waren die Männer so gewesen. Die ganze Art war ihr vertraut. Sprach denn die Tochter darauf an, würde sie darauf ansprechen? Auch wenn er noch so gut aussah. Und gebeugt über die Nähmaschine, leicht entnervt wie immer dabei, brauchte sie nicht lange nach einer Antwort zu suchen. Dieses junge Glück, das nahm sich doch irgendwie störend aus. Später vielleicht mal!
Musste nicht jetzt an die die Schule, die Prüfungen gedacht werden? Die paar Monate bis dahin wurde Ablenkung nicht gebraucht.

Dieses Stübchen, in das mittags durch die Scheibengardinen die Sonne kam, hatte Tisch und Stühle wie vom Trödler, Klappbett und dürftig bestückte Bücherregale, aber der eiserne Ofen spendete seine wohlige Wärme und das Linoleum ein bisschen Glanz.
Die Essenz der abgegriffenen Bücher war sicher noch nicht ganz verschwunden aus der tonangebenden Tageszeitung und dem Staatsbürgerkunde-Unterricht, der ihm unweigerlich zufallen musste, doch zu trauen war alldem nicht mehr als stellenweise, zeitweise. Im Unterricht wollte es anders als aufdringlich gar nicht mehr gehen.
Nur in die Rolle des gestrengen Lehrers hatte er sich bislang nicht drängen lassen und die des strengen Vaters erst recht nicht. Aber bitte, wenn sie meinte, die liebe Mutti... Ein paar Worte von ihm sollten immerhin genügen bei einer so förmlichen Aufforderung ins Wohnzimmer zu kommen. Als er sie gerufen hatte, allerdings, war plötzlich so ein Beiklang gewesen, kein schöner. Der musste ihr alles gesagt haben. Wie sollte sie da auf ihn hören können, sich etwas von ihm sagen lassen.
Wie jedes Jahr war für die Prüfungen in den Hauptfächern die Turnhalle hergerichtet worden. Die Blümchen auf dem Tisch eines jeden Prüflings schufen einen weiteren Raum, einen ganz persönlichen. Egal wie man von zu Hause kam, mit guten Wünschen versehen oder nicht, mit einem Gefühl für all jene, die hier schon vorangegangen waren oder nicht. Es hob einen auf, hob vorübergehend nicht hierher Gehörendes auf.
Umso schlimmer dann der kleinere Rahmen. Wenn da einer eintritt, der zu Hause nicht mehr mit einem spricht, jetzt erst recht geladen, dann konnte man sich höchstens noch fragen, was dieses weiße Blatt da überhaupt wollte. Seine Blicke schienen von allen Seiten zu kommen und sich krümmen blieb vergeblich. Er ging ja auf und ab , Schritt für Schritt, durch die Reihen. Auch die Hände hatte er ganz kurz mal ausgestreckt - vielleicht aber eher abwehrend oder Halt suchend. So wie manchmal im Wald.
Als sie plötzlich wieder denken und schreiben konnte, fragte sie sich nicht weiter, ob das Echo der Axtschläge ihn nun wieder ereilt, deren Rhythmus von ihm Besitz ergriffen hatte. Zu ihr hin sah er wohl nicht mehr. Sie schrieb und schrieb - bloß um dann ein paar Wochen später weg zu sein. Die Kollegen in der Schule sollen damals in dem Jahrgang nichts besseres gefunden haben als gerade diese Seiten in extremis. Nur stillschweigend sollte er sich abwenden können von solchem Gerede. Auf der Zunge gelegen hatte ihm etwas von einer splittrigen Eins.

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