#1 Begegnungen- 2. "Der Gentleman" von Anna Friedemann 11.02.2017 19:53

Der Gentleman


Endlos wirkende, anonyme Krankenhausflure, weiß gekleidetes Personal. Ich erkundige mich nach der Zimmernummer und werde gefragt, ob ich eine Angehörige bin.
Nein, bin ich nicht- nur eine generationsübergreifende Freundschaft verbindet mich mit dem Patienten. Kurze Zeit später drücke ich vorsichtig die Klinke hinunter. Ich spüre eine gewisse Angespanntheit, da ich nicht weiß, was mich erwartet. Kurz vor Weihnachten habe ich ihn das letzte Mal gesehen- noch bei bester Gesundheit. Schließlich erkenne ich ihn im mittleren Bett. Ich ziehe mir einen Stuhl heran, greife nach seiner Hand und sage:" So geht das aber nicht, mein lieber schwäbischer Freund!" Ein Lächeln huscht über sein Gesicht und ich ahne die Andeutung eines Kopfschüttelns.
Advent 6 Wochen zuvor.
Herr B. sitzt mir gegenüber in seiner Wohnung. Mehrmals steht er auf, holt uns mit unsicheren Schritten etwas zum Trinken und bietet mir Gebäck auf einem kleinen Tellerchen an. Mein Blick fällt wiederholt auf ein gemaltes Bild der Seufzerbrücke in Venedig. Die Seufzerbrücke- welch Name für diesen besonderen Weg eines Gefangenen, der trauernd einen letzten Blick in die Freiheit werfen darf. Die Verurteilten führte man vom Dogenpalast direkt hinüber in das Gefängnis oder zur Exekution. Während einer Reise sah ich selbst von der Brücke hinaus und fühlte mich hinein genommen in die Geschichte Venedigs.
Endlich kommt Herr B zur Ruhe und setzt sich mir gegenüber hin.
Vor einigen Monaten entstand in mir die Idee, Herrn B so etwas Ähnlichem wie einem Interview zu unterziehen. Seit ich ihn kennenlernte, fügte sich Stück für Stück seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte zusammen und meine Neugierde ist geweckt. Herr B ist ein bescheidener "Endachziger", ein Gentleman durch und durch, ein Mann der " alten Schule" . Als ich ihm das erste Mal von meiner Idee berichte, sein Leben zu dokumentieren, sträubt er sich innerlich. Zu unbedeutend erscheint ihm das Erlebte. Doch der Gedanke lässt mich nicht los und " steter Tropfen hölt den Stein".
Ich stelle mein Diktiergerät ein, lege es auf den Tisch. Allmählich beginnt er zu erzählen, sein Blick schweift ab in die Vergangenheit.
Herr B ist das Älteste von sieben Kindern und wächst in einem Ortsteil von Stuttgart auf. Da es wenig Platz und Zeit gibt in diesem großen Haushalt, siedelt er für zwei Jahre, zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr zu seinen Großeltern um, die im selben Ort wohnen. Auch wenn Herr B bis heute ein etwas gespaltenes Verhältnis zum Christentum äußert, seine tiefgläubige Großmutter mit ihrer ruhigen und geduldigen Art, von der er nie ein böses Wort hört, bewundert er. Sie verlangt ihm Respekt ab und von ihr lernt er alles Wichtige, so sagt er, wie Ausmalen, Schuhe zubinden und vor allem Harmoniumspielen. Beiläufig erfahre ich, dass er in diesen jungen Jahren bereits die berühmte " Matthäus- Passion" von J.S. Bach vollständig beherrscht. Die Großmutter ist eine weise Frau, die erkennt, dass ihr hochbegabter Enkel ein Freigeist ist. Druck jeglicher Art ruft bei ihm Widerstand hervor. Aus diesem Grund gibt sie ihm immer mehrere Entscheidungsmöglichkeiten und so fühlt er sich nicht gegängelt oder bevormundet.
Die gelebte Frömmigkeit der Großmutter fasziniert und prägt ihn. Sie ist mehr Bezugsperson als sonst jemand in der Familie. Trotzdem begeistert er sich zunehmend für die " Gegenseite", so sagt er. Nach dem " Jungvolk besucht er die " Hitlerjugend", in der sie Geländespiele und mitreißende Marschlieder, wie "Es kommt die Zeit der jungen Soldaten" und " Es zittern die morschen Knochen" kennenlernen, die er bis heute in- und auswendig kann. Die Propaganda und die spürbare Kameradschaft lassen auch ihn nicht unberührt.
Irgendwann fährt der bekannte Rudolf Hess, der sogenannte " Stellvertreter Hitlers" und Leiter der NSDAP im offenen Wagen und im Schritttempo durch den Heimatort von Herrn B. . Alle Kinder stürmen begeistert aus der Schule auf die Straße und rennen neben dem schwarzen Sechssitzer her. Der kleine Joachim ergattert einen besonderen Platz. Er schwingt sich hinten auf das Auto, hält sich an der Seite fest und fährt so durch Zuffenhausen. Die mitfahrenden Nationalsozialisten wollen ihn vertreiben, doch Rudolf Hess sagt nur:" Ach, lasst ihn doch!" Durch diese Geste ergreift Herr B. bis heute Partei für diesen Nationalsozialisten, der seiner Meinung nach, der Zahmste" von Hitlers Handlangern war.
Jeden Abend fliegt ein Kunstflieger durch Zuffenhausen, unter den Gaslaternen entlang, was in dem jungen Joachim B. den Traum vom Fliegen weckt. Die Faszination und Begeisterung für das Fliegen sind der Motivator für seine Meldung mit 16 Jahren zum Kriegsdienst. Sein Vater, der selbst im ersten Weltkrieg diente, gibt ihm folgende Worte mit auf den Weg:" Wenn wir verlieren, kräht kein Hahn mehr nach dir!" Mit jugendlichem Enthusiasmus antwortet er:" Wir verlieren nicht!" Nichts kann ihn aufhalten, auch nicht die Ängste und Tränen der Mutter, auf dem Weg nach Landau an der Isar, wo er sich zum Piloten ausbilden lassen möchte.
In den ersten Wochen erfolgt seine Ausbildung zum Luftwaffen- Helfer. Er wird nun regelmäßig nachts aus dem Schlaf gerissen, lernt, dass das Gewehr 45 Grad nach unten zu tragen ist und wird im Nahkampf ausgebildet. Sie üben an einer Strohpuppe das effektivste Töten eines Menschen. Dieses erreicht man; indem das Messer in den Bauch gerammt , 90 Grad nach rechts gedreht und anschließend heraus gezogen wird. Der imaginäre Feind ist allgegenwärtig. Ziemlich schnell merkt er, dass die Realität nicht romantisch verklärt aussieht und Gasmasken- Tragen im Sommer körperlich anstrengend ist . Sie werden in Stuttgart, auf dem Dach der Bosch- Werke stationiert. Dort treffen sie auf blonde, blutjunge, russische Gefangene, die Munition heranschaffen müssen. Als die Bosch- Werke bombardiert werden, machen sich diese Russen schnellstens aus dem Staub, denn als Kanonenfutter sind sie sich zu schade. Als " Andenken" hinterlassen sie Wanzen.
Kurz nach seiner freiwilligen Meldung zum Kriegsdienst fahren sie mit dem Zug nach Frankreich. Nachts um halb eins passieren sie seinen Heimatort und aus der Ferne sieht er den vertrauten Kirchturm von Zuffenhausen. Ich frage mich, ob dieser Anblick bei ihm Heimweh nach zu Hause oder Sehnsucht nach seiner abrupt abgebrochenen Kindheit auslöst und
für einen winzigen Moment wandern meine Gedanken in die Gegenwart , zu meiner 16jährigen Tochter, die so viel Fröhlichkeit und kindliche Begeisterungsfähigkeit ausstrahlt. Mir wird flau, wenn ich mir den ebenfalls 16jährigen Joachim B vorstelle.
Sie fahren weiter Richtung Frankreich. Die Gleise sind von der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung, gesprengt, so dass sie zeitweise festsitzen und ihr Hunger unerträglich wird. Aus diesem Grund gibt es kein Halten, als sie herrliche Mirabellenbäume sichten und schlagen sich die Bäuche voll. Diesen verbotenen Mundraub müssen sie aber mit stundenlangem Strammstehen bitterlich bezahlen. Irgendwann landen sie in Pommerie, in der Champagne. Nur dort gibt es echten Champagner, den sie für nur 5 Reichspfennig pro Glas erwerben können, was billiger als Wasser ist. Dies nutzen die jungen Soldaten aus und Herr B sagt schmunzelnd, dass sie fast einen Zustand von " Dauerhigh" erleben.
Manche Dinge vergisst man nie, den ersten Schultag, die erste Liebe, den ersten Kuss aber auch traurige Erlebnisse, Bilder, die uns nicht loslassen und sich auf unserer Netzhaut eingebrannt haben. Bei Herrn B ist es die erste Begegnung mit dem Tod. Leise schleichen die jungen Soldaten durch den Wald in Frankreich, im Nirgendwo. Sein Kamerad rammt ihm aufgeregt seinen Ellenbogen in die Seite und macht ihn aufmerksam auf einen " echten " Toten, der am Wegrand liegt. In dem jungen Joachim löst dieser Anblick widersprüchliche Gefühle aus. Einerseits erscheint ihm die Situation unheimlich und nebelhaft, andererseits erwacht in ihm so etwas wie stolz: " Jetzt bin ich wirklich an der Front!"
Einige Zeit später landen sie in Reims, einer Stadt im Nordosten Frankreichs. Hier werden sie zum Särgetragen abkommandiert. Die unbekannten Kameraden liegen schon zwei bis drei Tage in den Kasernen, befreit von Schmuck, Fotos und persönlichen Gegenständen, die an ein Menschenleben erinnern. Der 16jährige Joachim ist überrascht von dem Gewicht der Särge, die sie auf umgebaute LKW' s laden. Gerüche von Tod und Verwesung umgeben ihn. Ob er sich seine Karriere zum Piloten so vorgestellt hat?
Advent 2014. Ich stelle das Diktiergerät aus, denn ich spüre, dass ihn die 1,5 stündige Reise in die Vergangenheit erschöpft hat. Wir reden noch kurz über seinen Gesundheitszustand, streifen verschiedene andere Themen. Zwischendurch erheitert er mich immer wieder mit einem netten Kompliment. Spaßeshalber sage ich, dass ich an deprimierenden Tagen, an denen alles misslingt und ich Kritik ausgesetzt bin, nur ihn besuchen muss, da er es versteht, auf galante Art und Weise, das Selbstbewusstsein einer Frau zu heben. An diesem Tag ahne ich nicht, dass es das letzte Mal sein wird, an dem ich ein richtiges Gespräch mit ihm führen kann. So viele Dinge seines Lebens werde ich voraussichtlich nicht mehr erfahren- was es mit dem goldenen Ring an seinem Finger und der Gravur " Rachel" auf sich hat, nach der auch seine Tochter benannt wurde, wie es dazu kam, dass er bei der Raumfahrtsbehörde arbeitete und er an Festivitäten der Reichen und Prominenten Deutschlands teilnahm, unter welchen Umständen er für die Russen als Übersetzer fungierte und ob er ahnte, dass er eines Tages 16 Sprachen fließend beherrschen würde. Außerdem werde ich leider nicht mehr die Geschichte hören, wie er seine große Liebe "Yola" kennenlernte.
Traurigkeit steigt in mir auf, wenn ich an all die unerzählten Geschichten denke. Vielleicht ist Herr B, der inzwischen in der Nähe seiner noch lebenden Geschwister in Tübingen wohnt, aber auch froh darüber, dass ihn " Frau Friedemann" nicht mehr mit Fragen löchert und manche Erlebnisse ein Geheimnis bleiben werden- ganz gentlemanlike eben.

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