#1 Kinder- Dorf- Momente// "Sitten und Bräuche" von Anna Friedemann 19.02.2017 12:48

Sitten und Bräuche


Ich stehe auf der Bühne unserer Gaststätte dem Weihnachtsmann gegenüber. Er redet freundlich auf mich ein, hinter einer komischen Plastikmaske. Die Stimme kommt mir vage bekannt vor und dennoch beschleicht mich Angst. Das Publikum prustet los und biegt sich vor Lachen.  Plötzlich steigen  Tränen  in mir auf. Ich kann sie nicht länger unterdrücken. Ich hasse das, wenn ich ausgelacht werde.

Viele Jahre später verstehe ich die Ironie dieser Situation. Der eigene Vater mimt den Weihnachtsmann und die Tochter weint vor Angst bei seinem Anblick. Dabei war es sicher auch die ungewohnte Aufmerksamkeit, die mir auf der Bühne zu Teil wurde, als das Publikum seine Augen auf mich richtete.
In meiner Kindheit fand  jedes Jahr in der Adventszeit dieses besondere Highlight  in Naundorf statt. Grundsätzlich liebte ich dieses Fest, die Spannung, die mit Händen zu greifen war.
Gasthaus Müller erstrahlte zu diesem Anlass  im Kerzenschein. Ein Weihnachtsbaum stand rechts neben der Bühne und verströmte eine  heimelige, knisternde Atmosphäre. Groß und Klein pilgerte zu diesem Event, der  jährlichen Weihnachtsfeier der Dorfgemeinschaft. Kinder rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Wir alle erwarteten das Kommen des   Weihnachtsmannes mit Rute und Körben voller Geschenken.  Diese wurden alljährlich  ausschließlich durch das Rezitieren von  Gedichten oder das Vortragen von Liedern feierlich überreicht.
Als Auftakt führten die bereits älteren Dorfkinder ein Märchen auf. So im Rampenlicht zu stehen war  nie meine Leidenschaft. Meistens ließ ich mir  kleine Rollen zuteilen, um dem zu entgehen. In einem Jahr spielte ich bei der "Weihnachtsgans Auguste" den Onkel Eduard. Dieser musste nur einen Satz sagen und selbst der fiel mir vor lauter Aufregung nicht mehr ein. Diese Theateraufführungen kosteten allen Beteiligten viel Zeit, Kraft und der Spielleiterin den letzten Nerv.  Doch jedes Mal sprang die Begeisterung der Jungdarsteller  auf das Publikum über, verlieh dieses gemeinsame, sicher unvollkommene Spiel, dem Abend etwas Feierliches. Zwischendurch stimmten die Zuschauer Weihnachtslieder an und
irgendwann ertönte   dann das  laute, etwas gefürchtete  Klopfen an der Kneipentür.

Manche Kinder zuckten ängstlich zusammen, denn der Weihnachtsmann wirkte nicht  wie heutzutage in amerikanischen Weihnachtsfilmen  sanft und väterlich,  sondern durch das Tragen einer starren , rotbackigen Plastik- Maske,  eher gefühllos und furchteinflößend. In unserem Dorf wechselten  sich die  männlichen Bewohner ab beim Darstellen des Weihnachtsmannes. Für  seine Rolle    wurde er mit dickem Pelzmantel und Filzstiefeln ausstaffiert.   Jeder kannte jeden  in so einem winzigen Örtchen, deshalb musste  der jeweilige Weihnachtsmann- Beauftragte,  aus Schutz vor Wiedererkennung natürlich  diese kalte Maske tragen. In dem Moment, wo er den Saal betrat, herrschte atemlose Stille  unter den Zuschauern. Der Weihnachtsmann schritt respektvoll an den Stuhlreihen vorbei, betrat die Stufen zur Bühne, wo er erst einmal kräftig mit der Rute wedelte. Dann las jemand die Namen auf den Geschenk- Päckchen vor, die in Wäschekörben gestapelt lagen. Ich erinnere mich noch genau an die freudige und zugleich etwas ängstliche  Erwartung, das Kribbeln im Bauch-  nur allein durch den herrlichen, verheißungsvollen Anblick auf den  randvollen Wäschekorb. Dann  spurteten die Kinder nacheinander  auf die Bühne und beeilten  sich, da sie sich danach sehnten, möglichst bald die   Überraschung in den Händen halten zu dürfen. Doch bevor es dazu kam, erkundigte sich der Dorf- Weihnachtsmann  grimmig, brummelnd  nach dem Artigkeitsgrad der Kinder. Anschließend hüpften die Kinder fröhlich und erleichtert  von der Bühne hinunter und  flitzten mit den an ihren Körpern gepressten  Geschenken zu ihren Stühlen.

Besonderes Gelächter machte sich breit, wenn für unsere Bürgermeisterin ebenfalls ein Päckchen beschriftet im Korb lag und auch sie genötigt wurde,  ein Gedicht aufzusagen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles deutlich vor mir- die erwartungsvollen Gesichter, die strahlenden Kinderaugen,  die Aufregung hinter der Bühne, spüre die vibrierenden Holzdielen unter meinen Füßen.
Wann verlieren wir eigentlich auf dem Weg ins Erwachsenenleben diese alles umfassende Weihnachts- Vorfreude?  Wann wechselt unser Empfinden, dass die Tage und Stunden bis Heiligabend nur so dahin kriechen in das Gefühl des Gehetzt- und Getrieben- Seins, dass die Zeit bis Weihnachten stets zu kurz scheint?

Wohl jede Region pflegt irgendwelche Bräuche, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Ein solcher Brauch war " Patenhucke" in Naundorf. Am Ostersonntag und am 1. Januar besuchten wir Kinder  unsere Paten. Für die traditionelle Patenhucke musste ich große Baumwollservietten mitnehmen. Ich besuchte so ausgerüstet meine gesamten Paten, die diese Servietten mit Süßigkeiten und kleinen Überraschungen füllten und daraus ein Bündel schnürten. Diese Tage waren  für mich besonders ergiebig, da meine Eltern sage und schreibe zehn Paten an meine Seite gestellt hatten. Auch wenn nicht alle in Naundorf wohnten, so lebten dort genug, um eine Waschschüssel mit kleinen Schätzen zu füllen, die ich immer wieder voller Stolz und Freude betrachtete.

Ein tierisches Highlight wurde in den Achtziger Jahren  eingeführt. Regelmäßig  zum ersten Mai rücken bis zum heutigen Tag, Bauern aus Nah und Fern  an- aber nicht allein. Nein, mit Federvieh. Der Legende nach,  importierte mein Vater diese Idee,  aus Thüringen. Wo und wie genau, darüber sind sich meine Eltern nicht einig.
Zu diesem Anlass bringt jeder Bauer seinen krähenden Liebling in einem Käfig mit. Vor jeden Käfig postiert die Jury ein Kind mit Zettel. Nun zählt und notiert jedes Kind die " Kräher" . Nach einer Stunde steht der Gewinner fest- der Hahn mit den meisten Kikeriki- Rufen wird gekürt. Heinz Lehmann schickte zu dieser schwierigen Herausforderung  seinen Zwerg- Hahn einmal  nicht allein ins Rennen.  Sein Hahn sollte sich geliebt und geborgen fühlen.  Deshalb begleitete seine Zwerg- Henne ihn- mit dem Ergebnis, dass sein Liebling eine Stunde lang schwieg. Mein Vater verglich dieses Schweigen mit den Männern des Ortes, die sich im Gasthaus Müller, bei Anwesenheit ihrer Ehefrauen, ebenfalls in Schweigen hüllten.

Jedes Jahr Pfingsten fand  ein Pfingstkonzert mit Biergarten und Musikern statt, die auf Blechblasinstrumenten volkstümliche Musik zum Besten gaben. Bei herrlichem Sonnenschein genossen nicht nur unsere Dorfbewohner das " Ernst- Mosch- ähnliche" Highlight. Ich als Kind genoss diese Tage weniger, da zu viel Alkohol  floss und ich die meisten Erwachsenen kaum wiedererkannte. Zu diesen Pfingstkonzerten wurde der Grundstein dafür gelegt, dass ich jahrelang eine Abneigung gegen Blechblasinstrumente hegte. In meiner kindlichen Seele verknüpfte ich Alkohol mit Blechblasmusik.

Jahr um Jahr wiederholten sich diese Dorf- Events und gaben mir eine gewisse Sicherheit-  ähnlich einem Kindheitsritual. Wie das Winken meiner Mutter beim Abschied, wenn ich zum Schulbus ging,  der Gute- Nacht- Kuss auf meine Stirn, das Vorlesen vor dem Schlafengehen oder wenn mein Vater uns von  der Bettdecke rollte, hüllten mich diese Feste und Traditionen ein in ein Gefühl der Dazugehörigkeit und Geborgenheit.

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