#1 Toni und Weihnachten von tastifix 23.02.2017 14:34

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Es würde das erste Weihnachtsfest sein, das Toni(23 Monate alt) bewusst miterlebte und wir waren alle sehr gespannt.
„Was das wohl geben wird … ?“
Zunächst gab es noch gar nichts bis auf den Anruf meiner Tochter, Toni sei schwer erkältet.
„Die Arme! Hoffentlich ist dann nicht alles zu viel für sie!“
„Ach, das klappt!“
„Hm! Solange die Kerzen brennen, sitzt sie aber entweder im Hochstuhl oder wir halten sie fest. Ist mir sonst viel zu gefährlich!“
„Das schaffen wir schon!“, war die Antwort.
Mit Argusaugen und -ohren hielten wir denn Haustür sowie Schelle unter Aufsicht. Gegen 15 Uhr wollten sie eigentlich da sein …
„Vielleicht ist irgendwo ´nen Stau!“
Endlich, fast zwanzig Minuten später als verabredet, standen sie vor der Tür. In ein schickes Trägerkleid gewandet, darüber eine dicke Winterjacke trippelte uns ein blasses Tonilein entgegen, das erst nach mehrmaliger Aufforderung ihrer Mama, doch ´Hallo` zu sagen, dem nachkam. Man sah ihr an, dass sie sich nicht wohl fühlte und sie tat mir in der Seele leid.
„Nachher ist sie abgelenkt!“, beruhigte ich mich.
Auf ´Nachher` brauchte ich gar nicht zu warten. Toni sah die gedeckte Kaffeetafel mit Kuchen und Plätzchen und nahm gnädiger Miene zwischen Tante Drei und deren Verlobtem auf der Eckbank Platz. Von dann an konnte sie den Nachmittag rundherum genießen. Kammerzofe Tina und Kammerdiener Patrick putzten auf Befehl ´Nase putzen` Näschen und ´da Krümel` den selbigen von der Kleinkinderwange. Toni hatte sie, wie man daran sieht, bereits bestens erzogen.
So umsorgt zu werden, gibt frischen Lebensmut zurück, sie taute auf. Dort stand ja so fein nah das Schüsselchen mit den von mir für sie gebackenen Butterplätzchen. Toni wollte es unbedingt würdigen und streckte die Hand danach aus.
„Toni: Nein! Wie heißt das?“
Hm, hatte Toni wohl vergessen und ließ ihr armes, vielleicht auch in Mitleidenschaft gezogenes Gedächtnis in Ruhe. Nein, das durfte sie jetzt dann nicht in Anspruch nehmen. Es war doch auch krank. Stattdessen machte sie Babyschüppchen und schmollte uns was vor.
„Du brauchst nur ´bitte` zu sagen, Toni. Dann bekommst du doch eines!“
Unsere Kleine bestand weiterhin darauf, dass dies an jenem Tag und obendrein wegen ihres maladen Zustandes eine Anmaßung sondergleichen wäre und schmollte weiter. Als die Plätzchen aber dennoch nicht näher rückten, packte sie die Wut und sie langte rigoros hin - mit dem Arm quer über den Tisch. Prompt wanderte das Schüsselchen auf dessen entgegengesetzte Ende zu.
„Wenn Toni nicht bald … , dann klirrt es!“
Selbst ihr schien es mulmig zu werden, allerdings aus einem etwas anderen Grund. Was wäre, wenn die Plätzchen gleich ganz verschwinden würden?
Nee, das war ihr zu riskant und urplötzlich brachte sie etwas über die Lippen, was wir mit viel des guten Willens und einiger Fantasie als „bitte“ deuteten. Sofort machte das Schüsselchen kehrt und stellte sich in Greifnähe vor Toni hin, die dann zufrieden vor sich hin mümmelte.
So allmählich wurde es dämmrig und wir hoben die Kaffeetafel auf.
Die Bescherung stand an. Dies stellte uns vor eine neue Herausforderung: Die Kleine musste abgelenkt werden. Ich schnappte mir also meine Enkelin, stieg mit ihr an der Hand, von Tante Drei gefolgt, in die Jugendetage und holte fix eine Puppe herbei. Toni hatte sie gerade freudig in Empfang genommen, da bimmelte bereits von unten das Glöckchen. Also Püppchen wieder ins Puppenbett und wir zurück nach unten. Toni und ich erneut Hand in Hand und ihre Tante als zusätzliche Treppen-runterfall-Absicherung hinter, vor und neben der Kleinen her. Inzwischen war der klar, dass sie irgendwas Tolles erwartete und wenn Toni aufgeregt ist, bringt nichts sie mehr zum Schweigen, zumal meine Tochter ihr etwas zuflüsterte. Daraufhin trompetete sie in Lautstärke Hundert:
“Wir kommen gleich. Wir sind gleich dahaah!!`
Deshalb also grinste meine Tochter dermaßen.
Im Wohnzimmer hinter der breiten Flügeltür wurde es echt spannend. Sämtliche Geschenke, die Toni nicht sofort entdecken sollte, lagen unter weißen Tüchern versteckt. Die schienen Toni viel mehr zu interessieren als der Tannenbaum mit all den Kerzen und Kugeln. Trotzdem noch nahm ich sie sicherheitshalber zur Seite:
„Du Toni: Du weißt ja, Frühstückseier sind heiß. Du, die Kerzen hier, die sind ganz, ganz heiß. Nicht dran gehen!“
Das hätte ich mir sparen können. Sie widmete sich nämlich ausschließlich dem Vergnügen, immer haarscharf am Tuchrand entlang zu trippeln.
„Ein falscher Schritt und eine der Gaben ist platt!“
Aber Tonis Schutzengel, ein recht tüchtiger obendrein, der vor allem am Heiligabend bemüht ist, ja sämtliche möglichen Katastrophen zu verhindern, passte auf. Ihm gebührt ein großes Lob. Wie schaffte er es bloß, wie nur? Weder trampelte Toni auf den Tüchern herum noch irgendein Geschenk darunter platt. Alle blieben unbeschadet.
Zu Weihnachten und erst recht vor dem Tannenbaum geziemt es sich, zu singen. Tonis Papa stimmte also ´O Tannenbaum` an und hoffte auf inbrünstige Unterstützung seines Töchterchens, dass zwecks Sicherheitsverwahrung auf einem Schoss gelandet war.
„O Tannenb. ...“
Es vermochte Toni nicht vom Hocker zu reißen. Sie schwieg sich aus und starrte auf die Tücher.
„Wenn schon nicht ´O Tannenbaum`, dann eben soo … !`, sagte ich mir und nach kurzer Absprache wichen wir auf ´Häschen in der Grube` aus.
War ja auch ein Lied. Das gefiel Toni:
„Häääschen … Grube … sliieef …!“
Zusehends munterer sang sie mit. Deshalb wagten wir einen zweiten Versuch:
„O Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!“
Blätter kannte Toni und weil sie inzwischen richtig guter Laune war, schmetterte sie mit:
„Blättaaaaar! … Sommaaah!!“
Nun durften wir uns guten Gewissens der Bescherung widmen. Die Arktislandschaft wurde gelüftet und es zeigten sich viele kleine sowie größere bunte Berge und dazwischen Minitäler. Die Berge waren die Geschenke und die Täler die recht schmalen Lücken dazwischen. Toni verteilte alles begeistert und riss mit noch größerer Begeisterung an dem Papier herum. Bis sämtliche Gaben verteilt und gegenseitig bestaunt worden war, dauerte es eine ganze Weile und bei unserer Kleinen zeigten sich die ersten Müdigkeitsanzeichen.
´Kein Wunder nach der ganzen Aufregung!`
Aber es war Weihnachten und es wäre eine beinahe unentschuldbare Grausamkeit gewesen, sie ins Bett zu verbannen und so etwas machen liebe Omi-, Tanten-Zofen und Opi- und Onkel-Kammerdiener nicht. Stattdessen nahm Toni im Hochstuhl Platz diagonal ihrem Papa gegenüber. Es gab Sauerbraten mit Spätzle und viel Soße. Allen schmeckte es. Unsere inzwischen total überreizte Kleine Kleine wurde ständig grantiger und kommandierte ihre Dienerschaft nach Kräften herum:
„Pädpack (Patrick). Baby holen!“
Klar, dass Puppe Baby innerhalb einer Sekunde da war.
„Bööötchen!“
Sofort drückte ihr jemand ein Brötchen in die Hand, mit dem sie aber nur herum spielte. Danach:
„Keks!“
„Nudel!“
Doch dann wollte sie die denn doch wieder nicht. Wir versuchten zuzureden, zu trösten usw. … Nichts half. Und weil nichts mehr half, steigerte sich Toni immer mehr hinein. Sie, die ansonsten so liebevolle Puppenmami, ließ den ganzen Frust an ihrem unschuldigen Baby aus. Erst hielt sie es nur hoch in die Luft, dann holte sie aus und knallte Babys Kopf auf die Tischplatte, wieder und wieder und mit ständig größerem Schwung.
´Armes Baby! Hoffentlich gibt des keinen Schädelbasisbruch!`
„Aber Toni!!“
„Antonia!! “, rügte der strenge Herr Papa vergeblich.
Toni reichte es nun endgültig und mit voller Wucht knallte sie Baby ihrem Papa auf dessen Teller in die Sauerbratensoße. Keine Sorge: Puppenkinder sind hart im Nehmen. So auch Baby. Im Gegenteil: Irgendwie hatte ich das Gefühl, ihm schien es tatsächlich zu gefallen. Jedenfalls unternahm es mindestens drei Tauchversuche ins bräunliche Vergnügen und seiner Mimik nach zu urteilen, wenn es wieder auftauchte, bedeutete es für des Kleine so gar keine Qual. Anders für Tonis Papa: Der schaute entgeistert auf Baby, fischte das tropfende Etwas mit zwei Fingern aus der Tunke raus, sah es zweifelnd an und starrte dann, noch fassungsloser, sein nun vor Vergnügen glucksendes und ihn anstrahlendes Töchterchen an.

Dabei war Baby noch sehr rücksichtsvoll gewesen und die Soße hatte Papas elegantes Oberhemd doch tatsächlich verschont …
Ich lache noch heute Tränen, wenn ich daran zurückdenke.

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