#1 Im Schleudergang von Emiti 22.09.2017 13:17

Die Architekten dieser Wohnanlage aus den Jahren von Leon Blum müssen sich viele Gedanken gemacht haben zur Gestaltung insgesamt. Neben großzügigen Innenhöfen hatten sie auch Straßen angelegt, die so keine waren, denn nach den Eingängen zwei und vier rechterhand, das gleiche nochmal gegenüber ohne Eingang und dasselbe dann noch quergestellt. Ein Stück weiter die Straße mit dem Namen Paul Bert, der sich hier wiederholte als Square Paul Bert. Ringsherum der Bürgersteig, das innere Viereck mit aufgeschüttetem groben, gelben Kies; davor Stahlpfosten mit gespannter Kette.
Unten an jeder Ecke Raum für Geschäfte. In dem einen Papierwaren, Zeitungen, Krimskram und Bonbons, noch einzeln verkauft. Die Kinder aus der Schule gegenüber fanden hier über Jahrzehnte hinweg ihr kleines tägliches Glück. Die ältere Frau da drin, immer noch rüstig, kümmert sich auch ein bisschen um die Wäscherei gegenüber. Zu früher oder später Stunde bietet sich denen, die da hinein oder vorbei müssen ein einsamer hell erleuchteter Fleck im Großstadtgetriebe.
Eher vielleicht doch nur großstädtisches Getriebe, hier in einer dieser Vorstädte der Banlieue parisienne. An einem Wort wie -Bannmeile- mag sich schon mancher gestoßen haben, an der christlichen Kultur nicht minder. Dass dann aber auch noch welche auf einen zukommen, die als solche das Paradies gepachtet haben und außerhalb nur selbstzerfleischte Wangen sehen... Und was die trinken werden... Zuletzt.
Da fehlte nur noch die Gluthitze, die durch die breite Glasfront der Wäscherei ungehindert hereindrängen kann.
Belegt sind alle Maschinen. Wer warten muss, greift zu einer Illustrierten und kümmert sich nicht um das Ganze. Erst recht nicht um einen, der in Latschen und Hauskleidung hereinschlurft - zum wiederholten Male. Konnte er denn die Zeit nicht richtig abschätzen? Stattdessen fängt er an, ein paar Sprüche loszulassen, und immer hat er es da mit vier Minuten. Die eine Frau, die das mit angesehen hatte, steht dann doch mal auf, um es sich zeigen zu lassen. Jedes Mal, wenn er reinkam - noch vier Minuten.
Schlau wird sie daraus auch nicht, aber als er anfängt, von seiner Mutter zu erzählen, kommt ein bisschen Leben in die Sache. Fünfundzwanzig Jahre lang hatte die eine solche Maschine gehabt, sie gehegt und gepflegt. Kein loser Knopf, kein Geldstück wäre da aus Unachtsamkeit mit hineingekommen - in die Miele.
Ausgesprochen wird der Markenname hier allerdings mi-el, was soviel wie Honig bedeutet. Eine Vorstellung, die eigenartig gewirkt haben dürfte. Ein junger Mensch, der sie übernimmt, klebte vielleicht sogar daran.
Ganz spontan legt die Frau einen Finger auf das auslautende -e- an einer dieser Maschinen. Sie stehen jetzt nicht mehr vor seiner, sondern mehr im Raum und einander echt gegenüber. Sie vielleicht vorteilhafter in Absatzschuhen, Jeans und locker sitzendem Pull, altersmäßig eher im Nachteil.
Mit diesem -e- geht das also nicht, findet sie, und ganz langsam, jeden Buchstaben betonend, spricht sie Miele aus. Und im gleichen Augenblick hören beide heraus, dass für ihn daraus jetzt - mille- soviel wie tausend geworden ist. Ein toller Effekt.
Doch lange sollte der nicht anhalten, denn im gleichen Augenblick kommt auch die Maschine zum Stehen. Und nun ist die Bescherung da. Alles voller Wasser, nicht geschleudert, und eben noch hatte man diese Maschinen gelobt. Ohne wohl überhaupt weiter sehen oder denken zu können, zieht er die großen Badetücher heraus, wringt sie aus - bis er an die vollgesaugte Steppdckce gelangt und es langsam dämmert. Noch nicht ganz allerdings, denn jetzt wird erst mal über das Handy der Betreiber herbeigerufen. Es könnnte ja immer noch was anderes sein. Der wusste natürlich sofort Bescheid. Sehr zuvorkommend verfrachtet er alles in eine der ganz großen Maschinen und los gehts nochmal.
Die Frau steht auch noch irgendwie im Raum und mit Blick auf diese Wäsche, die dann wieder ins tägliche Leben eingehen wird, meint sie, ganz auf dieser irrationalen Schiene: Wird doppelt soalnge sauber bleiben. Und wieder kommt das an.
Hier braucht er aber nicht länger zu warten.
Noch ein Blick auf ihre Maschine. Zwanzig Minuten! Ha! Das werden bestimmt vierzig.
An der Tür schon, bleibt er wie angewurzelt stehen, bebt die Hand zum Mund und ruft halb umgewendet: Möchten Sie etwas trinken? Ist so heiß heute.
Nun schon im Gehen. Vielleicht klang es ja nach Anmache.
Oh, nein. Überhaupt nicht!
Es ist eine Möglichkeit. Eine gute.

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