#1 Unter der Schminke von schnoffi 24.10.2017 09:48

Er kam aus dem großen, bunten Zelt und nahm seine rote Kunststoffnase ab. Das verdammte Ding hinterließ jeden Abend juckende Druckstellen in seinem Gesicht. Außerdem bekam man damit kaum Luft. Aber das war es nicht, was Nils am meisten an seinem Job hasste. Es war die farbenfrohe Schminke, die in seinem Gesicht einen ekelhaften Hautausschlag verursachte. Dieser fühlte sich nicht nur unangenehm an, er sah auch widerlich aus, weshalb Nils sich am liebsten nur nach Einbruch der Dunkelheit aus seinem Wohnwagen traute. Denn man lachte über ihn. Immer und überall war er nur die Zirkusattraktion. In der Manege waren es hauptsächlich die Kinder, die ihn schallend auslachten und mit den Fingern auf ihn zeigten, während er Wasser oder auch Torte ins Gesicht bekam.

Er hasste Kinder. Aber noch viel mehr hasste er Erwachsene. Sie lachten eher selten in der Manege über ihn. Dafür blickten sie verächtlich und herablassend auf ihn hinunter – und das vor allem vor den Vorstellungen, wenn sie Nils zwischen den Wohnwagen sahen oder wenn er beim Aufbau des Zeltes half. Doch sie sahen nicht nur ihn so an. Alle Zirkusleute wurden so angesehen, allerdings schien Nils der Einzige zu sein, der es bemerkte. Der Einzige, der seinen Job jeden Tag mehr verabscheute.

Nils betrat seinen Wohnwagen, wo er sich sofort die Perücke vom Kopf zerrte und sie angewidert in eine Ecke warf. Dann war die ekelhafte Schminke dran. Brutal schrubbte er sie vom Gesicht, bis seine Haut gerötet und vernarbt zum Vorschein kam. Nils starrte sein Spiegelbild an. Wie hässlich er war. Wie abstoßend. Kein Wunder, dass keine Frau mit ihm ausgehen wollte. Er würde auch nicht mit sich ausgehen wollen, wenn er eine Frau wäre. Er würde nicht einmal mit sich reden wollen.

Wütend riss Nils sich das Kostüm vom Leib. Wie hatte seine Mutter ihm das nur antun können? Sie hatte ihn dazu gezwungen, ein Clown zu werden. Sie wollte ihren Sohn in der Manege sehen und Clown war das Einzige, wozu er taugte. Zum Jonglieren war er zu ungeschickt. Für einen Artisten, wie sie es war, war er zu groß und zu ungelenkig. Für einen Dompteur hatte er zu viel Angst vor Tieren. Also wurde er Clown – und er hatte Clowns schon als Kind gehasst. Seine Vorgänger und Lehrer waren allesamt perverse Säufer gewesen, die genau wie er in der Manege ihre lächerliche Show für die Zuschauer abzogen und sich danach in ihren Wohnwagen ihren erbärmlichen Leben ergaben.

Nils nahm einen großen Schluck aus einer Wodkaflasche, bevor er sich seine normale Straßenkleidung anzog. Doch sie fühlte sich ebenfalls wie ein Kostüm an. Er war nicht normal, würde es auch nie sein. Sein ganzes Leben lang war er nur der Zirkusfreak, der keine ordentliche Schulbildung genießen durfte. Der Loser. Die Lachnummer für jung und alt, die nie etwas mit einer Frau haben würde.

Aber Nils wollte keine Lachnummer mehr sein. Nie wieder verächtliche Blicke. Nie wieder Gelächter. Das musste aufhören.

Er hatte schon lange darüber nachgedacht, das Alles zu beenden... und heute Nacht sollte es soweit sein. Er wollte endlich wie ein jeder andere Mensch behandelt werden. Er wollte ein Leben, dass er selbst bestimmte. Nie wieder Verachtung und nie wieder Mitleid. „Oh, der arme, traurige Clown. Lebt nur, um andere zu Unterhalten.“

Falsch. Nils lebte nicht, um andere zu unterhalten, er unterhielt andere, um zu überleben. Es war bloßer Lebensunterhalt für ihn, keine Berufung. Ganz im Gegenteil. Es war eine lästige Notwendigkeit. Nichts weiter.

Er trank noch einen Schluck Wodka. Dann zog er sich die Kapuze seines grauen Sweaters über den Kopf. Er wollte nicht, dass ihn jemand sah und er wollte niemanden sehen, wenn er hinüber zur Tankstelle ging.

Lieblos zog Nils die Tür seines Wohnwagens hinter sich zu, auf dessen Seiten riesige Bilder von Clowns prangten. Er verabscheute die winzige, bunt bemalte Behausung. Sie war kalt, zugig und bei starkem Regen tropfte es durchs Dach. Es war ein Wunder, dass er nicht öfter krank war bei diesen miesen Lebensumständen.

Er schlich zwischen den Wohnwagen hindurch. Von einem Schatten huschte er in den nächsten. Nils versuchte sich zu verstecken. Verstecken vor den anderen, vor der Welt, vor sich selbst.

Wenn niemand ihn sah, verschwand er aus dieser bunten Scheinwelt. Er war einfach weg. Er war unsichtbar. Genau wie er für alle anderen Menschen immer unsichtbar war. Selbst wenn sie ihn mit verächtlichen Blicken bedachten, nahmen sie ihn nicht wirklich wahr. Sie sahen nur seine grässliche Hülle und selbst die hatten sie nach wenigen Augenblicken schon wieder vergessen. Es war, als würde er außerhalb der Manege nicht existieren. Niemand interessierte sich für ihn. Nicht einmal er selbst.

Das große Zirkuszelt stand vor ihm. Farbenfroh erstrahlte es im Licht der Scheinwerfer, die drumherum aufgestellt waren, damit man es von der Straße gut erkennen konnte. Doch von nahem sah man nicht nur die Verheißung einer fröhlichen Zirkusshow, die bunt und unterhaltsam zum Besuch einlud, sondern auch die geflickten Risse im Stoff. Abgewetzte Stellen. Ein ausgeblichenes Stoffdach. Mehr Schein als sein, zusammengehalten durch die Erinnerung an vergangene Zeiten, als das Zelt noch neu war und die Schausteller noch von ihren Einnahmen leben konnten. Aber wer ging heute noch in den Zirkus? Die Kinder saßen allesamt lieber vor dem Fernseher oder ihrem Computer. Zirkus war uninteressant. Und Erwachsene verirrten sich nur selten ohne ein paar kleine Quälgeister im Schlepptau in das heruntergekommene Zelt.

Auf dem Boden im zertrampelten Gras lagen Eintrittskartenschnipsel, leere Popcorntüten, Holzstäbe, an denen noch Reste von rosa Zuckerwatte klebten, und Zigarettenstummel, die achtlos weggeworfen worden waren.

Alles war dreckig und voller Müll - wie sein Leben. Nils grinste. Wie gut er doch eigentlich hierher passte, auch wenn er sich hier so fehl am Platz fühlte, wie man es nur sein konnte.

Er schlurfte durch den Abfall zur Straße, die übersät war von Schlaglöchern - ihr Belag war brüchig und abgenutzt, die Laternen kaputt und flackernd. Die perfekte Komposition einer heruntergekommenen Straßenzeilen.

Nils überquerte mit hochgezogenen Schultern und gesenktem Kopf die menschenleere Fahrbahn und erreichte die Tankstelle. Sie war verlassen bis auf einen roten Kombi, der an einer Zapfsäule stand und den jungen Mann hinter der Kasse, welcher bestimmt nie so angewidert angesehen wurde wie Nils. Er war attraktiv und sympathisch. Jeder musste ihn lieben. Frauen mussten auf ihn abfahren. Wahrscheinlich konnte er sich jede aussuchen, die er haben wollte.

Neid kochte in Nils hoch. Wäre er nur kein verdammter Clown, kein Zirkusfreak. Dann hätte er vielleicht auch so aussehen können. Gesunde Haut, frei von Narben, die von Ausschlag herrührten. Keine verklebten Haare, weil er nicht jeden Abend eine hässliche Clownsperücke tragen musste, die nach so vielen Vorstellungen nach Schweiß stank.

Während er sich im Tankstellenshop umsah, bezahlte die Fahrerin des Kombis ihre Tankfüllung. Eine hübsche, rothaarige Frau im olivgrünen Oberteil und engen Jeans, die mit ihren graugrünen Augen den attraktiven Kassierer anflirtete. Lächelnd sah sie ihn an, wobei sie mehrmals ihre Haare nach hinten strich oder ihm einen verführerischen Augenaufschlag schenkte.

Nie hatte das eine Frau bei Nils getan – nicht einmal ansatzweise. Egal, wie oft er auch versucht hatte, eine Frau dazu zu bringen.

Die junge Frau kehrte zu ihrem Wagen zurück, wobei der junge Mann hinter dem Tresen sie mit verträumten Blicken verfolgte.

Nils nahm eine Flasche vom billigsten Wodka, eine Schachtel Zigaretten und ein Dreierpack Feuerzeuge mit zur Kasse. Der junge Mann hinter dem Kassentresen lächelte Nils höflich an, auch wenn seine Augen verrieten, dass sein Lächeln für den Mann mit dem vernarbten Gesicht nicht echt war - anders als bei der Frau gerade. Außerdem verrieten seine Augen, dass der Mann im grauen Sweater, der sich unter seiner Kapuze versteckte, ihn anekelte, dass er ihm Angst einjagte. Er fand ihn unheimlich und wünschte sich, dass er schnell wieder verschwand und nicht zurückkehrte.

Wortlos reichte Nils dem Kassierer das Geld für die gekauften Dinge rüber und erfüllte dem jungen Mann seine Wünsche, indem er das Tankstellenhäuschen verließ. Draußen vor der Tür öffnete er sofort die Wodkaflasche, welche er auch gleich zur Hälfte leerte. Dann schlurfte er leicht angetrunken und schwankend wieder zurück zum Zirkuscamp, wo er sich vor dem Eingang des großen Zeltes eine Zigarette anzündete.

Jetzt war es soweit.

Nils rauchte genüsslich grinsend seine Zigarette zu Ende. Dann betrat er das große, bunte Zelt. In seinem Inneren war es stockdunkel. Die Scheinwerfer an den Stützmasten und um den Eingang der Schausteller zur Manege waren aus geschaltet. Außerdem roch es nach Sägemehl vermischt mit Pferdeäpfeln, dem süßlichen Geruch von Popcorn und Schweiß – eine widerliche Mischung.

Nachdem er seine Kapuze abgesetzt hatte, tastete Nils sich im Licht eines der frisch erworbenen Feuerzeuge in die Manege vor. Dort wandte er sich abermals seiner Wodkaflasche zu. Dieses Mal trank er jedoch weniger als zuvor, doch genug, damit er die Grenze zu „zu viel“ erreichte. Allerdings nicht so viel, dass er sie überschritt. Dann blickte Nils sich im leeren Zelt um. Er malte sich aus, dass die Bänke um ihn herum mit all jenen besetzt waren, die ihn in seinem Leben am meisten verletzt hatten. Seiner Mutter gab er einen Logenplatz in der ersten Reihe, denn sie hatte ihm dieses unerträgliche Leben aufgezwungen. Seine möglichen Väter platzierte er neben ihr. Es waren drei oder vier Stück, die in Frage kamen. Seine Mutter wusste aber nicht, welcher von ihnen sein Vater war. Es war ihr auch egal. Genau wie es den potenziellen Vätern egal war. Er war ihnen egal.

Bei einem möglichen Vater handelte es sich um irgendeinen Zuschauer, mit dem seine Mutter etwas nach einer Vorstellung gehabt hatte und dessen Namen sie nicht kannte. Die übrigen Kandidaten gehörten zu den Schaustellern, von denen sich allerdings nie jemand für Nils interessiert hatte, außer wenn sie ihm ihre unangenehmen Arbeiten aufhalsen konnten. „Schaff die Pferdeäpfel weg. Sammel den Müll auf. Wasch den Elefanten.“ Ihnen war es egal, dass er Angst vor dem großen, grauen Tier hatte. Hauptsache, sie mussten es nicht selbst tun.

Die Plätze neben seinen „Vätern“ reservierte Nils für alle Frauen oder zu dem betreffenden Zeitpunkt noch Mädchen, die ihn je abgewiesen oder ausgelacht hatten. Das kleine, blonde Mädchen, mit der er in der Grundschule für ein paar Wochen in einer Klasse war. Er hatte sie sehr gemocht und ihr einmal ein Sträusschen Gänseblümchen schenken wollen, aber das Mädchen hatte geschrien und war vor ihm weggelaufen, als er ihr lächelnd die Blumen überreichen wollte. „Ih! Der Ekeljunge“ oder etwas in der Art hatte sie gequiekt.

Dann war da noch eine Akrobatin mit dunklen Haaren. Sie war sechzehn gewesen und Nils achtzehn, als sie mit ihrer Familie zu seinem Zirkus dazu stieß. Er hatte sich sofort in das Mädchen verliebt, doch sie schien nur Angst vor ihm zu empfinden. Sie hatte einmal behauptet, es läge nicht an ihm. Sie hätte nur Angst vor Clowns im Allgemeinen. Angst vor Clowns? Und das als Schausteller? Das war doch einfach nur lächerlich. So lächerlich, dass Nils plötzlich lachen musste. Laut und schallend, wie sonst die Kinder in diesem Zelt über ihn lachten.

Vor allem war es lächerlich, weil sie später, als sie achtzehn war, mit einem der anderen Clowns durchgebrannt, weil sie blind vor Liebe war und weil er sie geschwängert hatte.

Dieses Mädchen war seine große Liebe gewesen, aber sie hatte ihn wie Luft behandelt. Ihn bewusst ignoriert und dadurch gedemütigt. Dabei hätte sie es so viel besser bei Nils gehabt. Er hätte sie auf Händen getragen. Ihr jeden Wunsch erfüllt, sofern es in seiner Macht gestanden hätte. Anders als der andere Clown. Er hatte sie schlagen und das, obwohl – oder gerade weil? – sie zu dem Zeitpunkt schon schwanger war. Nicht, dass es besser gewesen wäre, wenn sie nicht schwanger gewesen wäre. Er hätte sie überhaupt nicht schlagen dürfen.

Neben diesen beiden wichtigsten Mädchen in seinem Leben, saßen dort noch etliche weitere Schwärmereien, die ihm wehgetan hatten... und dann waren da noch Kinder, die ihn in der Schule gehänselt und ausgelacht hatten, und Erwachsene, die ihn behandelt hatten, als wäre er weniger wert als eine Küchenschabe.

Nils zündete sich eine Zigarette an und musterte langsam sein imaginäres Publikum. Alle starrten sie ihn an und lachten ihn aus. Einige zeigten auch mit dem Finger auf ihn, aber es machte ihm nichts aus. Denn er lachte auch. Er lachte, weil er mehr als sie wusste. Er war der, der zuletzt lachte.

Er zog ein letztes Mal an seiner Zigarette, bevor er sie halb geraucht auf die Sägespäne schnippte, die eine dicke Schicht auf dem Boden bildeten. Nach wenigen Augenblicken fingen sie von der Zugluft, die unter den Zeltwänden hindurch blies, an zu brennen.

Mit einem faszinierten Grinsen betrachtete Nils die kleinen Flammen, die sich rasch in der Manege ausbreiteten. Dann warf er noch einen letzten Blick auf seine imaginären Zuschauer. Blankes Entsetzen stand in ihre Gesichter geschrieben. Einige kreischten vor Angst, andere begannen zu weinen. Aber alle blieben sitzen. Nils ließ sie nicht aufstehen. Er ließ sie nicht fliehen. „Ihr kommt hier nicht raus. Ihr habt es nicht verdient. Keiner von euch. Denn ihr wisst nicht, wie man andere Menschen behandelt. Ihr habt keine Ahnung, was Respekt bedeutet. Darum bringe ich euch auch keinen entgegen.“ Dann lachte er wieder und verließ das Zelt, wobei er immer weiter lachte, während er sich die Schreie seiner verängstigten Zuschauer vorstellte.

Draußen nahm er grinsend ein Feuerzeug zur Hand und hielt es unten an eine Zeltplane. So schnell als wäre es mit Spiritus getränkt, ging das Zelt in Flammen auf. Es brannte bald lichterloh, sodass sich innerhalb von wenigen Minuten alle Schausteller um das Feuer versammelt hatten. Die meisten von ihnen waren wie paralysiert. Einige schrien vor Verzweiflung, andere versuchte vergeblich den Brand zu löschen. Doch sie hatten keine Chance.

Der Einzige, der im Durcheinander einen kühlen Kopf bewahrte, war der Zirkusdirektor, der die Feuerwehr anrief. Er war der Einzige, der bemerkt hatte, wie Nils zu seinem Wohnwagen getaumelt war, und auch diesen mit einem breiten Grinsen angezündet hatte, bevor er sich auf den Bürgersteig setzte, um von dort das aufgeregte Treiben zu beobachten.

Das war eine Zirkusshow! Diese Show würde er nie vergessen. Es war die erste, die ihm Spaß gemacht hatte, und die letzte, die er miterlebte.

Die Feuerwehr war schnell zur Stelle, aber nicht schnell genug, um das Zelt zu retten. Es brannte bis auf die Metallgestänge vollständig nieder. Auch von Nils Wohnwagen blieb nicht viel übrig. Die Feuerwehr konnte nur verhindern, dass die Flammen noch auf andere Wagen übersprangen.

Während die Jungs mit dem großen, roten Auto ihre Arbeit taten, näherte sich der Zirkusdirektor dem lachenden und applaudierenden Mann auf dem Bürgersteig. Er hockte sich neben ihn, doch Nils nahm keine Notiz von ihm. Der Zirkusdirektor war einer von denen, die als sein möglicher Vater zu Wahl standen – und er war nicht gerade der Kandidat, den Nils am wenigsten verabscheute. Ganz im Gegenteil. Er hatte ihn immer am miesesten behandelt. Er hatte ihn geschlagen und bis tief in die Nacht schuften lassen.

„Warst du das?“ fragte ihn der alte Mann, der gerade in Nils' Vorstellung mit dem Zelt verbrannt war. „Ja.“ Nils hielt seinen Blick auf die rauchenden Reste des Zeltes gerichtet. Sie hatten eine hypnotisierende Wirkung auf ihn. „Wieso? Wieso hast du das getan?“ Der Mann im grauen Sweater lachte nur.

„Wieso?! Weil sie es verdient haben – jeder einzelne von ihnen. Und weil du es verdient hast... Weil ich endlich frei sein wollte. Weil ich endlich leben wollte.“

Der Zirkusdirektor wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er verstand seinen Vielleicht-Sohn nicht. Kein Wort von dem, was er gesagt hatte. Aber das hatte Nils auch nicht erwartet. Niemand in diesem verfluchten Zirkus hatte ihn je verstanden. Niemand hatte ihn je wirklich gekannt. Niemand hatte je versucht, ihn zu verstehen oder kennen zu lernen. Er war ja auch nur ein blöder Clown.

Kurz nach der Feuerwehr war auch die Polizei eingetroffen, die zunächst die anderen Schausteller beruhigt hatte. Dann kam eine junge Polizistin zu Nils und dem alten Mann. „Sind Sie der Direktor? Haben Sie den Brand gemeldet?“ Der Zirkusdirektor erhob sich. „Ja, und er hat das Feuer gelegt.“ Er deutete auf den Mann im grauen Sweater, der grinsend auf dem Boden saß. „Stimmt das?“ Die junge Polizistin kniete sich vor Nils auf den Boden. Sie sah ihm ernst in die Augen und fragte ihn erneut: „Haben Sie die Feuer gelegt?“ Nickend flüsterte er ein leises „Ja“, wobei er den Blick nicht von den Augen der Polizistin abwandte. Er suchte nach Spuren von Verachtung und Ekel darin und entdeckte sie zur Genüge. Was für eine Genugtuung! Das bestätigte sein Weltbild einmal mehr.

„Dann müssen Sie wohl mit uns aufs Revier kommen. Da können Sie sich erst einmal ausnüchtern und dann werden wir Sie morgen vernehmen.“ Die Polizistin stand auf und zog den willenlosen Nils auf die Füße, um ihn abzuführen.

Es war ihm alles egal. Alles, was nun mit ihm passieren würde. Es würde auf jeden Fall besser sein, als sein Leben im Zirkus.

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