#1 Unter Berücksichtigung von Emiti 05.12.2017 12:57

Schwer vorstellbar, daß er auch sonst noch betete. Immer aber, wenn sie noch an der halboffenen Tür stand und die ersten Treppenstufen ihm den Weg zurück in seine Welt wiesen, legte er in höchster Anspannung die Hände zusammen zu diesen Worten, an denen nicht zu rütteln war. Drinnen, bei ihr, hatte beider Empfänglichkeit dankbar zurückgegriffen auf diverse Reize und Szenarien - das, was Tag und Stunde eben so beinhalteten. Sonst wäre da überhaupt nichts gewesen; und erst recht nicht die kurzzeitige tiefe Entspannung. Die trug er dann hierhin und dorthin; ganz besonders leidenschaftlich aber zu den Lottospielern, die auch nicht mit dem Einsatz geizten. Er zahlte gleich doppelt - für seine und ihre Sechs plus. Zu Martins Zeiten wäre da auch noch ein Bier dringewesen. Zu ihm wäre er hingegangen ohne zu beten; mit ihm wäre es für ihn alles gewesen. Er sehr britisch, sehr biblisch. Der andere sehr englisch, nordisch. Das Bistro ihr einziger Zufluchtsort. Nur ein ein bisschen über das Maß hinausgehend - mehr gab die Stellung nicht her. Die Versetzung Martins zu verhindern gab sie erst recht nicht her.
Irgendwann tauchte dann eine neue Mitarbeiterin auf. Einfach dahingesetzt, für nichts weiter zuständig, als den Glanz der Direktion und der allerbesten Pariser Kreise zu verströmen. Am Tresen reichte der auch für zwei. Doch! Ja! Er hätte schon hineingepasst in diese Welt. Als am 19. Dezember wieder mal genug Glanz verströmt worden war, und man sich zurückverfügte in das Centre D., machte die dort gerade angelaufene Weihnachtsfeier nicht gerade den besten Eindruck. Die Dekoration dürftig, das Büffet zusammengestoppelt aus Supermarkt und und Eigenmarke. Ein schüchterner Glanz an dem einen oder anderen.

Und nicht viel später als gewöhnlich, so gegen 20:35 Uhr, geht jeder seinen Weg nach Hause. Er holt in der langgestreckten Bahnhofshalle noch eine Kollegin ein - ohne lange zu überlegen. Man war wohl ein bisschen in Stimmung gekommen. Am hellichten Tage wäre keiner auch nur drei Schritte mit dem anderen gegangen. Jetzt findet sie nichts dabei, dass er sie zu einem Ausgang lost, da auch gleich eine dunkle Mauer in Sicht kommt. An der wird sie stehen, als die Stöße kommen. Machtvolle, wie durch ihn hindurchgehende; als kämen sie direkt aus seinem Leib und auf gleicher Höhe in den ihren. Unangetastet werden sie ihren Weg fortsetzen, den gleichen Zug nehmen bis dahin, wo sie aussteigt, er umsteigt. Am 24. wird auch er kurz aussteigen, das Viertel und das Jugendstilgebäude auf den ersten Blick lieben, vom Feuer im Kamin angetan sein. Der Weihnachtszauber in der Luft lässt darin aufgehen.
Immer wird er später bittend fragen, ob er vorbeikommen könne. Es wird nie ein Nein oder eine Absage geben, kein Warten, kein Umsonst - als wüssten sie, dass es dieser Kraft nicht angetan werden durfte. Denn sie konnte wohl auch als panische Angst hereindrängen, so wie einmal in der Anfangszeit. Geblieben waren davon Lotto und Stoßgebet. "Wir gewinnen!" - was mochte es damit auf sich haben? Keine drei Schritte hätte sie mit ihm in diese Richtung gehen können. Ungelegen kam der ganz passable Gewinn dann wahrlich nicht, aber noch lange kein Grund, etwas davon anzunehmen. Als er dann aber ganz ruhig verfügte - fünf Teile für uns, drei für euch, reichte das weiter, machte Segen daraus.
Dort, das war ein abzuzahlendes Haus, Frau, Schwiegereltern und ja, auch Kinder - alle drei adoptiert. Hier zwei große Kinder und das, was nach der einstigen Scheidung so geblieben war.
Geblieben! Das war einmal. Was verlorengehen konnte, ging es nun, was auseinandergehen konnte, tat es
. "Ach ja, alles verloren, alles auseinander!", hätten Mütter früher gleich noch hingeworfen. "Versündige dich nicht!"

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