#1 Gedankensplitter//Wartezeiten von Anna Friedemann 20.01.2019 17:42

WARTEZEITEN

Müde und geschafft wanke ich am Ende meines Zwischendienstes zu meinem Polo, der eingereiht neben seinen Artgenossen steht. Ich atme tief aus, schnalle mich an und möchte Richtung Autobahn fahren, was mir leider nicht vergönnt ist, denn ein Umleitungsschild jagt das nächste. Mein Energie- und Motivationspegel neigt sich dem Nullpunkt entgegen, als ich nach vierzig Minuten immer noch durch Kiel tuckere. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr, sehne mich nur nach einem heißen Bad und meinem kuscheligen Bett. Ich warte in einer langen Kollonne, bestehend aus Auspuffgasen ausspuckenden Pkw's. Die stets anwachsende Autoschlange weigert sich hartnäckig, sich aufzulösen, denn "grüne Wellen" gibt es jeweils nur für zehn wahnsinnig lange Sekunden, bevor die Ampel wieder auf Rot springt. Ein Rendsburger Auto vor mir anfeuernd, rutsche ich ungeduldig auf meinem Sitz hin und her und die Prognose für meine Ankunftszeit verschiebt sich auf dem Navi gnadenlos nach hinten. Seufz.

Wenige Tage später sitze ich mit leicht angewinkelten Armen, auf denen Tropfen eines Allergietests glänzen, im Behandlungszimmer meines HNO-Arztes in Kiel. Zwanzig lange Minuten juckt es an der einen Stelle an meinem Handgelenk und ebenso, was gar nichts mit den Tröpfchen zu tun hat, an meiner Nase. Nicht kratzen zu dürfen, bis Natalie, die freundliche Arzthelferin, mich erlöst, ist nervig und ich zähle innerlich beim Countdown mit.

Ich war noch nie mit ausufernder Geduld gesegnet. Wenn ich als Kind die Päckchen auf dem Schlafzimmerschrank meiner Eltern sah, wollte ich auf keinen Fall bis Weihnachten warten. Als meine Schwester zur Schule kam und eine riesige Zuckertüte in den Händen hielt, konnte ich nicht glauben, dass ich bis zu meinem Tag X drei Ewigkeits-Jahre ausharren sollte. Autofahrten in den Urlaub erschienen mir endlos. Filigrane Bastelarbeiten, bei denen ich mit Engelsgeduld falzen und kleben musste, waren und sind mir bis heute ein Greuel. Wenn ich meinen Kindern etwas zu tun auftrug, wollte ich, dass es in den nächsten fünf Minuten erledigt wurde und ich scharrte innerlich mit "der Hufe", wenn sie mit ihrem ureigensten Phlegma, in ihrem Tempo die Arbeit verrichteten und genau dann, wenn sie "Bock" danach verspürten, keine Minute früher.

Diese Ungeduld habe ich definitiv mit meinen Genen weitergegeben. Ich erinnere mich beispielsweise, wie sich eine meiner Töchter den Knöchel verletzte und zu Ruhe, Hochlagerung des Fußes und Eiskühlung "verdonnert" wurde. Herumliegen und Nichtstun entsprachen so gar nicht ihrem stürmischen Temperament und so machte sie ihrem Ärger Luft, wann immer wir das Zimmer betraten und während wir versuchten, ihr jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

Seit letztem Jahr spukt mir ein Gedicht von Rilke im Kopf herum, indem es um Warten und Geduldigsein geht.

"Man muss den Dingen die eigene, stille, ungestörte Entwicklung lassen, die tief von innen kommt und durch nichts gedrängt oder beschleunigt werden kann, alles ist austragen- und dann gebären…Reifen wie der Baum, der seine Säfte nicht drängt und getrost in den Stürmen des Frühlings steht, ohne Angst, dass dahinter kein Sommer kommen könnte.
Er kommt doch! Man muss Geduld haben mit dem Ungelösten im Herzen und die Fragen selber lieb haben,
Wenn man die Frage lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein."

Er hat ja Recht, der gute, weise Rilke, alles braucht seine Zeit, hat seine Zeit. Dabei bin ich eher der Typ Mensch, der ziehen und zerren und schubsen will, der in langwierigen Warteprozessen zur Not auch Genmanipulation einsetzen würde, wenn es diese in puncto Reife- und Entwicklungszeit gäbe. Doch ich werde immer wieder ausgebremst, zur Ruhe und zum Abwarten gezwungen.

Ich denke an meine Fuß-Operation vor vielen Jahren zurück, mitten im Urlaub lag ich mit Schmerzmitteln zugedröhnt in meinem Bett in Schleswig-Holstein und humpelte ein paat Tage darauf mit Gips um den Beckenrand des Freibades. Mich im Selbstmitleid suhlend, sah ich plötzlich eine junge Frau, kahl geschoren, die ihre beiden Kinder beim Schwimmenlernen beobachtete , offensichtlich eine Krebspatientin. In diesem Augenblick erkannte ich die Absurdität meines Selbstmitleids, wurde ich still und dankbar dafür, dass vor mir eine zeitlich überschaubare Phase der körperlichen Einschränkung lag.

Manchmal, so scheint es mir, benötige ich einfach einen Perspektivwechsel, so wie im Freibad damals und wenn ich zurück schaue auf langwierige Wartezeiten in meinem Leben, wird mir bewusst, dass Wartezeit nicht immer sinnlos ist, sondern wie ein Atemholen, ein Seufzen, vielleicht sogar vergleichbar mit einer Presswehe, die ein wunderbar Neues Leben ankündigt.

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