#1 Was versäumt von Emiti 11.04.2019 15:18

Der Fahrpreis ist entrichtet, der Platz reserviert. Gleich geht es los. Auf diesem Bahnhof, der kein deutscher ist, steht der ICE bereit. Zurück von Frankfurt aus geht es mit dem TGV, dem französischen Höchstgeschwindigkeitszug. Deutsche Bahn und S.N.C.F. sind bei der Zugbegleitung jeweils gemeinsam vertreten - als Team - denn, so heißt es: Europa wächst zusammen.
Die Zeiten des Abteils, der strikten Länder- und Zonengrenzen sind vorbei. Zeiten, die sich mehr Zeit auf ihren Strecken nahmen, irgendwie mehr Teil ihrer Zeit waren. Stunde um Stunde ist inzwischen eingespart worden, die Aufenthalte immer kürzer, seltener. Besser noch. Mittels Parallelstrecken lassen die sich neuerdings ganz umgehen.
Der Reisende in Richtung Frankfurt hat davon so gut wie nichts mitgekriegt. Sonst würde er sich nicht sagen, dass nun bald Chalon-sur-Marne und dann auch Metz kommen müssten.
Doch nichts dergleichen.
So atmet er regelrecht auf, als die grundsoliden, freundlichen Häuser rechter und linker Hand langsam mehr und mehr werden. Erreicht ist damit Saarbrücken. Ein Hauptbahnhof im besten Sinne, dem dann weitere altbekannte folgen werden und auch die Flüsse, an denen sie ja alle jeweils liegen.
Dort, wo sich die Städte in den ersten zwei Stunden quasi verflüchtigt hatten, sah man auch die nicht mehr oder man sah eben nicht richtig hin, nicht zur rechten Zeit. Dafür begleiten wie eh und je entfernt liegende unscheinbare Ortschaften und nahestehender Baumwuchs dieses Fortbewegungsmittel, das nun zwar weniger stört, doch ansonsten Landschaft nur hinter sich lässt.
Im Winterhalbjahr, wenn fast auf der ganzen Strecke die Misteln hoch in den Bäumkronen aufleuchten und der Himmel sich zeigt, wie es ihm passt, meint man schon mal einen Blick in eine andere Realität zu tun, eine, die nicht unbedingt Gutes verspricht. War doch eben dieser Himmel wochenlang, Tag für Tag, mit Regenwolken geschwängert gewesen, die Flüsse beinahe übervoll. Doch wer mit seiner Wahrnehmung auf dem irdischen Stück Strecke schon so eingeschränkt ist, wird sich kaum auf ein noch ungewisseres Terrain begeben wollen.
Am frühen Abend ist der Zielbahnhof erreicht - ein hochmoderner jetzt; die Ansagen aber noch die gleichen. Und auch der Winter wird gleich nochmal mit strengem Frost einbrechen.
Als sich wieder unbeschwerter rausgehen lässt, führt der Holzergraben mal etwas mehr Wasser als gewöhnlich. Stellenweise murmeln die Wasser.
Inmitten dieses Plattenbauviertels, sorgfältig saniert, von den Bewohnern gehegt und gepflegt und um den Supermarkt herum recht belebt, lässt plötzlich ein Mistel-Baum aufblicken und fast zeitgleich weitersehen über die Mauer des alten Dorffriedhofs hinaus auf einen noch größeren - übervoll mit Misteln behangen.
Sie steht und steht, guckt zu dem einen und dem anderen - völlig losgelöst. Gleichzeitig löst sich ein junger Mann von da, wo er gestanden haben musste. Und schon fängt man an sich auszutauschen. Er weiß genau um das Zusammenleben von Baum und Strauch, auch, dass ersterem dadurch kein Schaden entsteht. Sie weiß, dass Mistel gut gegen Krebs sein soll.
Weiß aber nicht, was er wirklich sagen will damit, dass es so viel dagegen gäbe. Forschend läßt sie den Blick über ihn gleiten. Eine winzige Spur ist er anders, kaum wahrnehmbar dunkler. Zum Abschied, als sie sich die Hand reichen, in wenigen Minuten viel gesagt worden war, fügt er hinzu: Der Vater segne Sie. "Sie auch", kommt es von ihr.
Wie denn? War da nicht sonst vom 'Herrn' die Rede?
Weder von dem einen noch dem anderen konnte sie Segen erwarten - also erst mal diesen Weg nicht so bald wieder gehen, an nichts weiter rühren.
Als sie dann anfängt, sich zu fragen, warum diese beiden Städte an der Mistelstrecke eigentlich so geschnitten werden, tauchen Jahreszahlen auf 1870, 1914, 1941. Umkämpft - steht im Lexikon.

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